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Ein Tag im Leben eines Selfpublishers

Posted by Dieter Paul Rudolph - 3. Dezember 2015

Ich muss träumen. Nach dem Klick auf »Bericht aktualisieren« baut sich die Grafik meines KDP-Dashboard auf, nein, ein Pfeil schießt aus den Tiefen der »0 Verkäufe« beinahe senkrecht nach oben. Mein Blick folgt ihm langsam bis zur Spitze, wandert dann, noch langsamer, nach links. Wie viel Einheiten werde ich verkauft haben? Drei, fünf, gar zehn? Nimmt die lesende Welt endlich Kenntnis von »Die Metamorphose der sieben Chakren des trunkenen Türken«? Meine Augen lesen die Zahl, mein Mund murmelt sie. Fünf. Zig. Tausend. Ich muss träumen. Stimmt. Der Wecker klingelt.


Nach dem Frühstück Rechner hochfahren, bei Amazon einloggen, die KDP-Seite aufrufen. Wieder nichts verkauft. Und das am Geburtstag meines Buches, es ist eine Schande. Vor einem Jahr stolz der literarischen Welt geboren, drei Verkäufe bisher, davon eine Rückgabe. Danke, Mutter, dass du auch eins gekauft hast. Wer aber hat das dritte erworben? Ich weiß es nicht. Manchmal versuche ich mir diesen Menschen vorzustellen, wie er aussieht, welchen Geschlechts er ist, wo er wohnt. Ich weiß nur eins: Ich liebe ihn.

Mails checken. Verdammt, ich brauche kein Viagra! Dichter zeugen Dichtung, das ist ein Akt der Selbstbefriedigung, pralle Schwellkörper sind dazu nicht erforderlich. Wieder keine Mail von Suhrkamp, S. Fischer und Co. Dabei erzählt man sich doch auf Facebook von den marodierenden Talentsuchern der großen Verlage! Dass sie neue, frische Stimmen im literarischen Universum ausfindig machen wollen! Alles Lüge! Noch hat sich niemand bei mir gemeldet. Dabei: Ein Buch, von dem bisher drei Exemplare (nun ja, eigentlich nur zwei …) verkauft wurden, kann einfach nicht schlecht sein („einfach“ streichen, weil Füllwort).

Mittag. Bis halb zwölf habe ich alle drei Sekunden »Bericht aktualisieren« gedrückt, es hat nichts geholfen. Die rote Linie bleibt identisch mit der x-Achse der Koordinatensystems, da hilft es auch nicht, dass ich mehrmals von »Letzte 2 Wochen« zu »Letzte 30 Tage« wechsele. Natürlich auch keine Ausleihen. Ich sollte wieder eine Gratisaktion machen, irgendeiner greift immer zu, wenn es was umsonst gibt.

Dosenravioli und Mittagsschläfchen, danach in Rüdiger von Unsterns »Kleine Fibel für Dichter« geblättert. Ich liebe dieses Werk. Aus ihm habe ich erfahren, dass nach einem dreisilbigen Verb kein viersilbiges Substantiv stehen darf, das ist schlechter Stil, fast so schlimm wie wenn einer »Morgen macht Mutter Mirabellenmarmelade mit Mokkalikör« schreibt.

15 Uhr. Zeit, wieder den Verlauf meiner Verkaufsstatistik bei Amazon zu analysieren. Wie nicht anders erwartet, hat sich nichts getan. Noch einmal schweifen meine Gedanken zu jenem unbekannten Leser, der »Die Metamorphosen der sieben Chakren des trunkenen Türken« gekauft hat. Warum hat er keine Rezension verfasst? Warum nie versucht, mit mir Kontakt aufzunehmen? Vielleicht ist er inzwischen verstorben? Muss so sein.

Ich wechsele zu Facebook ins Selfpublisher-Forum. Was die so alles schreiben! »Darf man Adjektive verwenden, um den Umstand, dass ein Auto rot oder blau ist, wiederzugeben, oder wie soll man das sonst machen?« Ich schüttele den Kopf. In der »Kleinen Fibel für Dichter« hat von Unstern ein für allemal festgelegt, dass Adjektive keine richtigen Wörter sind, sondern von Gebrauchtwagenhändlern erfunden wurden, um ihre Schrottkarren anzupreisen. Scheint sich bei den Selbstpublizierenden noch nicht herumgesprochen zu haben. Naja, sind ja auch keine richtigen Schriftsteller. Kaufmännische Angestellte und hobbylose Hausfrauen halt, was will man da schon verlangen.

18 Uhr. Ich sollte allmählich an der Fortsetzung des »Trunkenen Türken« weiterarbeiten. Irgendwie fehlt die Motivation. Wenn mein einziger Leser doch gestorben sein sollte? Für wen schreibe ich dann? Meine Mutter kauft auch kein Buch mehr, hat sie mir gesagt, weil ich einmal, wirklich nur einmal, ihre Königsberger Klopse nicht gelobt habe. So sind sie eben, die Mütter.

20 Uhr. Mailcheck. Wieder Viagra. Kein Suhrkamp. Idioten! Es wird ihnen noch leidtun! Die hätten nicht mal Homer genommen, »zu alt« hätten sie gesagt! Der Literaturbetrieb ist eine Hure! Ach, leckt mich doch!

21 Uhr. Noch eine Stunde am Dashboard herumspielen und darauf warten, dass sich die rote Linie ein wenig von der x-Achse löst. Mein Gott, ich verlange doch nur 99 Cent … Was kriegt man für 99 Cent? Nicht mal eine halbe Tasse Kaffee. Und draußen gibt es sowieso nur Kännchen.

22 Uhr 30. Ins Bett. Träumen. Immer denselben Traum. Ich drücke auf »Bericht aktualisieren« und … Eines Tages wird es wahr sein. Kein Traum. Ich werde nicht erwachen. Wahrscheinlich bin ich dann tot.

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Eine Antwort to “Ein Tag im Leben eines Selfpublishers”

  1. Tintenhexe said

    Haha =) Dir viel Erfolg mit deinem Buch! FInde deinen Bericht echt toll, weil so selbstironisch!

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