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Ein Gespräch mit Martin Compart (2009)

Posted by Dieter Paul Rudolph - 7. August 2009

compart_fotoMartin Compart, 1954 in Witten / Ruhr geboren, gehört seit den frühen 80er Jahren zu den umtriebigsten, produktivsten und unbequemsten Protagonisten der deutschen Krimiszene. 1982 wurde der studierte Politikwissenschaftler Herausgeber der gelben Ullstein-Krimis, betreute ab 1996 die Kriminalliteratur des Verlags Bastei Lübbe („Schwarze Serie“) und arbeitete ab 1999 an der ebenso wichtigen wie kurzlebigen Reihe DuMont Noir. Daneben veröffentlichte er Diverses zum Krimi in all seinen Erscheinungformen, u.a. in Spiegel, Esquire, taz und Musik-Express, widmete sich dem Drehbuchschreiben (1. Preis des SAT 1 – Drehbuchwettbewerbs 1994, Preis „Das Script“ von Taunus-Film 1996). Immer auch wieder Buchprojekte, vor allem zum Noir: „Noir 2000“, „Dark Zone“, „2000 Light Years from Home“. 2001 kam schließlich  im Strange Verlag sein erster Kriminalroman „Der Sodom-Kontrakt“ (2007 im Alexander Verlag neu veröffentlicht) auf den Markt, am Nachfolger wird gearbeitet. Seit einiger Zeit ist Martin Compart auch als Blogger tätig, u.a. mit detailreichen  Dokumentationen zu Raymond Chandler, der Entwicklung der Pornoindustrie und Krimiserien. (Mehr zur Biografie hier)

Dieter Paul Rudolph: Martin, wie geht’s? Blendend, nehme ich an. Als jemand, der schon aktiv war, als Krimi irgendwie immer noch ein Schmuddel- davor gesetzt bekam,musst du dich doch an der schönen neuen Krimiwelt erfreuen: Noir und Pulp jetzt auch bibliophil mit Lesebändchen, die Herren Manchette, Raymond et al. längst gesuchte Klassiker, als Krimikritiker kann man es inzwischen sogar zum Krimigroßkritiker bringen – und die Banken machen auch wieder Gewinne. Du stimmst mir hoffentlich zu…

Martin Compart: Ganz so war das nicht: Dank des Diogenes Verlages und auch durch die Arbeit von Richard K.Flesch bei Rowohlt kam der Kriminalroman in den 1970ern schon aus der Schmuddelecke raus. Jedenfalls für einige hirnentkernte Kritiker, die nicht mal erkennen konnten, dass die Ullstein-Übersetzungen von Chandler besser waren als Wollschlägers Diogenes-Übersetzungen. Das große Verdienst von Diogenes war es, virtuos auf der Klaviatur der komatösen Bildungsbürger zu spielen und den Taschenbuchkrimi geschenkfähig zu machen. Erst Jahrzehnte später haben das andere Verlage entdeckt und durch besondere Ausstattung der TBs nachgemacht.

Noch heute höre ich gelegentlich im WDR 2 dümmliche Kritiken von Gestalten wie Christine Westermann, die sowas erzählt wie „mehr als ein Kriminalroman“. Das ist diese uralte, verblödete Herangehensweise. Eine Strapaze, sowas, man glaubt jede fehlende Gehirnzelle zu hören. Nichts hat sich wirklich verändert. Nur hat man einigen Kritikern andere mediale Spielwiesen gegeben. Was sich zum Schlimmen verändert hat, ist die Situation in den Verlagen: Ohne Not wurden Reihen aufgegeben und damit ein sicheres Umfeld, neue Autoren kontinuierlich aufzubauen. Und der Drang frustrierter Zahnarztgattinnen und grüner Kindergärtnerinnen zum depressiven und langweiligen Skandinavienkrimi geht mir ebenfalls auf den Senkel. Erst hat man die Männer aus den Buchhandlungen vertrieben (die gehen nur noch rein wenn ein neuer Scholl-Latour, Forsyth etc. am Start ist) und jetzt produziert man ultrabrutalen Psychoquark, so realistisch wie ein Fantasy-Roman, für ein weibliches Publikum, dessen Kulturverständnis autoritäre Mittelschicht ist. Die Cognoscenti des Genres müssen sich bis auf wenige Ausnahmen (Heyne Hardcore, Hard Case Crime, James Siegel, Craig Russell und einige mehr) ihren Stoff fremdsprachig besorgen. Dank Amazon oder Abe Books ja auch kein Problem. Die deutsche Krimi-Produktion war nie langweiliger als jetzt. Zum Glück braucht man sie ja nicht.

Dpr: Harte Worte. Jetzt könnte man natürlich sagen: Okay, für ein bestimmtes Segment und eine bestimmte Auffassung von Krimi hat der Compart ja recht. Aber für diese Sachen hat sich doch eine Nische entwickelt. In Kleinverlagen veröffentlicht – Pulp Master, Edition Phantasia, Distel, Alexander Verlag, Liebeskind etc. -, in Buchhandlungen so gut wie nie präsent, von einer überschaubaren Menge Leser heiß geliebt. Wäre das nicht eine Möglichkeit, diese nicht stromlinienförmigen, nicht auf „die Bedürfnisse des Kulturmenschen“ zurechtgeschnittenen Krimis zu pflegen? Im Kleinen halt und im Internet beworben, rezensiert? Oder überschätzt man allgemein die Möglichkeiten kleiner Verlage und des WWW?

M.C.: Die Konsumenten entscheiden in keinem Bereich der Gesellschaft darüber, was ihre Bedürfnisse befriedigt. Sie können lediglich unter dem wählen, was ihnen vorgesetzt wird. Und das ist in der Kriminalliteratur ähnlich wie beim deutschen Fernsehen: unten angesetzte Nivellierung. Es ist idiotisch, erst Käufer zu vergraulen und zu verprellen, um anschließend zu sagen, diese Leute würden das ja nicht kaufen, was ihnen nicht angeboten wird. Ganz übel sieht es da auf dem Gebiet des Polit-Thrillers aus: Keine zehn Prozent von den zeitgenössischen internationalen Polit-Thrillern erreichen den deutschen Markt.

Das Web mit Amazon und dem Direktvertrieb wird langfristig den großen Buchhandelsketten heftig zusetzen. Kleine Spezialbuchhandlungen, ob sie auf Geschichte, Politik, Horror, zeitgenössische Experimentalliteratur oder Crime setzen, wird das weniger betreffen, da diese Buchhandlungen auch immer Orte sozialer Kontakte sind.

Die Kleinverlage haben ein Problem: Potentielle Käufer wissen oft nicht, dass es sie gibt. Ein PR- und Marketingproblem, das etablierte Publikumsverlage nicht haben. Aber auch sie werden immer stärker vom Web und den sich dort findenden Societies profitieren. Mir kommt das momentan wie eine Umbruchssituation vor. Da immer mehr Menschen die lesen (was immer weniger werden dank der Verelendungspolitik der Parteien), auch Fremdsprachen lesen, wird das deutsche Buchverlage sowieso schmerzhaft treffen. Denken wir nur an die Erfahrung mit Harry Potter. Anderes Beispiel: Aktuell hält ein amerikanischer Verlag das Manuskript eines Bestsellerautors für den deutschen Lizenznehmer zurück. Warum? Die deutsche Übersetzung soll nicht, wie vertraglich verabredet, zeitgleich erscheinen, damit die Amerikaner ein paar Monate Vorsprung haben, um ihre englischen Ausgaben in den deutschen Markt hinein zu verkaufen. Was derartiges Vorgehen für Verlage in Skandinavien oder die Benelux-Länder mit ihren noch geringeren Auflagen bedeutet, lässt sich leicht nachvollziehen. Also auch hier Globalisierung zu Gunsten des guten, alten US-Kulturimperialismus.

Dpr: Würdest du der Ansicht zustimmen, dass wir im Großen und Ganzen eine affirmative Kriminalliteratur haben, die uns mit Pseudoproblemen von den wirklichen Schweinereien ablenkt? Und dass alles, was in diesem Idyll irgendwie verstörend sein könnte, automatisch an die Ränder gedrängt wird? Oder ist das überhaupt kein Thema und die Leute wollen sich mit Krimis eh nur spannend unterhalten?

M.C.: Indem der Noir-Roman Protagonisten vorführt, die oft Täter oder Opfer sind, macht er die Wirkung gesellschaftlicher Kräfte auf das Individuum schmerzhaft erfahrbar. Von orthodoxen Marxisten wie Mandel wird der Kriminalliteratur wegen ihrer Unterlassung bestimmter Propagandastrategien deshalb auch häufig Nihilismus und Bestätigung der Ausweglosigkeit vorgeworfen. Dies trifft auch zu. Dieselben Vorwürfe muß sich auch der Existenzialismus gefallen lassen. Man könnte die Schraube des philosophischen Subtextes des Noir-Romans noch etwas weiterdrehen: In der festen Überzeugung, daß marxistische, leninistische oder maoistische Heilslehren letztlich kapitalistischen Interessen dienen, entzieht sich der Noir-Roman einer propagandistischen Stellungnahme und zeigt ausschließlich die existenzielle Wirkung eines langfristig selbstzerstörerischen Ordnungsprinzips. Der Verfall bürgerlicher Normen wird in der Kriminalliteratur beschrieben und beklagt. Über mehrere historische Epochen hinweg können wir dies parallel zum Machtzuwachs des Monopol- und Staatskapitalismus entziffern. Dass ausgerechnet heute, wo monopolkapitalistische Interessen mit nie gekannter Brutalität unter den Stichworten Globalisierung und moralische Kriegsführung durchgesetzt werden, der Noir-Roman in neuer Blüte steht, verwundert wohl keinen. Auch nicht verwunderlich ist der erneute Erfolg der bestätigenden Kriminalliteratur des klassischen Detektivromans: als ideologische Strategie versucht er gesellschaftliche Sicherheit zu suggerieren, wo diese nicht mehr besteht. Die bei uns so kommerziell erfolgreichen Kriminalromane, insbesondere die depressiven ultrabrutalen Psychos der Skandinavier, wirken auf mich anti-aufklärerisch, weil sie Zusammenhänge verkürzen oder verschleiern. Die individuelle Psychose wird vulgärpsychologisch erklärt und der gesellschaftliche Zusammenhang defätistisch beklagt.

Ja, ich glaube, dass Eric Ambler, Ross Thomas oder Frederick Forsyth momentan keine Konjunktur haben, bzw. elitär sind. Ein echter Widerspruch zu ihren Inhalten.

Momentan gilt bei uns auf Slasher-Niveau der alte Satz: Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett. Unterhaltsames aufgeilen an kochenden Frauenverstehern und Serienkillern ist wohl das Erfolgsrezept der Stunde.

compart_suarezDpr: Sprechen wir von den Lesern. Was die unter „Krimi“ verstehen, wird ja maßgeblich von der schieren Quantität des verfügbaren Stoffs, seiner Präsentation und dem Marktgeschrei bestimmt. Du selbst hast dich in vielfältiger Weise dafür engagiert, den Noir unters deutsche Lesevolk zu bringen, als Herausgeber (u.a. von „Die verdeckten Dateien“ von Derek Raymond, einem Schlüsselwerk zum Verständnis des Noir), Kritiker und Autor („Der Sodom-Kontrakt“; am Nachfolger arbeitest du wohl gerade). Du warst zudem Co-Herausgeber zweier Krimijahrbücher Ende der 80er, Anfang der 90er. Warum hat das ebenso wie die Anstrengungen anderer letztlich nicht geklappt? Vor kurzem wurde in einem Leserforum Derek Raymonds „Ich war Dora Suarez“ als ein besonders blutrünstiger „Serienkillerthriller“ gelobt — muss man da nach all den Anstrengungen nicht resignieren? War es ein aussichtsloser Kampf gegen die Macht des Marktes? Hätte man die Kräfte nicht bündeln müssen?

M.C.: Die Leserschaft hat sich seit den 1980ern verändert. Das hat viele Gründe. Es hängt sicherlich mit unserem katastrophalen Bildungssystem zusammen und mit der nie gebrochenen Diktatur des Kulturklüngels, der nun auch sein wilhelminisches Kulturverständnis im Fernsehen breittritt. In Reihen wie Ullstein, Heyne usw. funktionierten Noir oder Polit-Thriller bestens. Mit der Vernichtung der Reihen hatte man den Lesern auch die Orientierungspunkte weggenommen. Dumont Noir funktionierte (auch dank Autoren wie Pelecanos oder Lansdale). Das Einstellen hatte andere Gründe über die ich mich schon ausgelassen habe.

Wesentlich ist, dass das männliche Publikum verscheucht wurde. Ähnliches gilt fürs Sachbuch, das inzwischen auch primär feminin ausgerichtet ist. Zeitgeschichtliche politische Sachbücher sind selten und ebenfalls fast nur noch bei Kleinverlagen zu finden.

Leider haben wir nicht so ein aufgeklärtes, mit stolzen Traditionen bedachtes Publikum wie die Franzosen. Aber wir wollen auch nicht vergessen, das Edgar Wallace immer mehr Bücher verkaufte als Ross Thomas. Noir war immer eine Minderheitenliteratur bei uns – aber früher auf hohem Niveau. Selbst bei Diogenes läuft ein Jim Thompson schlecht. Schlechter als früher bei Ullstein. Oder jemand wie Elmore Leonard wird bei uns nicht mal mehr veröffentlicht. Da sind große Chancen für Kleinverlage (Shayol macht das mit Lansdale genau richtig). Aber meistens ist die Kapitaldecke zu dünn für echte Kontinuität. Kontinuität ist das Wichtigste, um eine Reihe oder einen Autor durchzusetzen.

Dpr: Von der deutschen Krimiszene hältst du – siehe oben – nicht viel. Wie der Zufall will, habe ich gerade ein Interview mit Volker Albers, u.a. Juror der KrimiWelt-Bestenliste gelesen, das mit der  Behauptung beginnt: „Der deutschsprachige Krimi erreicht heute ein deutlich höheres literarisches Niveau als noch vor wenigen Jahren.“ Als Krönungen des hiesigen Genres nennt er dann Wolf Haas und Heinrich Steinfest. Beide Österreicher, beide Autoren von im weitesten Sinne „humoristischen Krimis“, also dem genauen Gegenteil von Noir (wo ja selbst der Humor, wenn er denn auftaucht, immer tragisch und bitter-destruktiv ist). Könnte es nicht sein, dass das Noir-Prinzip schlichtweg überholt ist und auch in der „besseren Kriminalliteratur“ ein Paradigmenwechsel stattgefunden hat? Wobei mir – ich gestehe es – nicht klar ist, was z.B. Albers unter „literarischem Niveau“ versteht.

M.C.: Quantitativ hat der deutsche Krimi sicherlich ein höheres Niveau erreicht. Wenn alle Syndikat-Autoren sich gegenseitig kaufen, reicht das schon für eine Auflage. Qualitativ hat der deutsche Thriller oder Detektivroman nie wieder das Niveau alter Cracks wie Hans Gruhl oder Philip Vandenberg erreicht. Während ich Österreicher wie die Abenteuer von Ostbahn Kurti mit Vergnügen lesen kann, finde ich Haas unleserlich, fürchterlich gewollt, ohne Charme und Stil. Reine Pose. Ich lese kaum deutsche Krimis. Warum soll ich 2.Liga gucken, wenn ich eine Weltmeisterschaft empfangen kann? Da ist mir meine Restlebenszeit zu wertvoll.

Ist Chandler überholt? Oder Cain? Oder Crumley? Oder…Der noir-Roman kann nicht überholt sein, solange er die Gesellschaft und ihre Wandlungen reflektiert. Bei manchen Autoren origineller und literarisch gelungener, bei manchen weniger gelungen. Das Problem mit Noir in Deutschland ist, dass Noir hier Avantgarde ist – ganz im Gegensatz zu seinem Impetus und was z. Bsp. Manchette von ihm verlangt hat. Der durchschnittliche deutsche Krimi ist klischeehaft (ohne mit Klischees spielen zu können) und langweilig. Im Fernsehen ist es genauso: Man vergleiche nur die verwahrlosten TATORTE, ZDF oder RTL-Produktionen mit Serien wie SHIELD, WIRE oder SPOOKS. Genauso groß ist der Unterschied in der literarischen Produktion. Erfolg ist schön, aber kein Kriterium für Qualität. Sowas gibt es auch bei den Angelsachsen: Das literarische Niveau eines Dan Brown liegt unter dem der besten JERRY COTTONS. Übrigens habe ich immer darauf hingewiesen, dass einige der am besten geplotteten deutschen Krimis, die ich gelesen habe, JERRY COTTON, MISTER DYNAMIT oder KOMMISSAR X-Romane waren. Das erste Mal, dass ich überhaupt über Nicaragua gelesen habe, war ein KOMMISSAR X-Roman (KX im Widerstand gegen das Somoza-Regime). Bei uns wäre der Heftroman, wie früher die Dime Novels oder Pulps, für Autoren die beste Möglichkeit, überhaupt das Handwerk zu lernen. Du kannst erst „Kunst“ machen, wenn du zuvor das Handwerk gelernt hast. Und was spricht gegen so ausgezeichnete Handwerker wie John D. MacDonald oder Charles Williams? Die waren nie in der Chandler-Liga, sind aber für die meisten deutschen Autoren (zum Glück gibt es ein paar Ausnahmen) unerreichbar.

Dpr: Nun sind die Heftautoren wie etwa C.H. Guenter (KOMMISSAR X) tatsächlich kein Thema für die Erforschung der Kriminalliteratur. Wie überhaupt alles was nach „Heft“ klingt, gar „Comic“ bei uns noch sträflich vernachlässigt wird. In den USA etwa sind Graphic Novels schon seit längerem ein großes Ding, bei uns findest du kaum jemanden, der etwas Vernünftiges dazu sagen kann. Ist das vielleicht ein Grund für die Misere, auch im Fernsehen? Literatur / Film als Bildungsgut, während doch gerade Krimi ohne einen Eimer Trivialität gar nicht denkbar ist? Wenn etwa an deutschen Universitäten ein Seminar über Heftromane läuft, dann zumeist im Sinne „Mal schaun, was die Ungebildeten so lesen“.

compart_guenterM.C.: Zum Heftroman lässt sich sagen, dass empirische Erhebungen keine Unterschichtsfixierung zeigen. Das Klientel rekrutiert sich aus allen Bildungsschichten. Das unterstellte Präkariat, falls es denn überhaupt noch lesen kann, ist längst zum Fernsehen abgewandert. Angesichts der Quotenhits kann man wohl unterstellen, dass fast nur noch die Unterschicht das freie Fernsehprogramm nutzt.

Frank Allan, John Kling oder Jerry Cotton bei der Erforschung deutscher Krimitraditionen auszulassen ist etwa so, als würden die Amerikaner ihren Nick Carter und andere Dime Novel-Heroen verschweigen, die bekanntlich das Bindeglied zwischen den Westernhelden und dem Private Eye oder anderen Hard-boiled-Typen sind.

Was bei uns alle paar Jahre als große Literatur abgefeiert wird, übersteht ja kaum den Zehnjahrestest. Meist ist das Lesen reine Zeitverschwendung. Grass oder Walser werden längst vergessen sein, wenn man Unterhaltungsschriftsteller wie Shakespeare, Dickens oder Chandler noch begeistert lesen wird.

compart_sodomDpr: Zum Abschluss noch eine Frage zum Romanautor Martin Compart. Du hast in deinem Blog schon angekündigt, dass ein Nachfolger von „Der Sodom-Kontrakt“ kommt, wahrscheinlich als Book on Demand und mit vorangehender Teilveröffentlichung im Netz. Gibt es schon Genaueres?

M.C.: Ja. Ich sitze an den Korrekturen. Der Teilvorabdruck soll bei Evolver kommen, aber falls das zu lange dauert, in meinem Blog. Das Buch als BoD wird wohl spätestens im Oktober lieferbar sein (ein weiteres ist in Planung). Ich bin mal sehr gespannt auf die Erfahrungen mit BoD und werde diese im Blog weiter geben. Ich kann mir schon vorstellen, dass BoD eine große Zukunft hat. Das Problem ist PR und Marketing. Also das Produkt zu popularisieren. Wenn ich nicht weiß, dass es das Buch gibt, werde ich schließlich auch nicht danach suchen. Sollten sich diese Probleme im Netz lösen lassen, dann könnte eine direkte Gegenverlagswelt entstehen, die – ähnlich wie bei der Musik – demokratisch und direkt, unter Ausschluss des Zwischenhandels durch Verlage und Buchhandlungen, Produzent und Endverbraucher verknüpft. Das wäre ein herber Schlag für unsere Krämerkultur.

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Eine Antwort to “Ein Gespräch mit Martin Compart (2009)”

  1. […] aber auch einfach die Männer gewandelt. Wäre ihnen zu wünschen. Das ganze Interview gibt es bei Krimikultur: Archiv […]

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