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Der Anti-Schreibratgeber-Schreibratgeber

Posted by Dieter Paul Rudolph - 28. August 2015

Wenn ich einen Kuchen backen will und keine Ahnung habe, wie ich das anstellen soll, dann frage ich jemanden, der Ahnung davon hat. Warum also nicht auch, wenn ich „ein Buch“ schreiben möchte und nicht weiß, wie? Da immer mehr Menschen „ein Buch“ schreiben wollen – warum auch immer, vielleicht weil das Fernsehprogramm immer schlechter wird oder man der Einzige im Büro ist, der noch keins geschrieben hat -, gibt es auch immer mehr Menschen, die „Schreibratgeber“ veröffentlichen. Um es vorweg zu sagen: Ich gehöre dazu, wenngleich mein oberster Rat immer der ist, dass gute Literatur vor allem jenseits von Regeln entsteht. Wäre dies nicht der Fall, würden wir unsere Geschichten noch immer in antikem Versmaß verfassen.

Aber es geht hier gar nicht um eine Kritik an Schreibratgebern, obwohl sie in vielen Fällen angebracht wäre. Das Wiederkäuen von Allgemeinplätzen („Show don’t tell“, wenig Adjektive, keine allzulangen Sätze, möglichst keine Füllwörter), die sehr relativ sind, groteske Verwechslungen von „überarbeiten“ und „lektorieren“ – Schwamm drüber. Denn im Grunde gibt es nur eine Handvoll „Regeln“, die man beachten sollte, sie sind nicht trivial, ganz im Gegenteil, aber sie engen die Kreativität nicht ein, sondern sind ihr solides Fundament.

  1. Du schreibst für andere, nicht nur für dich. Das ist der entscheidende Moment, in dem man zum „Autor“, zur „Autorin“ wird. Ziel ist es, die Gedanken mit anderen so zu teilen, dass sie zu den ihren werden. Ein Text ist erst dann Literatur, wenn er im Kopf der Leser zu anderen Texten wird. Geschieht das nicht, spricht man nicht von Literatur, sondern von Drucksachen.
  2. Du musst lesen! Ja, das sagen sie alle … aber Lesen ist nicht gleich Lesen. Bei Autoren ist es ein schöpferischer Prozess, sie studieren quasi im Selbstexperiment, wie ein Text wirkt – und warum – oder eben nicht. Mein Paradebeispiel ist immer Vladmir Nabokovs „Lolita“. Wer nach der Lektüre glaubt, er habe die Bekenntnisse eines Päderasten gelesen, hat NICHTS gelernt. Wer aber erkennt, dass er er soeben eines der größten und verschachtelsten Prosawerke des 20. Jahrhunderts gelesen hat, der ist auf dem richtigen Weg.
  3. Vergiss den Deutschunterricht. Akzeptiere, dass Herr Duden ein Buchhändler war, der die DARSTELLUNG von Sprache vereinheitlichen wollte, aber nicht der Gott der Sprache, dem wir fortan alle huldigen sollten. Credo: Literatur kennt keine „korrekte“ Sprache, sondern immer nur die, mit deren Hilfe sie einen Inhalt ANGEMESSEN fixieren kann. Subjekt – Prädikat – Objekt? Muss nicht sein. Keine Füllwörter? Aber ja doch! Wenn es die richtigen sind, sind sie unerlässlich.
  4. Das, was du NICHT schreibst, ist wichtiger als das, was du schreibst! Hängt mir 1. zusammen. Nichts ist deprimierender als geschwätzige Literatur, die ihre LeserInnen wie kleine Kinder an die Hand nehmen möchte, ihnen nichts zutraut, schon gar nicht, selbst zu denken. Das Weglassen als die hohe Kunst der Literatur – so ziemlich das Schwierigste und so ziemlich das Faszinierendste.
  5. Sprache ist das einzige Werkzeug, das zugleich sein eigenes Material ist. Nein, deine Geschichte ist wahrscheinlich nicht „einzigartig, noch nie dagewesen“! Erst die Gestalt, in die du sie mit deiner Sprache bringst, macht sie zu etwas Solitärem. Wer es schafft, Sprache mit Sprache zu bearbeiten, ist ein Literat und selbst die alltäglichste Geschichte wird dann zu einem besonderen Ereignis, einer faszinierenden Welt. Also: Beschäftige dich mit Sprache, lese viel (siehe 2.) und vergiss nicht, dass du auf der Schulter von Riesen stehen könntest und dass dies allemal besser ist, als in der Notdurft von Zwergen zu waten. Der große Arno Schmidt hat einmal gesagt, eine Seite Prosa sei wie eine Bildsäule, ein Kunstwerk an sich und gefälligst mit der gleichen Sorgfalt zu bearbeiten wie ein solches.

So, mehr braucht man eigentlich nicht. Aber, noch einmal, das sind keine trivialen Empfehlungen, und wenn du sie beherzigst, ist der „große Roman“ noch lange nicht geschrieben. Meinetwegen kauf dir nun ein Dutzend Schreibratgeber, lerne die Regeln – und überlege, wie du sie brechen kannst.

dpr

 

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