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Lektorinnen – einige Wahrheiten

Posted by Dieter Paul Rudolph - 13. August 2015

Lektorinnen – geheimnisvolle Wesen, geliebt und gehasst, so mysteriös wie Yetis und Yogis. Und wieso eigentlich „LektorINNEN“? Weil die meisten Mitglieder dieses Berufsstandes nun einmal weiblich sind und wir die Männer deshalb unter „Lektorinnen“ mitlaufen lassen. Erste schlichte Wahrheit.

Und gleich ein paar weitere. „Lektor“ ist kein offizielles Berufsbild mit Ausbildungs- und Prüfungsverordnung. Jeder kann sich so nennen und seine Dienste anbieten – und seit dem Selfpublisher-Boom wird davon auch reger Gebrauch gemacht. Nächste Wahrheit: Das Studium der Germanistik oder Literaturwissenschaften befähigt nicht per se zum Lektorieren. Wer jemals einen Schritt in ein germanistisches Seminar gesetzt hat, weiß, dass man dort viel lernen kann: Mittelhochdeutsch, korrektes Zitieren und Bibliografieren, den historisch-kritischen Umgang mit Texten, dazu allerhand Buntes aus der aufregenden Welt der Literaturgeschichte. Wie man „besser schreibt“, lernt man dort nicht. Und auch nicht, wie man rechtschreibt.

Und noch, ganz kurz, etwas ebenso Wahres wie von gewissen Leuten penetrant Ignoriertes: Lektoren sind keine Korrektoren. Und Autoren können nicht ihre eigenen Texte lektorieren. Sie können sie überarbeiten.

Soweit das. Kommen wir nun zu dem, was ein Lektor ist und braucht. Als Erstes: Sprachgefühl. Gewisse Formulierungen müssen einem den Bauch vor Schmerz zusammenziehen, holperige Satzrhythmen das Gleichgewichtszentrum stören und einen taumeln lassen. Sprachgefühl ist nicht angeboren. Und Lektorinnen sind als Kleinkinder auch nicht in einen Topf mit „korrektem Deutsch“ gefallen und wissen fortan, was gut und richtig oder schlecht und falsch ist. Denn. Es gibt kein korrektes Deutsch in der Literatur. Kein einheitlicher „guter Stil“ und ergo auch keinen schlechten. Wir reden hier nicht über Deutschaufsätze, Behördenschreiben oder Einkaufszettel, wir reden über Literatur. Jedes literarische Werk hat seinen eigenen „guten Stil“, es erschafft ihn aus sich heraus. Dass man dabei meistens Herrn Duden und seinen Nachfahren folgt – geschenkt. Wortneuschöpfungen hingegen sind willkommen, wenn sie vonnöten sind – „Er sah mich schiefmichelgrinsemäulig an“ -, aber alle anderen guten Ratschläge – „vollständige Sätze, wenig Adjektive, nichts verschachteln“ – kann man getrost in die Tonne kicken.

Sprachgefühl ist erlernbar. Man muss viel lesen und, sehr wichtig, über das Gelesene nachdenken. Sprache ist nicht immer logisch – aber öfter, als man denkt. Sätze wie „Er setzte sich hin und schrieb ein Buch“ sind geeignet, guten Lektorinnen körperliches Unwohlsein zu bereiten. Niemand hat jemals ein Buch geschrieben, sondern höchstens einen Text. Bücher sind Produkte aus Papier, Farbe, Leim und sonstigen Zutaten, manchmal auch aus digitalen Zeichen und Programmiercode. Sie werden nicht geschrieben, sie werden hergestellt.

Lektorieren heißt, die Einzigartigkeit eines Textes vor den Schablonen der Sprache, den Worthülsen und 0815-Formulierungen zu beschützen. Ein Beispiel: „Er stürzte wie in Zeitlupe den Abhang herunter.“ Abgesehen davon, dass er den Abhang HINunter stürzt: Kein Mensch, kein Tier, kein Ding stürzt „wie in Zeitlupe“. Der Begriff stammt aus der Sportberichterstattung und ist rein technischer Natur. Eine Szene wird mit einer größeren Anzahl von Einzelbildern wiedergegeben, so dass der Eindruck von Langsamkeit entsteht. Man kann sich folglich an etwas „wie in Zeitlupe erinnern“, weil das Gedächtnis bestimmte Ereignisse in eine Vielzahl von Bildern zerlegt. Aber man kann im Moment des Ereignisses selbst dieses nicht verlangsamt wahrnehmen. Sorry, geht nicht.

Nun, das ist natürlich pedantisch und kleinkariert? Mag sein. Der Normalleser wird sich an „wie in Zeitlupe“ nicht stören. Ein Lektor schon. Er sollte seinem Schützling erklären, warum er das tut, und dass es nichts schaden kann, sich näher mit Sprachlogik zu beschäftigen. Ob der Autor sich dies zu Herzen nimmt, ist seine Sache. Denn noch eine Wahrheit: Lektoren sind keine Diktatoren. Sie machen Vorschläge.

Überspringen wir einige der Pflichten von Lektorinnen, die jedermann geläufig sein sollten: Logikfehler beheben, schiefe Bilder und Vergleiche ausmerzen, abenteuerliche Satzkonstruktionen auf solide Füße stellen. Frage: Wozu tut er das überhaupt? Antwort: Weil er an die Adressaten eines Textes denkt. Die Leser. Denn ein Lektor ist sozusagen der Vermittler zwischen Autor und Leser. Eine neutrale, kritische Instanz, die den entscheidenden Prozess steuert, ohne den Literatur gar nicht erst stattfindet. Denn ein Text ohne Leser ist – ein Text. Aber keine Literatur. Literatur ist ein kommunikativer Akt, bei dem der Text eines Fremden zum Text des Lesers wird. Folglich muss er so beschaffen sein, dass der Leser die Chance hat, ihn zu seinem zu machen.

Bevor man jetzt entrüstet aufschreit: Nein, das bedeutet nicht, den geringsten gemeinsamen Nenner zu suchen! Wie „schwierig“ ich einen Text gestalte, hängt von meinen Absichten, meiner intendierten Zielgruppe ab. Wer einen Psychothriller schreibt, der die Leser „nur“ unterhalten soll (schwer genug), wird dabei anders vorgehen als ein Autor experimenteller Prosa. Hier geht es auch nicht um gute oder schlechte, hohe oder triviale Literatur, hier geht es um die möglichst perfekte Verbindung von Schöpfer- und Leserintention. Schon deshalb ist mir ein gelungener „Kommissar X“-Krimi lieber als ein verquaster „anspruchsvoller Roman“.

Kurzum: Lektorinnen sollten in der Lage sein, nicht nur den Schreib-, sondern auch den Leseprozess zu verstehen. Sie sollten erkennen, wo etwas „aus dem Ruder läuft“, schlicht langweilig wird oder so hermetisch bleibt, dass kein Außenstehender die Möglichkeit hat, seine Bedeutung zu erfassen. Vor Jahren habe ich einen Text – einen guten Text – lektoriert, in dem das Wort „grün“ fast schon penetrant verwendet wurde. Grüne Kleidung, grüne Autos, grüne Augen, grüne Häuser … Ich habe das moniert und musste mir vom Autor sagen lassen, die Farbe grün besitze für ihn eine überragende, ja, lebensentscheidende Bedeutung, was er mir an Beispielen aus seiner Biografie erläuterte. Schön und gut. Nur: Das weiß der Leser nicht. Ihn nervt dieses ständige „grün“. Hier ist es nun Aufgabe des Lektors, gemeinsam mit dem Autor zu versuchen, die dahinterliegende Bedeutungsebene auf anderen, kommunikativeren Wegen sichtbar werden zu lassen. Ein längerer und anstrengender Prozess, gewiss. Der aber auch zeigt, dass die Arbeit des Lektors eben NICHT NUR darin besteht, 300 Normseiten à 6 Euro abzuarbeiten. Er muss sich den Text erschließen, ihn als Ganzes denken, er muss ständig mit dem Autor kommunizieren, verhandeln. Und er muss wissen, dass nicht ER diesen Text schreiben soll. Das ist Aufgabe des Autors. Der Lektor – die Lektorin – begleitet dabei und freut sich, wenn am Ende alle zufrieden sind. Nicht zuletzt die Leser.

dpr

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Eine Antwort to “Lektorinnen – einige Wahrheiten”

  1. BeraTina said

    Hat dies auf Frau Deckers Blog rebloggt.

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