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KEINE KRITIK! Vom Niedergang der Rezension

Posted by Dieter Paul Rudolph - 26. Juli 2015

Es ist noch nicht lange her, da hießen Kundenrezensionen bei Amazon Kundenmeinungen. Und genau das waren sie auch. Elfriede K. aus B. hatte sich einen Thriller gekauft und „konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen“ oder, schlecht für den Autor, „hat sich furchtbar gelangweilt“. Dies aller Welt kundzutun, war und ist das gute Recht von Elfriede K. und  anderen Kunden Amazons, es gibt detaillierte Erfahrungsberichte, man weist auf Mängel hin – und ich muss zugeben, dass mich die geballte negative Kritik an der Elektronik einer Digitalkamera selbst einmal von deren Erwerb abgehalten hat.

Aber bei Büchern? Was interessiert es mich, von mir völlig unbekannten Personen zu erfahren, James Ellroy schreibe ihnen „zu wirr“ oder der neueste Ostfriesenkrimi sei „spannend“? Wenn dann gar noch der Sprachstil als „komisch“ oder „gut zu lesen“ empfunden wird, klinke ich mich aus. Die Meinung des Lesers ist die Meinung des Lesers. Wenn sie jedoch nicht begründet ist, hat sie mit einer „Rezension“ nichts zu tun. Rezensionen nämlich sind „begründete Meinungen“ – und die bei Amazon und Konsorten so selten wie ein Hammerhai im Goldfischglas.

Ganz früher – ich erinnere mich noch vage – hießen Rezensenten nicht Rezensenten, sondern Kritiker. Ihre Aufgabe war es, ein Urteil über einen Gegenstand – z.B. ein literarisches Werk – zu fällen und man erwartete, dass sie diesen ihren Gegenstand von allen Seiten genau betrachteten und bewerteten. Ziel war eine „objektive Beurteilung“ auf der Grundlage von Kriterien und Regeln, die für Außenstehende kenntlich und nachvollziehbar sein mussten. Natürlich besaß diese „Objektivität“ stets eine subjektive Färbung und war demzufolge immer auch „Meinung“. Man konnte sich dieser Meinung anschließen oder auch nicht, entscheidend war jedoch, dass selbst dann, wenn ich zu einer völlig anderen Einschätzung kam als der Kritiker, ich dessen Meinung als hilfreich betrachten konnte. Sie war nämlich so gehalten, dass eine Auseinandersetzung stattfinden konnte.

Nun ist es aber so, dass der Ausdruck „Kritik“ seine ursprünglich neutrale Bedeutung längst zu Gunsten einer negativen Konnotation verloren hat. Hinzukommt, dass die Absicht eines Kritikers – die Beurteilung eines Gegenstands nach möglichst objektiven Kriterien (man beachte die schon etymologisch offensichtliche Verbindung zu „Kritik“) – immer mehr in Verruf geraten ist. Dass etwa Literatur Geschmackssache sei und deshalb Kritik eigentlich überflüssig, hat sich als „Killerargument“ etabliert, mit der jedwede Diskussion um die Bewertung von Texten elegant beendet werden kann.

Nun ist es nicht so, dass ich der Kritik, wie sie heute noch im sogenannten „Qualitätsjournalismus“ angetroffen werden kann, besonders viele Tränen nachweinen würde. Häufig entpuppen sich die Ergüsse von Kritikern als Schaustücke eigener Gelehrt- und Belesenheit, sie sind – das Germanistikstudium lässt grüßen – mit Fachausdrücken durchsetzt, die sofort signalisieren, an wen man sich eigentlich richtet: an seinesgleichen. Dennoch besitzt eine Kritik, die sich an Maßstäben orientiert und eben NICHT auf Geschmackssachen setzt, unbestreitbar Vorteile. Sie zwingt zur Auseinandersetzung, sie animiert mich als Konsumenten solcher Kritik dazu, über meine eigenen kritischen Parameter nachzudenken. Zwar dürften am Ende auch hier zwei MEINUNGEN – die des Kritikers und die meine – aufeinanderprallen, aber dies geschieht auf der Grundlage von Argumenten. Davon ist das „Ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen“ oder „Der Autor schreibt wirr“ des gewöhnlichen Amazon-“Rezensenten“ weit entfernt. Es bringt mir – nichts. Ich esse auch dann keine Zwiebeln, wenn mir alle Welt versichert, sie schmeckten doch vorzüglich. Denn das ist wirklich nur Geschmackssache.

Die Entwicklung der Kritik zur Rezension und die Entwicklung der Rezension zur Lesermeinung, die sich Rezension nennt, lässt sich sehr gut mit der Entwicklung der Blogs verknüpfen. Blogs sind ein Phänomen der ersten Jahre des neuen Jahrtausends. Kannte man bis dato nur die „Homepage“, deren Aktualisierung einige Zeit und Mühen beanspruchte, und auf der Kommunikation allenfalls in Form von „Gästebüchern“ denkbar war, besaß man nun ein leicht zu bedienendes Werkzeug, quasi in Echtzeit zu publizieren und mit seinen Lesern zu kommunizieren. Etwa zur Mitte des ersten Jahrzehnts war nicht mehr zu übersehen, dass Blogs keine kurzlebige Mode sein würden. Sie schossen wie Pilze aus dem Boden und vereinnahmten so ziemlich jedes Interessengebiet. Unter anderem auch das, auf dem ich mich selbst tummelte, die Kriminalliteratur (nein, ich sage nicht „Krimi“).

2005 startete ich meinen ersten Krimiblog. Zwei Monate zuvor hatte ein anderer Freund literarischer Spannung, Ludger Menke, den seinen ins Netz gebracht – ja, und eigentlich war es das auch schon mit Krimiblogs. Wir tummelten uns auf einem überschaubaren Gebiet, allerdings nicht lange. Immer mehr Krimiblogs wurden gegründet und ihnen allen war eigen, dass sie sich nicht damit begnügten, „Rezis“ zu veröffentlichen. Es gab viel Krimitheorie, auch Krimigeschichte, es gab Lobeshymnen und – Polemik. Wenn man sich manche der damals vom Zaun gebrochenen Diskussionen anschaut, wird es einem auch heute noch ganz anders. Ellenlange Kommentare, kontrovers und befruchtend, manchmal aus dem Ruder laufend und gerade begonnene Freundschaften abrupt beendend.

Und aktuell? Die Zahl der Bücherblogs im Allgemeinen und der Krimiblogs im Besonderen geht wahrscheinlich längst ins Vierstellige. Wurden Blogger früher eher kritisch beäugt („kritisch“ hier im Sinne von „negativ, abwertend“), als Amateure diskreditiert und von einigen Verlagen vollkommen ignoriert, besitzen sie heute MACHT. Man hofiert sie nicht nur in Selfpublisherkreisen, wo sie häufig als einzige „kritische“ Instanz fungieren, auch die etablierten Häuser umschmeicheln sie längst und versorgen sie mit ausreichend Rezensionsexemplaren.

Nur: Wird in diesen Blogs tatsächlich noch rezensiert / kritisiert oder werden wie bei Amazon als Rezensionen kaschierte „Meinungen“ unters Volk gebracht? Letzteres ist der Fall, von den üblichen Ausnahmen natürlich abgesehen. Die typische Blogrezension besteht aus 80 % Nacherzählung des Inhalts, ein paar Infos zum Produkt – und zumeist wenigen Sätzen, die das „Urteil“ des Bloggers wiedergeben. Von Auseinandersetzung, Urteilsbildung, Kriterien kaum eine Spur. Lässt sich gut lesen, hat mich gelangweilt, hübsches Cover – das wars dann schon. Und seien wir ehrlich: In den meisten Fällen geben die besprochenen Bücher auch nicht mehr her. O815-Mainstream, das ewige Serienmorden und Psychothrillern, die Sprache nur Transportmittel, Hauptsache schlackenlos und geschmeidig genug, in ein Ohr hinein und aus dem anderen folgenlos wieder entweichen zu können.

Wie gesagt: Es gibt Ausnahmen. Aber sie ertrinken im Meer des Belanglosen, so wie auch wirklich fundierte „Lesermeinungen“ auf Amazon unter dem Schutt der Ein-Satz-Rezensionen begraben werden, schweigen wir ganz von Gefälligkeitsrezensionen, gekauften „Rezis“ oder den Versuchen gefrusteter Kolleginnen und Kollegen, durch gezielte Verrisse die Konkurrenz auszuschalten. Das alles ist widerwärtig und traurig. Und von Kritik keine Spur.

Nebenbei: Auch dieser Beitrag ist eine „Kritik“, eine hoffentlich begründete Meinung.

dpr

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7 Antworten to “KEINE KRITIK! Vom Niedergang der Rezension”

  1. Prinz_Rupi said

    Kritik ist das hauchdünne Drahtseil zwischen Autor und Publikum.

  2. lucinda01 said

    Ich muss Dir leider Recht geben. Gern würde ich etwas Nettes dazu sagen, à la „es wird wieder gut“ aber die Hoffnung habe ich leider nicht. Denn nicht nur den Autoren ergeht es so. Die Welt an sich ist weder kritikfähig noch in irgendeiner Form mehr verbindlich. Jede Ecke, jede Kante die sich abzuzeichnen droht wird gnadenlos flach gedrückt. 08/15 ist der neue Trend, Individualismus ist nur noch für die Werbebranche ein Thema, ein Traum dem der Verbraucher doch nach rennen muss, bis er fest stellt, das es doch nur Massenware und, Massenabfertigung gibt.
    Der Autor, aus sich selbst heraus Individualist und auch Träumer hat nur noch am Rande platz. Zumindest wird er so behandelt.

    LG Lucy

  3. Hat dies auf Waldhardt Verlag rebloggt und kommentierte:
    Besonders lesenswert!

  4. Ja, wie oft habe ich schon Rezensionen gelesen, in denen der Klappentext abgeschrieben wurde und der Inhalt dann noch einmal lang und breit selbst umschrieben wurde. Und das ganze schließt dann mit einem „ich fand das Buch ganz gut“ als Meinung und ich ärgere mich, dass ich meine Zeit verschwendet habe. Aber es gibt auch gute Blogger.. die muss man finden und sie sollten ungefähr den gleichen Geschmack haben, dann ist es hilfreich. Ich bin erst seit Kurzem dabei, bemühe mich aber um wenig Inhalt und mehr Eigenheiten,Machart und Meinung 🙂

  5. Neko said

    Hat dies auf Nekos Geschichtenkörbchen rebloggt.

  6. Bella C.Moremo said

    Amazon ist inzwischen leider zum Tummelplatz vieler Möchte-Gern- Rezensenten mutiert, die bevorzugt ihre „Machtstellung“ ausüben. Autoren, die persönlich angegriffen werden sind keine Seltenheit. Rachefeldzüge fallen ebenso in diese Rubrik. Eingekaufte Rezensionen, soll es wohl geben, bisher kenne ich das allerdings nur vom Hörensagen. Freundeschaftsrezensionen, die kurz nach Erscheinen des Werks auftauchen, finden sich überall. Solange unter Pseudonym rezensiert werden darf, wird sich daran auch nichts ändern. Aber es gibt sie, die ehrlichen Rezensionen/ guten Blogger …
    Ich orientiere mich nicht an Rezensionen, sondern an der Leseprobe, dem Klappentext und ja, ich gebe es zu, am Cover. Dass ich dabei auch einmal ein Buch erwische, das mir nicht gefällt, damit kann ich (persönlich ) gut leben.

  7. Ich sehe das ein bisschen anders. Viele Leser haben ihre bevorzugten Blogger, deren Geschmack sie im Laufe der Zeit kennen und der oft mit dem eigenen übereinstimmt. Ich bekomme viel Resonanz auf meine Rezensionen, die ich schon seit 2005 bei Amazon veröffentliche, auch wenn sie tlw. dilettantisch klingen mögen. Ich glaube aber, der normale Leser möchte keine lange ausführliche Literaturkritik durcharbeiten, sondern einfach ein paar Meinungen zum Buch oder anderem hören. Oft fällt meine Rezension oder Kundenmeinung positiv aus; nicht aus Gefälligkeit, sondern weil ich mir die Bücher vorher genau aussuche.
    L.G. Annette

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