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Das große Thrillern

Posted by Dieter Paul Rudolph - 10. Juli 2015

Etwa 30% von Amazons Top 100 bei E-Books sind Krimis, eine ziemlich konstante Zahl. Aktuell (10.7.2015, 9 Uhr) befinden sich gar neun von ihnen unter den Top 20. Aber Moment mal … Krimis? Sieben dieser Titel werden schon auf dem Cover als »Thriller« ausgewiesen, einer »Ostfriesenkrimi« genannt und ein anderer schlicht »Roman«.


Aha, sie zucken nur mit den Schultern? Schließlich sind Thriller lediglich ein Subgenre von Krimis und diese wiederum Romane? Schon richtig. Und Glückwunsch. Wenn Sie all das wissen, wissen Sie mehr als der handelsübliche »Thrillerautor«, jedenfalls der in der Ausprägung »Selfpublisher«. Kaum eine Woche vergeht, ohne dass nicht irgendwo im Gruppengestrüpp von Facebook die Frage auftaucht, was denn der Unterschied zwischen einem Krimi und einem Thriller sei. Und manch stolzer Debütant verkündet, er habe jetzt endlich seinen ersten Krimi vollendet und setze sich als Nächstes an einen »Roman«. Schön. Kurze Zwischenfrage: Was halten Sie von einem Klempner, der Ihnen versichert, er habe nicht nur einen Schraubzieher und einen Hammer in seiner Tasche, sondern auch Werkzeug? Und wie müsste es einem Kranken zumute sein, dessen Arzt ihm beruhigend erklärt, die Füße seien kerngesund, nur der rechte große Zeh müsste leider amputiert werden? Geben Sie sich die Antworten selbst.
Also zum Mitschreiben. Es gibt in der Literatur drei Großkategorien: Dramatik (Theater), Lyrik (Gedichte) und Belletristik. Romane gehören zur Belletristik, es gibt Liebesromane, Abenteuerromane, historische Romane … und unter anderem auch Krimis. Manchmal verschwimmen die Grenzen, können historische Romane durchaus Krimielemente enthalten oder Krimis Liebesgeschichten erzählen, so klar sind die Fronten also nicht. Eins jedoch IST klar: Krimis sind Romane. Punkt.
Aber was, bitteschön, ist KRIMI? Nun, es gibt sogenannte Subgenres: Polizeikrimis, Detektivkrimis (die beispielsweise noch weiter unterteilt werden können, etwa in Hardboiled oder Noir), Regiokrimis (die zugleich Polizeikrimis oder Detektivromane sein können … ja, jetzt wirds kompliziert …) – und es gibt, neben einigen anderen noch, Thriller. Bleiben wir bei denen.
Thriller sind also Krimis und Krimis sind Romane. Die Bezeichnung leitet sich ab von »to thrill«, was unter anderem »in Spannung versetzen« heißt, aber auch »erschaudern lassen«, »erregen« oder »jemanden mitreißen, fesseln«. Gut. Genau das ist es, was wir von einem Thriller erwarten, sei er nun »Psychothriller« oder »Politthriller«: Wir lesen uns auf höchster emotionaler Alarmstufe durch ein Buch, knabbern an den Fingernägeln, unser Blutdruck steigt, Schweiß blubbert aus den Poren … kurz: Die Spannung lässt sich mit Händen greifen und diese Hände zittern selbstverständlich.
Spannung ist ein gutes Stichwort. Man bezeichnet Krimis allgemein auch als »Spannungsliteratur«, was nun keineswegs den Schluss zulässt, etwa ein Abenteuerroman oder eine Liebesschmonzette entbehrten der Spannung. Aber sie ist in diesen Genres nicht konstitutiv – im Krimi sehr wohl. Das immer noch populärste Subgenre, der Whodunit, erzeugt Spannung durch die Ungewissheit hinsichtlich der Täterfrage. Wer war’s? Ein Rätsel, das routinierte AutorInnen erst ganz zum Schluss lösen. Bis sie dort sind, werden falsche Spuren (»red herings«) gelegt oder man kommt der Lösung Schritt für Schritt näher, indem man ermitteln lässt. Ein Paradebeispiel für einen Whodunit, bei dem die Ermittlungen, nicht aber die Person des Täters selbst im Vordergrund stehen, ist Sjöwall / Wahlöös zu Recht berühmter Roman »Endstation für neun« aus der Kommissar-Beck-Reihe.
Bei einem Thriller ist es ein wenig anders – und doch wieder nicht, wie wir gleich sehen werden. Konstruieren wir kurz das Idealbeispiel für einen Thriller: Ein bis dato völlig unbescholtener Mann gerät einer Verwechslung wegen in das Intrigenspiel von Geheimdiensten, fremden Mächten und dubiosen Geschäftemachern. Er ist auf der Flucht, immer noch nicht wissend, worum es eigentlich geht. Nachdem er etlichen Anschlägen auf sein Leben entkommen ist, eine ebenso hübsche wie geheimnisvolle Frau kennen und lieben gelernt hat, wird ihm langsam klar, worum es geht. Ein verheerender Terrorakt steht unmittelbar bevor, um ihn zu verhindern, muss bis morgen, 12 Uhr mittags eine Bombe entschärft werden, die in der Kanalisation unter dem Hauptbahnhof liegt. Wo genau? Das verraten detaillierte Pläne, an die zu gelangen unser Held sich Zugang zu einem hochgesicherten Haus verschaffen muss …
Naja, so ganz aus meiner eigenen Phantasie habe ich dieses Beispiel nicht geschöpft. Filmfreunde erkennen darin einige Handlungselemente aus Hitchcocks »North by Northwest« (»Der unsichtbare Dritte«) wieder. Hitchcock ist überhaupt DIE Blaupause für den Thriller: Wettlauf mit der Zeit, geheime Mächte im Hintergrund, mysteriöse Personen, von denen man nicht weiß, auf welcher Seite sie stehen, eine bevorstehende Katastrophe – und schließlich der dramatische Showdown. Alles Dinge, die einen Thriller ausmachen.
So, dann hätten wir das also geklärt. Ein Thriller ist ein Krimi (der wiederum ein Roman ist …), bei dem eher die »Action«, »die aktuelle Bedrohung«, »die bevorstehende Katastrophe« im Vordergrund stehen. Es wird wenig bis gar nicht ermittelt und … aber stimmt das wirklich? Liest man die Kurzbeschreibungen der sieben »Thriller« unter den Amazon-Top-20, tauchen in etlichen Kommissare auf. Und was tun Kommissare? Sie ermitteln. Andere wiederum erzeugen Spannung dadurch, dass sie den altbekannten »unheimlichen Serienmörder« durch die deutschen Lande schicken, auf dass er Frauen aufschlitze und merkwürdige Gegenstände bei den Leichen hinterlasse. Überhaupt: Ob etwas »Thriller« ist oder nicht, wird anscheinend immer mehr an der Anzahl der Leichen oder der Litermenge Blut festgemacht. Aber »erregt« uns das wirklich? Reißt es uns mit, wenn aus aufgeschnittenen Jungfrauenbäuchen die warmen Gedärme quillen? Nein, ich will mir das gar nicht weiter ausmalen.
Natürlich ist das mit den Subgenres so eine Sache, wie oben schon angedeutet. Schubladen sind hilfreich für einen ersten Überblick, wird es etwas detaillierter, verwirren sie jedoch. Ein Polizeiroman kann ein Thriller sein, Ermittlungen sind erlaubt und Action bedeutet nicht allein, dass man hinter jeder Ecke eins über die Rübe gezogen kriegt. Ein »Polizeithriller« kann auch in Oberunterhausen spielen, dann ist er eben ein »Regiopolizeithriller« …
Die Grenzen der Genres sind fließend, dort wo »Thriller« draufsteht, ist nicht immer Thriller drin, aber bei all diesen Ungenauigkeiten in der Definition bleibt uns tröstlicherweise doch eine naturgesetzliche Erkenntnis: Thriller sind auch nur Krimis. Und Krimis sind immer Romane. Es sei denn, sie sind Hörspiele, Theaterstücke, Gedichte …

dpr

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