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Neue Welt und neues Denken. Ein paar Anmerkungen zu Selbstverlegern und Talenten

Posted by Dieter Paul Rudolph - 28. Mai 2014

fantasylogo_kleinKeine Frage: Die Welt des Buches befindet sich im Umbruch. An den Stühlen der Herrschenden wird fleißig gesägt, die Herrschenden selbst üben sich im Schweißabwischen und Wüten, helfen dürfte es ihnen nichts. Verlage, Grossisten, Buchhändler, die Autokraten des Handels mit Literatur, sehen sich einer basisdemokratischen Bewegung gegenüber, die immer größeren Zulauf findet. Digitalisierung macht’s möglich: Jeder und jede kann Autor und Autorin sein, das eigene Werk im Bücherschrank wird so selbstverständlich wie die eigene Marmelade auf dem Frühstückstisch. Gut so.

Aber machen wir uns nichts vor: In ihrer Qualität ähnelt die Welt des Selbstverlegens fatal der des traditionellen. Der Großteil des Buchgewordenen ist literarisch belanglos, nicht selten peinlich, der kurze Blick in die Textproben bei Amazon ist ein Blick in den Abgrund ungelenker Sätze und grobschlächtiger Plots, ein Gang über ein mit Kitschminen gespicktes Wortfeld. Nun, das kennen wir auch von den „richtigen“ Verlagen, der einzige Unterschied mag darin bestehen, dass man dort die allerschlimmsten Fehler professionell ausmerzt (wofür es auch keine Garantie gibt). Und, ebenso natürlich, werden am Ende diejenigen Erfolg haben, die am lautesten trompeten, am geschicktesten auf der Klaviatur der niederen Instinkte klimpern und ihre genügsamen Leser dort abholen, wo sie stehen und keinen Schritt zu gehen bereit sind. Die wirklichen Talente, bislang durch das Raster der Verlage gefallen, werden weiterhin eher im Verborgenen blühen. Aber immerhin: Sie blühen.

Bis vor etwa zwei Jahren hatte ich mit alledem nichts zu tun. Ich schrieb Bücher, gab welche heraus, rezensierte noch mehr, leierte Projekte an, von denen einige gelangen, andere nicht, ich arbeitete mit Verlagen zusammen (mehr oder weniger befriedigend), ein Old-School-Autor also. Vor allem jedoch kannte ich etliche Kolleginnen und Kollegen. Und manche von ihnen versuchten es als Selbstverleger, weil sie irgendwann ohne Verlag dastanden (einige nur deshalb, weil sie „zu alt“ waren, andere weil sie nicht mehr ins Profitschema passten). Ich tat, was Freunde nun einmal tun sollten: Ich half, wo ich helfen konnte, lektorierte, stellte meine EDV-Kenntnisse zur Verfügung, um aus Worddokumenten epub- und mobi-Dateien zu machen, versuchte mich gar als Berater für Covergestaltung… und veröffentlichte irgendwann selbst auf eigene Faust. Das hat mich weder reich und berühmt gemacht, aber ziemlich zufrieden.

Vor etwa einem Jahr kam mir die Idee, all diesen kleinen Dienstleistungen einen Namen und einen organisatorischen Rahmen zu geben. „Der dritte Raum“ war geboren. Kein Verlag, sondern eine AutorInnen-Kooperative, ein Ort, an dem sich Autorinnen und Autoren gegenseitig helfen, ihre Bücher druckfertig zu machen. Denn auch das ist eine der Konsequenzen aus der Entwicklung des Selbstverlegens: Zwar ist man weiterhin souverän, aber man hilft sich gegenseitig.

Rechtlich gesehen ist also „Der dritte Raum“ kein Verlag, schon deshalb nicht, weil es nicht unser Ziel sein kann, Gewinne zu realisieren. Selbstverlegen ist für jedermann erschwinglich, die geringfügigen Kosten bekommt man schon rein – und wenn nicht, schreibt man halt einen Zwanziger oder Fünfziger schulterzuckend ab. Es gibt auch keine „Autorenverträge“. Dafür ein knappes Merkblatt, das die Situation der Urheberrechte (verbleiben bei den Autorinnen und Autoren) und die Honorarfrage (10% bei Print, 33 bei Ebooks) regelt. Alles andere ist Vertrauenssache unter Freunden, ob sie nun Guido Rohm oder Claudia Bernardoni heißen oder unter Pseudonym in der „Schundheft“-Reihe die triviale Schreibsau durchs Dorf treiben.

Wenn dann doch einmal etwas am Jahresende übrig bleibt, werden Büchergutscheine an unsere Mädels verteilt. Unsere Mädels? Ach ja, da hat sich nämlich etwas entwickelt, mit dem ich am Anfang überhaupt nicht gerechnet habe. Zwar sind wir – noch einmal – kein Verlag, aber wir „machen Bücher“. Und wer Bücher macht, bekommt unverlangte Manuskripte zugeschickt. Vor allem von jungen Autorinnen.

Eines dieser Manuskripte war so vielversprechend, dass wir kurzentschlossen ein Buch daraus machten. Die siebzehnjährige Schülerin Ingrid Grabherr schreibt die Geschichte von „Layla – Die Geliebte des Edelspielers“ mit einem verblüffend langen erzählerischen Atem, ein Fantasyroman mit Science-Fiction-Elementen und überraschenden Analogien zum „wirklichen Leben“. Im Herbst wird die Fortsetzung erscheinen – und Ingrid arbeitet, wie ich sie inzwischen kenne, bestimmt schon am dritten Band.

In der „Schundheft“-Reihe debütierte etwa zur gleichen Zeit auch die 21jährige Wienerin Alicia Lenneth mit einer frechen Vampirerzählung – und irgendwann war die Lawine losgetreten. Immer mehr Manuskripte landeten in unserem Postfach, zumeist von jungen Mädchen. Einige wenige Jungs baten auch um Prüfung, aber keiner konnte uns überzeugen. Während Mädchen sich zumeist der Fantasy widmen und in ihren eigenen Welten über ihr eigenes Leben schreiben, vergreifen sich Jungs, wie es scheint, gerne an den „wichtigen Dingen“. Da geht es um Politik, Weltüberdruss, das große Ganze eben. Nun ja, ganz ehrlich: Ich war früher selber so.

Das nun Überraschende also: Unter diesen Mädchen befinden sich große Talente. Aber da Talent alleine nicht genügt, bringen sie noch etwas anderes, Unverzichtbares mit: Den Willen, gute Autorinnen zu werden und den Willen, dafür hart zu arbeiten. Inzwischen tummeln sich etwa ein Dutzend dieser jungen Autorinnen bei den „Fantasygirls“, einer Buchreihe und gleichzeitig einer Schreibgruppe, bei der sie professionell betreut und bei ihrer Schreibarbeit begleitet werden (www.facebook.com/pages/Fantasygirls/252893774882433). Im Herbst erscheinen die Debüts einiger dieser Fantasygirls, in einem Lesebuch werden sie sich zudem mit ersten Arbeiten dem interessierten Publikum vorstellen.

Aus der Freundesinitiative „Dritter Raum“ ist also eine Art Talentschule geworden. Und genau darin sehe ich eine bislang zu wenig beachtete Chance des Selbstverlegens. Ein Buch zu veröffentlichen, das mag ein Traum sein, der sich leicht erfüllen lässt. Das Handwerk des Schreibens zu erlernen, ist allerdings schwieriger. Durch die Zusammenarbeit erfahrener AutorInnen mit hoffnungsvollem Nachwuchs könnte dies gelingen. Die technischen Möglichkeiten sind gegeben, die sozialen Netzwerke stehen zur Verfügung, ja, wir haben inzwischen sogar ehrenamtliche und idealistische junge Mitarbeiterinnen, die unermüdlich Talente aufspüren und betreuen. Geplant war das nicht. Passiert ist es dennoch. Weil die neue Welt des Selbstverlegens zwangsläufig dazu führen muss, die Dinge neu zu denken und die Möglichkeiten zu nutzen. Doch, das funktioniert.

P.S. Einige unserer Fantasygirls sind inzwischen auch stolze Besitzerinnen von „Autorenseiten“ bei Facebook und freuen sich über jedes „Like“. Vielleicht beginnt die Anerkennung von Talent schon mit einem kleinen Klick. Die Mädchen würden sich jedenfalls freuen. Auf der Fantasygirls-Seite findet ihr ein paar Links.

dpr

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