Krimikultur: Archiv

Materialien zur Krimikultur

  • Im Krimikultur-Archiv

    finden Sie Aufsätze, Diskussionen, Gespräche und andere Arbeiten zum Thema "Krimikultur". Was das ist? Was das werden könnte? Darüber redet die Interessengemeinschaft Krimikultur, der man zwanglos beitreten kann. Weitere Informationen zur IG Krimikultur und die Möglichkeit zur Kontaktaufnahme finden Sie hier.
  • RSS Krimi-Depeschen

  • Kategorien

  • Archive

Beim Sterben zugucken. Eine Polemik wider den Buchhandel

Posted by Dieter Paul Rudolph - 22. November 2013

Buchhandlungen gehen mir auf den Geist. An emotional eher düsteren Tagen betrachte ich diese Abverkaufstellen von Literatur und dem, was Literatur sein will, als ekle Orte geballten Pseudokulturträgertums und halbintellektuell verbrämter Profitgeilheit, geht es mir besser, erheitert mich die Aussicht auf ihr baldiges Verschwundensein. Denn Buchhandlungen werden abgeschafft, weil sie sich selbst längst abgeschafft haben.

Warum so garstig? Habe nicht auch ich meinen Zugang zur Literatur über eine Buchhandlung gefunden? Naja… zwei Drehständer mit Taschenbücher warens, nennen wir es auch nicht Buch-, sondern Schreibwarenhandlung, so war das eben in den internetfreien Zeiten, danke dafür. Aber das ist lange her und seitdem haben mich Buchhandlungen fast nur noch enttäuscht. Bestsellerstapel, lustlos aufgereihte, nach irgendeinem Zufallsprinzip ausgesuchte Taschenbücher, Folieneingeschweißtes mit der Haptik von Tiefkühlhähnchen – und immer wieder dieses „Tut mir leid, haben wir nicht da, können wir aber bis morgen bestellen“. Nö, danke, das kann mein Zeitschriftendealer auch, da stimmen mich auch keine gemütlichen Leseecken mit dünnem Pfefferminztee um.

So entwickelte sich eine Entfremdung von Angebot und Nachfrage, von Händler und Kunde. Gewiss, ich frequentierte auch weiterhin Buchhandlungen und kaufte Bücher. Aber „magische Orte der Buchkultur“, als die sie sich selbst zu feiern nicht nachlassen? Nope, nichts weniger. Geschäfte halt, wie Metzgereien und Bäckereien, nur dass die dort Beschäftigten nicht Backwaren- oder Fleischereiverkäuferin heißen, sondern BuchhändlerIn, bessere Schulabschlüsse haben, zumeist bebrillt sind und Fachkompetenz heucheln, mit der es so weit nicht her ist, wie man allenthalben feststellen muss. „Arno Schmidt? Ist das ein neuer Autor?“ – „Nabokov? Nein, wir verkaufen keine jugendgefährdenden Schriften.“

Dann geschah etwas, das mein Verhältnis zu Buchhandlungen für kurze Zeit änderte: Ich wurde selbst Autor. Mein Verlag verschickte Leseexemplare, rüstete Buchhandelsvertreter mit Informationen zu meinem Werklein aus, machte großzügige Angebote (schöne Marge, langes Zahlungsziel, kulante Rücknahme) – und für einen Moment glaubte ich: Hey, Buchhandlungen sind nützlich. Sie machen dich sichtbar, auch wenn dein Werklein als solistisches Mauerblümchen zwischen all den anderen einsamen Papierherzchen im letzten Regal dahinvegetiert, bis eines Tages DER LESER, DIE LESERIN kommt und sich erbarmt.

Nein, das passierte nicht wirklich. Die meisten Buchhandlungen dachten gar nicht daran, einen Rudolph zu erwerben und dafür vielleicht nur 99 Mal Nele Neuhaus. Überhaupt Krimis: In vielen Buchhandlungen (und ich entschuldige mich bei den wenigen, die es anders handhaben) findet Krimi nur als die bekannt wohlfeile Versammlung des schrecklich Biederen statt, plus der bewährte Klassikerkanon von Christie bis Mankell.

War also nichts. Okay, dachte ich, ein betriebswirtschaftlich einigermaßen geschulter Mensch, Buchhandlungen müssen Geld verdienen, keine Frage. Und wahrscheinlich weint sich die nette Buchhändlerin jede Nacht in den Schlaf, weil sie keinen Rudolph verkaufen kann, sondern schon wieder nur irgendeinen schnöden Dingsbums, der seine Krimis als Besinnungsaufsätze anlegt. Und nein, es ist nicht nur „persönliches Betroffensein“, wenn ich das hier schreibe, es geht den meisten meiner KollegInnen so: Sie finden in den Buchhandlungen einfach nicht statt. Sie sind wie die Kängeruhwurst, die die Metzgerei nicht führt, weil sie nur mit viel Engagement verkäuflich wäre.

Ach nein, die Buchhändlerin weint wohl, aber nicht meinetwegen, sie weint wegen AMAZON. AMAZON! Das Feindbild, was dem Neonazi sein Ausländer und der unterbezahlten Putzfrau ihrer fauler Hartzer, das ist dem Buchhändler sein Amazon, ein fieser Moloch, Ausbeuter, Kulturzerstörer.

Gottlob gab es dann den „Amazonskandal“, er machte aus meinem Enttäuschtsein endgültig Verachtung und Ekel. Oh, diese windelweichen Diffamierungen, diese unverstellte Häme! Amazon! Die versklaven Menschen, man stelle es sich vor! Ja, hm, tun sie wohl. Aber was macht ihr eigentlich? Arbeitet ihr nicht auch mit den Billigpaketdiensten zusammen? Ist es euch nicht egal, dass eure Diddl-Mäuse und Weihnachtskärtchen längst in Bangladesh und anderswo da unten in den Arbeitgeberparadiesen hergestellt werden? Was sagt ihr eigentlich zu den Werkverträgen bei Daimler, die auch nicht besser sind (dazu gab es übrigens auch einen Fernsehfilm, den habt ihr aber entweder nicht gesehen oder erfolgreich verdrängt)? Und so weiter. Statt dessen die alte Leier von der „individuellen Beratung“, dem „Herzblut“ gar, die Beschwörung des bitteren Endes jeglicher Kultur durfte ebenso wenig fehlen wie die Beteuerung, ohne euch bräche die Welt des Geistes schier zusammen.

Nein, das war dann wirklich und definitiv so eklig, so unappetitlich und kaum zum Aushalten wie jene Aktion von viertklassigen KrimiautorInnen beispielsweise, die sich „aus Protest“ gegen vorgebliche Einschränkungen beim Urheberrecht nackt fotografieren ließen und hernach wohl dreimal täglich bei Amazon nachguckten, ob sich ihre Büchlein dadurch besser verkauften.

Aber es kam noch doller. Ich wurde nicht nur Autor, ich betätigte mich schließlich auch als „Verleger“ (na ja, so etwas Ähnliches; über die Verlage müsste man gesondert reden, später mal). Unter anderem entdeckte ich zwei bemerkenswerte Teenager, die wunderbare Fantasy auf dem Boden der Wirklichkeit schreiben. Gut, damit kann man als Verleger vielleicht kein Geld verdienen, aber hey, muss man doch fördern, oder? Und wäre doch eine wunderbare Gelegenheit für Buchhandlungen aus den Heimatgegenden der beiden Mädels, wenigstens hier ihre Existenzberechtigung nachzuweisen, zu zeigen, dass sie tatsächlich mehr sind als „Geschäfte“?

Gedacht, getan. Ich schrieb also nette Briefe an Buchhandlungen „vor Ort“ und bot ihnen an, die Bücher meiner beiden Schützlinge in ihre Sortimente zu nehmen. Okay, die üblichen Margen konnte ich nicht bieten, aber ein paar Euro würden schon hängenbleiben…

Der erste Buchhändler antwortete umgehend. Selbstverständlich sei er bereit, die Bücher zu nehmen. Allerdings: Ich solle halt die Preise anheben, damit ich höhere Margen zahlen könne, so hätten beide Seiten etwas davon… Konnte und wollte ich nicht. Ich bot ihm eine Marge an, bei der ich draufgezahlt hätte, aber was soll’s. Hauptsache, die Mädels kämen in die Buchhandlungen… War ihm aber wohl immer noch zu wenig, denn gemeldet hat er sich seitdem nicht mehr, von den anderen Buchhandlungen gar nicht zu reden.

Was bleibt also übrig von dieser behaupteten Notwendigkeit des „stationären Buchhandels“? Nicht viel, um nicht zu sagen: gar nichts. Sie fördern niemanden, gehen den Weg des geringsten literarischen Widerstands, werden nicht aktiv (bis auf die Blogs, in denen sie sich über besonders „dumme“ Kundschaft auslassen), sie jammern und wehklagen – und gehen zugrunde. Sie bekommen die Quittung und das ist gut so. Der Buchhändler, ein aussterbender Beruf, schon in wenigen Jahren werden Schnellimbisse, Boutiquen und Geschäfte für Häkelbedarf in die aufgegebenen Ladenlokale des papiernen Geistes einziehen und dann findet dort statt, was auch in den Buchhandlungen immer schon stattgefunden hat: Konsum, Konsum, Konsum. Und die einstigen Buchhändlerinnen legen gebratenes Fleisch zwischen pappige Brötchenhälften, aber immerhin: Das ist wenigstens noch ehrliche Arbeit.

P.S. Ja, ich weiß: Es gibt Ausnahmen. Aber sorry, eine Polemik kann auf absolute Minderheiten keine Rücksichten nehmen. Ihr werdet ebenfalls verschwinden, bedankt euch bei euren Kollegen. Und schaut bis dahin zu, wie sich die Bücherlandschaft verändert.

Dieter Paul Rudolph

Advertisements

9 Antworten to “Beim Sterben zugucken. Eine Polemik wider den Buchhandel”

  1. Kerstin Rech said

    Eine kleine Ergänzung: Mir ist wiederholt passiert, dass ich ein Buch kaufen wollte, welches von der Buchhandlung nicht über einen Grossisten bezogen werden konnte. Es wurde jedes Mal behauptet, das Buch gäbe es gar nicht. Es scheint für die Buchhandlungen wohl nicht rentabel zu sein, bei (in diesen Fällen kleineren) Verlagen direkt zu bestellen. Selbstverständlich habe ich dann die Bücher über das Internet bestellt und auch bekommen.

  2. Ria said

    Es muss am November liegen …

    https://sites.google.com/site/riaklugkrimis/family-blog/unbemanntemitteilung-26

  3. Erinnert mich verdammt an die Schallplattenläden, deren unausstehliche Verkäufer den gleichen Gralshüterfimmel wie viele Buchhändlergehilfen heute. Aber Tempus Fugit, mein Lieber. Abwarten! Karma ist auf Draht, nur dauert´s manchmal etwas länger.

    Gute, zu Herzen gehende Polemik. Mir tuts auch leid um die paar wirklich guten Buchhandlungen, um die echt Begeisterten, die sie (oft wirtschaftlich auf der Kippe wandelnd) betreiben, aber ich glaube, ausgerechnet die Kleinen, die Vernarrten, die werden bleiben. Gut so.

  4. Kle said

    es gibt nicht nur Ausnahmen, sondern auch die Antiquariate. Dort sind alle die Bücher gelandet, die vor einigen Jahren noch anstelle der „Spiegel-Bestseller“ in den Regalen von Thalia und Co. standen. Es lassen sich dort auch immer aufregende Entdeckungen machen – Qualität steht dicht gedrängt wie früher in normalen Buchhandlungen. Autoren verdienen zwar nichts. Als Buchkäufer aber habe ich eine neue Heimat gefunden, denn ich glaube nicht, dass die Zukunft der Antiquariate die Gegenwart des Einkaufzentren-Buchhandels widerspiegeln wird.

  5. Ria said

    Gestern kam ich wieder an dem Buchladen von neulich vorbei und musste zugeben: Wenigstens belästigen sie einen nicht olfaktorisch. Immerhin, das haben sie Burger-Mastanlagen voraus.

  6. Moss said

    Komisch, ich muss wohl in einem Buchhandels-Utopia wohnen (oder es per Karmafeld um mich ’rum erzeugen), denn die oben erwähnten Unsitten sind mir aus den (kleinen, übersichtlichen) Buchläden, die ich so frequentiere, einfach unbekannt. In die bekannten Bücherkaufhallen, deren Angebot sich nach den Absatzvorgaben der Verlage richtet, darf man sich natürlich nicht verirren.

    • Dieter Paul Rudolph said

      Glücklicher… Dann lebe ich wahrscheinlich in einem Buchhandels-Dystopia. Es geht hier genau um diese „kleineren“ Läden, die übrigens nach den selben Absatzvorgaben arbeiten wie die großen. Müssen sie auch, wenn sie überleben wollen. Aber das ist nicht das Problem. Sondern zum einen die Attitüde des „Literaturtempels“ und zum anderen die Ignoranz, was die Veränderungen auf dem Buchmarkt angeht.

  7. sdog said

    Ich wohne in einer Nordamerikanischen Stadt, hier ist das Buchhandelsterben schon weiter. Die grosse lokale Kette macht ihre Bestseller-Supermaerkte zu, oder wandelt sie in Geschenk und Spielzeuglaeden um. Es ist nicht Amazon als Buchhaendler, sondern Amazon mit Kindle. Den langweiligen unabhaengigen Buchhaendlern ist schon vor langer Zeit ihr Lichtlein erloschen.

    Aber, es haben einige wenige Buchhaendler ueberlebt. Es machen auch neue auf. Oft von so Hipstern, die auch wieder handwerkliche Baeckereien oder Fleischhauer eroeffnen. Diese kleinen Buchgeschaefte sind alle spezialisiert, oder verworren, oder Liebhaber von Literatur.

    Ich denke daher, Ihr Postscriptum ist garnicht so notwendig: Wenn die Dinosaurier austerben, trampeln sie nicht unbedingt alles kapput. Ein paar kleine Maeuschen finden schon ihren weg. Und die sind es, die uns am Herzen liegen.

    h/t Schockwellenreiter

    • Dieter Paul Rudolph said

      Seh ich auch so. Vielleicht sind diese kleinen spezialisierten Buchhändler dann so etwas wie die kleinen Schallplattenläden hierzulande…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: