Krimikultur: Archiv

Materialien zur Krimikultur

  • Im Krimikultur-Archiv

    finden Sie Aufsätze, Diskussionen, Gespräche und andere Arbeiten zum Thema "Krimikultur". Was das ist? Was das werden könnte? Darüber redet die Interessengemeinschaft Krimikultur, der man zwanglos beitreten kann. Weitere Informationen zur IG Krimikultur und die Möglichkeit zur Kontaktaufnahme finden Sie hier.
  • RSS Krimi-Depeschen

  • Kategorien

  • Archive

Tagebuch eines angehenden Krimiautors -18-

Posted by Dieter Paul Rudolph - 6. August 2013

Sei nicht so ungeduldig, liebes Tagebuch, ich fange ja bald mit dem Schreiben an… zuvor aber noch ein paar organisatorische Überlegungen für die Zeit unmittelbar nach der Veröffentlichung des Buches, wenn es also gedruckt vorliegt und auf zahlende Kundschaft wartet. Wo tut es das? In den Buchhandlungen natürlich.

Oder im Internet. Bei diesem schrecklichen Moloch, der seine Angestellten ausbeutet. Ach, wie uns das ankotzt! Gott sei Dank steht es nicht jeden Tag in der Zeitung. Also begeben wir uns lieber in eine gewöhnliche Buchhandlung, die von außen wie ein ordinäres Geschäft aussehen mag, ein schnöder Tempel des Mammons, in Wahrheit jedoch ein Musentempel ist. Ein Gotteshaus des Worts, eine Kathedrale des auf Dünndruck manifestierten Geistes, um nicht zu sagen: eine Filiale von Hugendingsbums oder wem auch immer. Statt Wandfresken von Michelangelo gibt es prallgefüllte Bücherregale. Und der Altar steht auch nicht hinten in der Mitte, sondern vorne gleich neben der Kasse: ein Stapel mit dem neuesten Schinken von Dan Brown.

Der Gebetsraum wird von den HohepriesterInnen der Literatur durchwandelt, sehr nette Damen (seltener Herren), die manchmal „kann ich Ihnen helfen?“ fragen und ansonsten schauen, dass diese strunzdummen IdiotInnen von Kundschaft nicht die Schutzfolie von den Büchern reißen. Buchhändlerin, das ist kein Beruf, das ist eine Strafe. Man wird zum Orakel des Wortes, jede Vision ist eine Buchempfehlung, und wenn du sie fragen würdest, liebes Tagebuch, was du denn lesen sollst, sie würden sofort ihre Stirne in Gebirge der Vergeistigung legen, auf einen der gigantischen Stapel zeigen, die sich wie nach Leim riechende Hundehaufen überall im Raum erheben, und mit intellektueller Stimme sagen: „Nehmen Sie doch das da, das lesen jetzt alle.“

Es muss natürlich mein Ziel sein, selbst einen solchen Stapel in den Buchhandlungen zu bekommen. Allein: Man kennt mich nicht. Meine Umsatzkennziffer ist ein X. Das muss schleunigst geändert werden. Ich gehe also kurz vor Erscheinen des Buches in die Buchhandlungen (und sämtliche Mitglieder meiner umfangreichen Verwandtschaft tun es auch) und frage: „Haben Sie schon das neueste Werk von…“ Die Diener der Schreibkunst werden ihre Computer befragen und bedauernd kopfschüttelnd erklären, nein, das Werklein sei noch nicht erschienen, man könne es aber vorbestellen. Das wollen wir natürlich nicht. Wir kopfschütteln traurig zurück und murmeln: „Schade! Bei Amazon ist das Ding bestimmt schon lieferbar.“

Der Effekt ist gewaltig, liebes Tagebuch. Sofort bestellt die Buchhändlerin mindestens 5 Exemplare vor. Hier frisst sich eine neue Cashcow ihren Weg über die Wiese des Worts, hält ihre Euter hin und ruft: Melk mich, Buchhändlerin! Was dann kommt, ist reine Schneeballmathematik. Je mehr Bücher geordert werden, desto größer wird allüberall die Hoffnung, das noch nicht erschienene Werk sei ein prospektiver Renner. Pünktlich nach Erscheinen liegt es also in hohen Stapeln nächst der Kasse, wird von KundInnen kritisch beäugt, während die Buchhändlerin „Nehmen Sie ruhig, das kaufen jetzt alle!“ ermuntert.

BuchhändlerInnen sind Menschen, die darunter leiden, dass sie nicht so gut ausgebildet sein können wie Metzgereifachverkäuferinnen. Denn wisse: Es gibt mehr Krimi-Subgenres als Leberwurstsorten! Man muss ihnen also auf die Sprünge helfen, solange es noch Buchhandlungen gibt und nicht nur diesen bösen Moloch aus dem Internet. Hoffentlich erscheint mein Buch nicht schon zu spät…

Advertisements

Eine Antwort to “Tagebuch eines angehenden Krimiautors -18-”

  1. Kle said

    Wer in der Buchhandlung kauft, schreibt aber nicht diese lustigen Rezensionen mit Sternchen und ohne die wäre das Verfassen eines Buches doch völlig sinnlos!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: