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Tagebuch eines angehenden Krimiautors -16-

Posted by Dieter Paul Rudolph - 2. August 2013

Hurra, liebes Tagebuch! Ein großer deutscher Publikumsverlag hat meinen Krimi angenommen! Fräulein Banzer (Lektorinnen sind meistens ältliche Fräuleins, deshalb nennt man große deutsche Publikumsverlage auch „die Klöster des Medienzeitalters“) ist begeistert, das rieche nach Bestenliste oder wahlweise Verfilmung, die Übersetzungsrechte für Nordkorea, die Fidschi Inseln und Beliza sei auch schon so gut wie „abverkauft“. Natürlich müsse man das Produkt jetzt noch passgenau in den Markt hineinschnitzen, aber dazu sei es ja da, sagt das Fräulein Banzer. Der Titel zum Beispiel…

Okay, mit „Nackte, Nepp und Nuttenmorde“ kann ich einigermaßen leben, auch wenn es nicht mehr sooo literarisch klingt wie „Düsterhenn oder Mord auf der Reeperbahn“. Die Verlagsvertreter wollten das so, sagt das Fräulein, die hätten keine Lust, gelangweilten Buchhändlerinnen lang und breit zu erklären, was ein Titel bedeute. Und dass wenigstens ein Kapitel in München oder dem Allgäu spielen muss, verstehe ich auch. „Ein Hamburg Krimi mit bayrischen Flair“, das sei nach Don Winslow das next big Thing, sagt die Lektorin, der „Westerwald Krimi mit Eifel Charme“ (Bindestriche sind tatsächlich total out) habe schließlich auch eingeschlagen wie ein Meteorit in Sibirien.

Mein Image als deutsches Krimigroßarschloch findet sie „Hammer!“. Ob ich vielleicht vorbestraft sei? Das komme immer gut. Naja, ich parke manchmal falsch… Wenigstens eine rachsüchtige Ex-Ehefrau, die in Zeitungen und Talkshows über mich „auspacken“ und „die Wahrheit über den Bestsellerautor“ unters Volk tragen könne? Hm, auch nicht, so viel ich weiß… Oder Sex mit Tieren und sperrigen Gegenständen? Wähler einer eurokritischen Partei? Auch damit kann ich leider nicht dienen. Eigentlich bin ich ein ganz netter Kerl, sagen meine wenigen Freunde, ich gehe sogar jeden Sonntag in den örtlichen Streichelzoo. „Das kriegen wir schon hin“, tröstet das Fräulein Banzer, „notfalls gebe ich Ihnen die Anschrift eines Krimikritikers, der sich gegen Honorar gerne mal ein paar in die Fresse hauen lässt.“

Das völlig weiße Cover findet keine Gnade vor Fräulein Banzers geschultem Lektorinnenauge. „Genial“, lobt sie zwar, um dann jedoch sogleich zu relativieren: „Unsere LeserInnen haben mit Mühe und Not die Mittlere Reife geschafft, denen fehlt jeglicher Sinn für Scherz, Ironie und tiefere Bedeutung. Wir nehmen Möpse.“

Dass sie damit nicht die Hunderasse meint, ist mir sofort klar. Das Fräulein Banzer (es hat übrigens Kulturwissenschaften, Germanistik und vergleichende Byzantinistik studiert) kommt in Fahrt. „Ja! Riesige nackte Titten! Mit Piercings! Und Blutspuren! So richtig noir and dirty, wie bei Henry Miller und Bukowski, total antiintellektuell, prollmäßig, da jubelt der Oberstudienrat!“ Nun ja, das Fräulein Banzer ist vom Fach und hat schon viele Bestseller gemacht.

Natürlich wird das Buch pünktlich zur Frankfurter Messe erscheinen, mir bleiben lange drei Wochen für die Niederschrift. Das Fräulein Banzer hat mir die ersten Sätze vorgegeben, das sei so üblich in der Krimibranche und habe sich bewährt, ein paar knackige Vokabeln, um schon gleich die düstere, erotisch aufgeladene Atmosphäre rüberzubringen. „Nacht, die Reeperbahn bebt. Ekstatischer Tanz der Geschlechtsorgane, Unheil schwängert die Luft. Madeleine, die prallen Brüste in Habachtstellung, Silikon in Silk, gähnt lasziv. Wieder ein Arbeitstag, wieder die traurige Parade chemisch erregter Schwänze.“ So ganz überzeugt mich das nicht, aber das Fräulein Banzer sagt, genau mit diesem Anfang habe sie voriges Jahr einen Berlin Krimi beinahe in die Bestenliste gebracht, nur habe Madeleine Rieke geheißen und die Reeperbahn sei natürlich Kreuzberg gewesen. Gut. Sie ist der Profi.

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