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Tagebuch eines angehenden Krimiautors -15-

Posted by Dieter Paul Rudolph - 1. August 2013

Der erste Satz, der Klappentext, das Personal, das Cover… Du hast natürlich längst gemerkt, liebes Tagebuch, dass wir es beim Krimiproduzieren mit angewandter Psychologie zu tun haben und nichts sonst. Literatur? Ach was! Ein Krimi ist auch nur eine Wassermelone! Wassermelonen sollen schmecken und sie schmecken besonders gut, wenn man den Konsumenten erfolgreich vermittelt hat, dass Melonen nicht nur ordinäres Wasser enthalten, sondern auch Lifestyle, Health und, natürlich, eine Portion Sexyness. Genauso ist es beim Krimi, einem massengefertigten, künstlich im Phantasielabor nach den neuesten Regeln des Kunsthandwerks aufgeblasenen Objekt des Entertainments, das sogenannter „Kultur“ täuschend ähnlich sieht. Schließlich lesen wir Krimis wie wir Joyce lesen oder Goethe oder einen von diesen anderen Typen, die ihre Texte nur um des Inhaltes willen verfassten und gar nicht daran dachten, sie mit Hilfe der Psychologie an Mann und Frau zu bringen.

Ich aber, liebes Tagebuch, denke Tag und Nacht nur daran. Und mir ist etwas eingefallen. Ich muss mich inszenieren, alle Erfolgreichen tun das. Sie haben ein „Image“, wie man heutzutage sagt, sie sind „Typen“, die für irgendetwas „stehen“, das bescheidene Gehirne sogleich „authentisch“ nennen. Wäre ich etwa eine proppere Anfangsdreißigerin, einigermaßen gerade gewachsen und mit ebenso aus- wie einladenden Geschlechtsattributen, ich würde nicht zögern, mich als „die erotische Antwort auf Frank Göhre“ zu inszenieren. Schwarzer Lidschatten, die Haare lang und bevorzugt rot, ein bisschen Busen hier, ein bisschen Bein da, ein mysteriös glänzender Schmollmund… und schon habe ich wenigstens die männlichen Leser am Wickel.

Nun, ich bin weder propper nach Anfang dreißig. Ich bin auch nicht weiblich, ich bin ein älterer Herr, noch ganz gut in Schuss, aber wer mich imagetechnisch erotisch aufzuladen gedenkt, dem streikt der Akku sofort nach dem Einstöpseln. Auch als „der große weise Mann des deutschen Krimis“ eigne ich mich nicht so sehr. Dafür sind zu viele meiner Dummheiten längst Internetgemeingut. Nein, ich bin nicht „nett“! Das wäre übrigens sowieso ein schlechtes Image, denn „nett“ sind sie ja fast alle, jedenfalls behaupten sie das auf Facebook, wenn sie wieder einmal ihre Produkte bewerben und selbst die Bekundung von Frau X., einer potentiellen Leserin, sie habe gerade ziemlich festen Stuhl, „liken“. Alles nur aus Verkaufsgründen. Wessen Stuhl ich like, wird mich weder bei stationären Buchhandel noch bei Amazon auf Dauer links liegen lassen.

Also wie soll ich imagemäßig vorgehen? Sorry, mir bleibt nur eine Möglichkeit. Ich werde mich als „das Arschloch des deutschen Krimis“ inszenieren, als der Publikumsbeschimpfer, der Tabubrecher, der große Ordinäre, der menschgewordene Stinkefinger. Okay, viel zu inszenieren gibt es da gar nicht. Die Arschlochrolle liegt mir einfach, sie passt zu meinem Naturell. Ich werde meinen LeserInnen offen zeigen, was ich von ihnen halte, nämlich nichts. Ich werde meine KollegInnen intrigenmäßig auf die Pelle rücken wo ich nur kann, also im Internet. Ich werde über die Buchhandlungen feixen, weil sie alle, alle, alle in die Pleite rauschen. Ich werde Kritikern anbieten, sie mit rostigen Kartoffelschälern zu entmannen, mit Salatgurken zu penetrieren und ihre Sippschaft bis ins hundertste Glied verfluchen. Natürlich werde ich mein Profilfoto bei Facebook auswechseln. Ich suche nur noch einen Fotografen, der meinen nackten Arsch möglichst wirkungsvoll in Szene zu setzen versteht.

So soll es sein. Noch bevor mein Krimi erschienen sein wird, werde ich als „der große Arsch“ meinen Platz in der Kriminalliteraturgeschichte erobert haben, ein Autor, den man hasst und verabscheut – und dennoch massenweise liest. Weil ich ein Charaktertyp bin. Authentisch bis in die Arschhaare.

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