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Tagebuch eines angehenden Krimiautors -14-

Posted by Dieter Paul Rudolph - 31. Juli 2013

LeserInnen sind ein Mysterium, liebes Tagebuch! Da entscheiden sie sich bewusst gegen das Multiplex-Geflimmere der vorgefertigten bunten Bilder – und gleichzeitig machen sie ihre Leseentscheidung von der Qualität eines einzigen Bildes abhängig. Das ist kein krimispezifisches, ja, nicht einmal ein buchspezifisches Phänomen, sondern auch zum Beispiel in der Automobil- oder Fischstäbchenbranche gang und gäbe. Dort sitzt eine prallbrüstige Blondine auf blitzendem Chrom, hier grinst ein Säugling im Käptn-Iglu-Rausch. Und immer ist es die schiere Optik, die über künftige Lebensentwürfe (BMW-Fahrer, die Pressfisch kauen) entscheidet.

Schon mein Werk „Die Spargelernte unter Berücksichtigung der Entwicklung des modernen Traktors“ fand seine zugegeben nicht sehr zahlreiche Leserschaft nur deshalb, weil auf dem Cover eine aufreizend textilarme Schönheit hinter dem Lenker eines landwirtschaftlichen Nutzfahrzeugs hockte und einen Schalthebel bediente, aber derart bediente, dass das Kopfkino gar nicht anders konnte als eine pikante Vorstellung abzuliefern. Bei Krimis ist es naturgemäß noch schlimmer Wähle das falsche Cover – und du kannst deinen einzigen Leser mit Handschlag begrüßen!

Es liegt nahe, das Cover eines Kriminalromans so auszurichten, dass die interessierte Leserschaft gar nicht erst zu lesen braucht, ob es nun ein Krimi oder doch nur wieder ein Buch über die Spargelernte ist. Blut! Ein Messer! Eine schreiende Frau, ein grinsender Killer! Natürlich kommt eine sphinxisch blickende, über das Lotterbett gegossene Femme Fatale immer gut, wie überhaupt Sex alles zu verkaufen vermag, mit Ausnahme von Gesangbüchern und FDP-Parteiprogrammen. Da mein geplantes Werk als „Hamburg Krimi“ (immer noch ohne Bindestrich!) reüssieren soll, würde man meinen, die Covergestaltung bereite keinerlei Schwierigkeiten. Reeperbahn! Nutten! Zuhälter! Doch weit gefehlt! Die Reeperbahn bei Nacht findet man inzwischen sogar auf Eifel Krimis, Sylt Krimis und Katzen Krimis, das hat Inflation, das entlockt dem eigentlich geneigten Leserlein nicht mal mehr ein Gähnen.

Es ist ein altes und bewährtes Marketinggesetz, dass dann, wenn etwas überhand nimmt, das genaue Gegenteil von dem, was jeder tut, die größte Aufmerksamkeit findet. Ich wäre also gut beraten, auf das Cover meines Hamburg Krimis nicht die Reeperbahn, sondern, sagen wir, das Foto eines Mähdreschers zu bringen. Er fährt über ein Feld, drei Meter vor ihm liegt ein niedliches Rehkitz… Auf diesem Cover würden sich also Natur, Thrill und Tierliebe auf das Schönste treffen, jeder Leser, der noch ein Herz im Leibe hat, müsste hier automatisch zugreifen, den Klappentext lesen und „Aha, ein Hamburg Krimi! Mal was ganz anderes!“ murmeln. Und schon würde das Geld im Kasten klingen.

Nun ist es aber so: Wo etwas ungewöhnlich ist, da dauert es nicht lange, bis alle es tun und es wieder gewöhnlich wird, so lange, bis es wieder ungewöhnlich wird, einen Hamburg Krimi mit dem üblichen Reeperbahncover zu schmücken. Nein, das ist nichts für mich! Ich bin ein radikaler Krimiautor, für mich gibt es nur alles oder nichts, Krimibestenliste oder Ramschkiste (wobei manche Leute sagen, das sei einunddasselbe). Deshalb wird mein Cover – weiß sein. Ja, du hast richtig gelesen, liebes Tagebuch, ganz weiß. Ohne Bild. Ohne Titel. Ohne alles. Wie beim Weißen Album der Beatles, genau. Der Leser, die Leserin, wird, so er oder sie ein gewisses Alter erreicht hat (Menschen unter 50 lesen eh kaum noch, sie surfen lieber), sofort an diesen Meilenstein der Popmusik denken und unwillkürlich assoziieren, hier auch ein Meilenstein wenigstens des Hamburg Krimis vor sich zu haben.

Das, liebes Tagebuch, ist Psychologie oder, wie Raymond Chandler in seinen Briefwechseln immer zu formulieren pflegte: It’s pseikollodschy stupid. Genau um die soll es demnächst gehen.

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Eine Antwort to “Tagebuch eines angehenden Krimiautors -14-”

  1. Kle said

    finde ich keine gute Idee, das weiße Cover. Da war die Hamburger Beatles Zeit längst vorbei und man würde denken, dass es sich bei dem Buch um die ähnlich gestylten Billig-Produkte einer Supermarktkette handelt. Wenn das Cover schon nichts zeigen soll, dann bitte richtig: Mönckebergstraße abbilden oder Binnenalster. Mönckebergstraßenkrimi wäre imho auch ein erfolgversprechendes neues Genre.

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