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Tagebuch eines angehenden Krimiautors -13-

Posted by Dieter Paul Rudolph - 30. Juli 2013

Mit dem Protagonisten sind wir noch nicht fertig, liebes Tagebuch! Jetzt, wo er deutlich vor unserem inneren Auge erscheint, eine Mischung aus junger Athletik und altersgebeugter Weisheit, aus brühwarmem Eros und kalter Intelligenz, müssen wir ihn, wie man bei gewissen Vereinigungen von Krimischaffenden sagt, „vermarken“. Nein, nicht „vermarkten“, obwohl das natürlich auch, aber die Vermarkung eines Protagonisten gehört zu den unerlässlichen Maßnahmen der Buchvermarktung.

Letztlich, liebes Tagebuch, geht es darum, Düsterhenn, unseren Helden, schon bevor er überhaupt im Roman agiert hat, mit dem Kultstatus zu versehen, ihn also zu einer Marke zu machen. Okay, das geschieht zumeist in der Verlagswerbung und auf dem Backcover. „Ein neuer Stern am Krimihimmel! Düsterhenn, der Kultermittler!“ Und dazu einen Blurb, wie man in der Fachsprache sagt, eine Lobpreisung aus berühmtem Mund, wofür eine Menge Geld in diesen berühmten Mund gestopft werden musste. „Der beste Ermittler seit Jahren! Nur vergleichbar mit“ (hier hat der Blurber zwanzig Namen zur Auswahl bekommen, von denen er drei ankreuzt, aus denen die Werbeabteilung dann einen auslost).

Doch dies allein genügt nicht, um einen Ermittler mit dem Präfix „Kult“ zu schmücken. Was wir nun dringend benötigen, sind TestleserInnen, Menschen von besonderer Einfalt und Begeisterungsfähigkeit, unbefriedigte Hausfrauen, kaufmännische Angestellte, in denen die Mittelmäßigkeit ihres Daseins wie ein Vulkan brodelt, Ärzte, die sich zu Höherem berufen fühlen, altgewordene Germanistinnen, die noch nie mit einem Dichter geschlafen haben, Elektroingenieure, die festgestellt haben, dass sie lesen können. Kurz: Blogger.

Man unterschätze die Blogger nicht! Als Meinungsvieh sind sie unverächtlich, vor allem dann, wenn es gilt, den Kultstatus eines neuen Ermittlers zu begründen. Zu diesem Zweck bietet man ihnen an, „die Fahnen“ vorab zu lesen oder, besser noch, einen Blick in das jungfräuliche, noch gänzlich unkorrigierte Manuskript zu werfen. Das schmeichelt ihrer Eitelkeit. Sie gehören zum inneren Zirkel der Kriminalliteratur! Ihr Urteil ist gefragt! Sie haben es geschafft! Ihre Blogs (Beate’s beste Bücher, Stefan’s spannende Sriller, alles nur echt mit Deppenapostroph und bindestrichfrei) sind eine feste Größe im Spannungsliteraturbetrieb – was natürlich völlig richtig ist, nur eben anders, als es die Betreiber vermuten.

Blogs, liebes Tagebuch, sind völlig überbewertet. Man liest sie, aber niemand nimmt sie ernst. Ihr einzige Daseinszweck ist die Schaffung von „Kult“. Und genau hier leisten sie unverächtliche Dienste. Denn die Blogger, denen man genug Honig um die Mäuler geschmiert hat, besitzen nur ein begrenztes Urteilsvokabular. Eigentlich wissen sie gar nicht, was sie schreiben sollen – und deshalb schreiben sie alle dasselbe. „Sympathischer Ermittler… konnte das Buch nicht aus der Hand legen… habe es neulich auf der Veranda bei einem kühlen Getränk geradezu verschlungen… akribisch recherchiert… Abgründe des Menschlichen tun sich auf… der Ermittler hat das Zeug zum Kult“ oder, perfekt: „Düsterhenn ist der neue Kultermittler, Nele Neuhaus kann einpacken“.

Diese Vorabrezensionen überschwemmen das Netz wie ein Tsunami aus übergelaufenen Toiletten. Kein Wunder, denn via Facebook werden die Rezensionen „geteilt“ und außerdem schreiben die Blogger sowieso alle voneinander ab. Bald weiß das ganze Netz: Düsterhenn ist Kult! Düsterhenn ist the next big thing! Düsterhenn ist noch nie dagewesen! Düsterhenn bricht Tabus schneller als sie das Menschenhirn erdenken kann! Hat man dies erst mal erreicht, liebes Tagebuch, ist die Hauptarbeit getan und man kann sich endlich der eigentlich schöpferischen Arbeit widmen. Dem Schreiben, meinst du, törichtes Tagebuch? Aber nicht doch! Der Covergestaltung natürlich.

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Eine Antwort to “Tagebuch eines angehenden Krimiautors -13-”

  1. Ria said

    Ich bin auch eine altgewordene und habe noch nie mit einem Dichter, Germanisten oder gar Günter Grass … Darf ich wenigstens auch in das jungfräuliche Manuskript … äh … eintauchen?

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