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Tagebuch eines angehenden Krimiautors -12-

Posted by Dieter Paul Rudolph - 29. Juli 2013

Neben Spannung, Logik und lückenloser Aufklärung erwartet die Leserschaft von einem Krimi vor allem eins: Sympathie mit dem Helden. Klingt simpel? Ist es aber nicht. Sympathie ist nicht gleich Identifikation, manchmal bedeutet sie gar Antipathie oder bloße Bewunderung. Flanieren wir ein wenig durch die Geschichte des Genres, um dieses so wichtige Sujet zu fassen.

Agatha Christies Hercule Poirot etwa. Ein fetter, arroganter Belgier mit unfehlbaren grauen Zellen. So etwas liebt der deutsche Leser grundsätzlich nicht, aber er bewundert es. Mehr nach seinem Geschmack ist ein versoffener, notorisch klammer Typ wie Chandlers Philip Marlowe, denn über ihn kann man das ausschütten, was man zu Genüge hat und was am wenigsten kostet: Mitleid. Und wenn Marlowe auch noch ordentlich eins auf die Fresse bekommt: umso besser.

Völlig anders verhält es sich bei Glausers Wachtmeister Studer, dem Liebling der intellektuellen Krimileser der Achziger. Eigentlich nichts weiter als ein engstirniger Kleinbürger, im Hinterkopf indes mit einer gehörigen Portion Obrigkeitsverachtung und Gerechtigkeitssinn ausgestattet, eine Kombination, von der ca. 90 Prozent aller Krimifreunde glauben, sie charakterisiere sie selbst ganz gut. Okay, man ist ein kleines kriechendes Arschloch, aber tief im Innersten der radikalste Rebell. Wenn man nur könnte wie man wollte, man würde die Welt sofort verändern. Aber die Verhältnisse sind nun einmal nicht so… Studer wurde so zum Sinnbild deutschen Strebens und Trachtens, eine Identifikationsfigur comme il faut.

Bis Jack Reacher kam. Ein Mann wie eine Offenbarung. Groß, muskulös, nervenstark und gnadenlos. Der von Lee Child geschaffene Held, die Tötungsmaschine mit Restherz weckt anarchische Gelüste, sie ist quasi eine Komplimentärfigur zu Studer. So möchte man sein. Einerseits der kuschende kaufmännische Angestellte, andererseits, quasi nach Feierabend, hirnverspritzender Action Hero. Kein Wunder, dass bei Amazon Krimis von Friedrich Glauser und Lee Child gerne „zusammen gekauft“ werden.

An dieser Stelle sei das Thema „Serienmordender Psychopath als Sympathieträger“ wenigstens kurz gestreift. Wir kennen diese Figur seit Hannibal Lector, doch wurde sie dermaßen überstrapaziert, dass sie inzwischen völlig out ist und wir dankend darauf verzichten. Vielleicht im nächsten Krimi, wenn sich der Wind wieder gedreht hat.

Mein Held Düsterhenn wird also, um möglichst viel Markt abzudecken, eine Mischung aus Studer und Reacher sein, damit allerdings nicht genug. Was noch fehlt, ist die erotische Komponente, das James-Bond-Gen gewissermaßen. Düsterhenn verfügt über eine nimmersatte Libido, bei der jede Frau automatisch in Rückenlage gerät. Da ich jedoch einen literarischen Krimi zu schreiben gedenke, ist Düsterhenns Sex tiefsinnig, von einer Spur Melancholie durchzogen (womit ich auch die Mankell-Leser abgreife), nach erfolgreichem Geschlechtsakt liegt er grübelnd neben der erschöpften Frau, raucht (ein Tribut an die Hardboiled-Leser und Marlowe-Fans) und überlegt sich, welchem seiner Abteilungsleiter er demnächst die Decke vom Schädel blasen wird.

Die Strategie, liebes Tagebuch, ist eindeutig. Ich gedenke, die Sympathien in all ihren Variationen zu bündeln, nur das mit dem kleinen dicken arroganten Belgier, der am Ende mit seinen grauen Gehirnzellen alle Fälle löst, lassen wir bleiben. Gerade nicht modern. Allerdings überlege ich noch, wie ich einige Charaktereigenschaften von Kommissar Maigret (dessen Schöpfer Simenon auch Belgier war, doch dies nur nebenbei) integrieren könnte. Er steht irgendwo zwischen Studer und Mankells Wallander, ein Kleinbürger mit Tendenz zur Depression, die er aber nicht zeigt. Vielleicht wird Düsterhenn Pfeife rauchen? Obwohl das im Bett, neben einer schlafenden Geliebten, nicht so gut kommt. Du siehst, liebes Tagebuch, es ist nicht so leicht, einen erfolgreichen Krimi zu schreiben! Aber wir sind auf dem besten Weg!

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