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Tagebuch eines angehenden Krimiautors -11-

Posted by Dieter Paul Rudolph - 26. Juli 2013

Jeder kriminalliterarische Profi wird es bestätigen, liebes Tagebuch: Krimis beginnt man von hinten zu schreiben! End first, sagte schon Agatha Christie ,und Raymond Chandler, den abgespreizten kleinen Finger am Teetassenhenkel, nickte dazu. Aber Obacht! Jeder Krimi hat zwei Enden! Was logisch ist, denn nichts ist so wurst wie der Inhalt eines Krimis, dessen Auflösung nicht stimmt. Doch neben diesem logischen Ende gibt es ein sentimentales, einen starken Abgang des Helden gewissermaßen, der aus diesem Buch ins nächste reitet, denn – man braucht es kaum zu erwähnen – natürlich schreibe ich eine ganze Serie von Hamburg Düsterhenn Krimis und alle ohne Bindestriche.

Ja, reitet! Ich werde das in „Düsterhenn I“ wortwörtlich nehmen! Held D. ist nämlich ökologisch-ökonomisch schwer ins Grübeln gekommen und zum Veganer, Klima- und Tierschützer, Globalisierungsgegner und Bankenkritiker geworden. Er hat sich, weil ihn der ÖPNV ankotzt, ein Pferd gekauft, es „Lasagne“ genannt – und damit reitet er am Ende langsam über den Hof des Eros Centers „Love is stranger than Fi(c)ktion“, mitten hinein in den orangeflimmernden Sonnenuntergang von St. Pauli. Ist das nicht romantisch und in seiner gesellschaftspolitischen Aussage geradezu eine Win-Win-Situation, um nicht zu sagen ein bunter Strauss herrlichster Synergieeffekte?

Die Kritiker jedenfalls werden jubeln! Herr Menke vom Krimiblog erinnert sich wehmütig an die Pferdedroschken seiner sauerländischen Kindheit, dpr preist, dies sei der stärkste Abgang seit Guido Rohms Sprung in die eiskalte Fulda, und dieser andere Kritiker (ich hab gerade den Namen vergessen) weist zu Recht darauf hin, der ach so verpönte deutsche Regiokrimi habe endlich das Niveau von Eishockey auf Neu-Guinea erreicht. Nur der Herr Klingenmaier, der alte schwäbische Stänkerer, dürfte wieder einmal bemängeln, dass „Düsterhenn I“ weder als Trashcomic zu haben noch bisher von Lars von Trier verfilmt worden sei.

Wichtiger noch der logische Schluss. Ganz ehrlich: Kein Mensch, der einen Krimi schreibt, weiß, wo ihn das alles hinführen wird. Man fängt einfach an, am besten mit einem Mord. Und dann? Tja… Deshalb ist es so enorm wichtig, schon von Anfang an zu wissen, wie das Ganze endet. Wer hat warum wen massakriert? Wenn ich das weiß, kann ich an dieser Hilfslinie entlang meine Story entwickeln.

In „Düsterhenn I“ wird am Ende der sehr unauffällige Falk Finster als Mörder entlarvt (gespielt von Götz George, Herr Klingenmaier!). Er fühlt den Trieb in sich, Prostituierte (Christine Neubauer, Veronica Ferres und – in einer Gastrolle – Lena) grausam zu ermorden, seit ihn seine Frau Fee Finster (Christiane Hörbiger in einer ihrer Paraderollen!) verlassen hat und nun auf dem Seniorenstrich St. Georg anschaffen geht. Warum aber legt er jedem seiner Opfer eine herausgerissene Seite aus Günter Grassens „Die Blechtrommel“ in den gewaltsam aufgebrochenen Mund? Ganz einfach: Falk und Fee kennen sich seit der Schule, als sie im Leistungskurs Deutsch nebeneinandersaßen und „Die Blechtrommel“ lesen mussten. Überführt wird Finster, weil er einen fatalen Fehler begeht. In seiner Rage reißt er ein Blatt aus dem falschen Buch, Guido Rohms „Untat“, was ihn sofort überführt, denn auch in diesem Werk heißt der Held Oskar und Finsters unehelicher Sohn heißt ebenfalls Oskar (was der Leser natürlich nur am Rande mitbekommt) und weil Düsterhenn eins und eins zusammenzählen kann, kommt er auf Seite 299 darauf, dass nur Finster als Mörder infrage kommt.

Zudem platzt Finsters todsicheres Alibi. Angeblich war er am 23. Januar 2003, als der erste Mord geschah, bei der Uraufführung des Balletts „Die goldenen Schwäne von Buxtehude“ in der Hamburger Staatsoper. Düsterhenn kann indes nachweisen, dass diese Premiere erst am 24. stattfand. Finster, faktisch in die Enge getrieben, gesteht nun seine Missetaten, erläutert kurz die Motiviation (sonst weiß der Leser, die Leserin nämlich nicht, warum er es getan hat!) und springt aus dem fünften Stock des Bordells „Standfest“, wo er der unten wartenden Natascha Moppel auf den Kopf fällt. Beide sterben. Finster, weil er gemordet hat, die Moppel, weil es strategisch ungünstig wäre, wenn Düsterhenn, der die Moppel liebt, in die nächsten zehn Folgen mit einer Prostituierten glücklich wäre. Denn merke: Ein Krimi braucht Depression!

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