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Tagebuch eines angehenden Krimiautors -10-

Posted by Dieter Paul Rudolph - 25. Juli 2013

Das Thema, liebes Tagebuch, über das ich dir heute etwas anvertrauen möchte, wird die meisten AutorInnen von Kriminalliteratur überraschen, weil sie es nicht für ein Thema halten: die Sprache. Was ist das, Sprache? Nun, Sprache ist die menschliche App, mit der man 200 Gramm Leberkäse bestellen, ein Heiratsantrag machen oder laut „Scheiße!“ ausrufen kann, wenn einem wieder einmal die Nagelfeile auf den Fuß gefallen ist. Oder eben Kriminalromane schreiben. Sprache ist ein Geschenk der Natur und es wäre unhöflich, dieses Geschenk zu verändern. Selbstverständlich verändert sich Sprache im Laufe des Lebens von selbst (sie wird quasi automatisch im Hintergrund geupdatet), sie entwickelt sich, wird ausgebaut, verfeinert. Schließlich möchte man nicht ewig wie ein dreijähriges Kindergartenkind babbeln und besonders für KriminalautorInnen ist es wichtig, wenigstens den Stand elfjähriger Schulkinder zu erreichen.

Die Sache hat nur einen Haken: Für unseren Krimi benötigen wir aus Image- und Verkaufsgründen die literarische Sprache. Wie unterscheidet sich die nun von der des Alltags? Ganz einfach: Literarische Sprache dient nicht zum Kauf von Leberkäse oder vier frischen Brötchen, sie soll uns vielmehr daran erinnern, dass wir irgendwie intellektuelle Wesen sind, Kulturgeschöpfe, die beim Lesen denken.

Oha! Jetzt ist das schreckliche Wort gefallen, obwohl ich es vermeiden wollte! DENKEN! Und dann auch noch beim LESEN! Das ist wie Kreuzworträtsellösen beim Sex oder Schuheputzen unter der Dusche. Es gehört einfach nicht zusammen! Wer einen Krimi liest, will nicht denken, er will „Emotion pur“, wie es in der Fernsehwerbung für Volksmusiksendungen, Heiratsshows und live übertragene Blinddarmoperationen immer heißt. Emotion bedeutet aber: Denken ausschalten.

Nicht so beim literarischen Krimi. Er bricht bewusst das Tabu, Lesen und Denken in eine kausale Linie zu stellen. Das ist fast so schlimm, wie in einem Krimi über Inzest zu schreiben und die Tochter beim Verkehr mit ihrem Daddy kommen zu lassen. Die literarische Sprache muss also nicht nur die Elemente ihrer Standardvariante („Bitte 200 Gramm Leberkäse, nein, nicht mit Paprika“) enthalten, sondern auch das, was man unter uns Literaten „die heiligen Wörter“ nennt. Ein Beispiel.

In meinem Roman „Düsterhenn oder der Tod auf der Reeperbahn“ wird der Held ein billiges Zimmer in einer noch billigeren Absteige beziehen, um dort eine Nacht schlaflos herumzuliegen. Er setzt sich aufs Bett, öffnet die Nachttischschublade und findet eine alte zerfledderte Ausgabe der „Blechtrommel“ von Günter Grass darin. In Normalsprache könnte das so formuliert werden: „Düsterhenn öffnete die Schublade. Darin lag ein altes zerfleddertes Buch. Es war Die Blechtrommel von Günter Grass. Düsterhenn legte seine Stirn in Falten und schloss die Schublade wieder.“ In literarischer Sprache müsste dies indes gänzlich anders beschrieben werden: „Die Schublade öffnete sich wie die Büchse der Pandora und zum Vorschein kam, alt und zerfleddert, ein Buch. Es blickte Düsterhenn beinahe traurig und resigniert entgegen. Draußen trommelte Regen gegen das Fenster, dies schien Düsterhenn ein Zeichen. Er entnahm das Buch – Günter Grassens Die Blechtrommel – und begann zu lesen. Das Trommeln da draußen vereinigte sich mit dem Trommeln in Düsterhenn selbst, beides ergab den vertrackten Rhythmus des Lebens.“

Sofort fällt eines auf: Der literarische Text ist länger! Das ist schon mal gut, denn LeserInnen kaufen Bücher bekanntlich wie Leberkäse nach Gewicht. Und: Die literarische Sprache ist irgendwie tiefer, nicht wahr? So haben sie alle geschrieben, die Goethes und Rohms, die Schillers und überhaupt die in den kleinen gelben Heftchen, mit denen man uns im Deutschunterricht gequält hat. Kein Zweifel: Das ist Literatur.

Dieses Kapitel wird übrigens „Ich hatte Sex mit Günter Grass“ heißen. Eine unappetitliche Vorstellung, gewiss, aber so ist er nun einmal, der literarische Krimi. Irgendwie pervers intellektuell.

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Eine Antwort to “Tagebuch eines angehenden Krimiautors -10-”

  1. Ria said

    Sex mit Günter Grass ist eine unbeschreibliche Vorstellung! Ein nikotintriefender Schnurres, unter dem es nikotingeschwängert herauskeucht … Schlimmer als Mord, Neuköllner Freibäder, Politik oder Literatur! Kurz: Abscheulich und bestens geeignet für einen Skandal.

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