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Tagebuch eines angehenden Krimiautors -9-

Posted by Dieter Paul Rudolph - 24. Juli 2013

Der Krimi ist fast fertig. Das heißt: Er muss nur noch geschrieben werden, aber das ist bekanntlich die leichteste Übung von allen. Deutsch haben wir ja schließlich in der Schule gelernt, und da nur Menschen mit mindestens einer 2 in Aufsatz überhaupt auf den Gedanken kommen, Krimis zu schreiben, dürfte an der Qualität des Endprodukts nicht der geringste Zweifel bestehen. Den Rest erledigt dann der Lektor.

Das ist das Stichwort: der Lektor. DEN muss man überzeugen – und zwar noch bevor auch nur eine Seite des Romans fertig ist. Das Zauberwort heißt: Exposé. Ein Exposé ist so etwas wie der Verkaufsfahrplan eines Krimis. Ja, du hast richtig gelesen, liebes Tagebuch! Kein Lektor interessiert sich für die Story. Er hat genug Krimimanuskripte gelesen um zu wissen, dass eh immer die alte Leier gezupft wird. Wofür sich Lektoren hingegen brennend interessieren, sind die betriebswirtschaftlichen Kennziffern, die anhand einer Liste aus dem Exposé ermittelt werden können. Diese Liste ist das bestgehütete Geheimnis der Verlage und zugleich ihre wichtigste Geschäftsgrundlage.

Wie funktioniert dies nun konkret? Ganz einfach. Der Lektor analysiert das Exposé nach sogenannten „big points“. Nehmen wir etwa „ein Familiengeheimnis wird nach 35 Jahren gelüftet“. Er schaut auf seiner Liste nach und sieht: Aha, Krimis, in denen ein Familiengeheimnis gelüftet wird, finden mindestens 1000 Leser, die gerne Krimis lesen, in denen ein Familiengeheimnis gelüftet wird. Am besten ein „düsteres“, dann kommen noch einmal 500 dazu. Bei einem Regiokrimi zählt natürlich auch das Einzugsgebiet, die Anzahl potentieller Leser also. Ein Celle Krimi erreicht naturgemäß weniger Interessenten als ein Hamburg Krimi, der immerhin in einem Einzugsgebiet von wenigstens zwei Millionen des Lesens einigermaßen kundigen Konsumenten spielt. Über den Daumen schätzt der Lektor: Wenn nur jeder Tausendste sich das Ding kauft, sind wieder 2000 über die Ladentische gegangen. Macht, addiert zu den düsteren Familiengeheimnissen, schon mal mindestens 3000 insgesamt. Langsam driftet der Titel in das Paradies der schwarzen Zahlen.

Auf der Lektorenschule (Aufnahmekriterium: mindestens Mittlere Reife, eine Drei in Deutsch sowie der Drang zum Schreiben und die Erkenntnis, es nicht zu können) lernen die angehenden Damen und Herren über Leben und Tod von Literatur, dass es konstante „big points“ gibt und solche, die Moden unterworfen sind. Politisch-gesellschaftlicher Bezug, zum Beispiel. Hat vor fünf Jahren niemanden interessiert, wird in fünf Jahren niemanden mehr interessieren. Heutzutage jedoch tut man gut daran zu beweisen, dass man den Krimi als kritischen Gesellschaftsroman schätzt.

In meinem Hamburg Krimi wird daher der erfolgreiche Investmentbanker Johannes Baron von Kurbjuweit (Adel bringt zwar nur 100 zusätzliche Leser, aber immerhin) auf die siebzehnjährige rumänische Zwangsprostituierte Olga treffen, sich in sie verlieben – und die ganze Miserabligkeit seines beruflichen Tuns wird ihm wie Schuppen von den Augen oder, um im Bild zu bleiben, wie der Profit vom DAX fallen. Vielleicht lasse ich Olgas Halbschwester Lara als Hartz-IV-Aufstockerin bei einem Seelenverkäufer arbeiten, obwohl… auf die 20 zusätzlichen Leser kommt es nicht eigentlich an.

So also rechnet sich der Lektor durch das Exposé. Hat er das Minimalziel von 10.000 sicheren Lesern erreicht, nickt er befriedigt und wirft einen Blick in das beiliegende Probekapitel, höchstens 30 Seiten. Auch hier geht er nach einem ausgeklügelten Plan vor. Sätze nicht länger als sieben Wörter? Besitz eines Fremdwörterdudens nicht unabdingbare Lektürevoraussetzung? Schöne griffige Formulierungen („Die Sonne brannte erbarmungslos vom blauen Himmel.“ – „Er stand sinnierend vor der Herrentoilette.“ – „Die Frau trug Pumps und rezitierte leise Nietzsche.“)? Ein bisschen knackiger Sex?

Stimmen auch diese Dinge, steht einer Veröffentlichung nichts mehr im Wege. Jetzt geht es ans Ausarbeiten! Dazu morgen mehr, liebes Tagebuch.

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Eine Antwort to “Tagebuch eines angehenden Krimiautors -9-”

  1. Kle said

    bitte auch daran denken, dass beim Regio-Krimi nicht die Einwohnerzahl entscheidend sein muss, sondern, wie z. B. im Fall von Venedig, es lediglich auf die Menge der lesefähigen Urlauber ankommt. Und Hamburg wird immerhin auch Klein-Venedig genannt, wegen der vielen Brücken. Was eigentlich falsch ist, weil Hamburg angeblich mehr Brücken hat. Wer einen Regio-Krimi schreiben will, sollte im Exposé zu guter letzt eine Seitenzahl von max. 300 versprechen, weil Leser möchten, dass der Schmöker gut in die Strandtasche passt (wird in beiden Venedigs benötigt).

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