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Tagebuch eines angehenden Krimiautors -8-

Posted by Dieter Paul Rudolph - 22. Juli 2013

Guten Morgen, Tagebuch, guten Morgen, Welt! Hamburg war wunderbar! Bevor ich mich entschlossen habe, einen Hamburg Krimi ohne Bindestrich zu schreiben (Bindestriche sind voll uncool, sagt meine 12jährige Nichte – und das ist immerhin unser zukünftiges Lesepublikum!), kannte ich Hamburg nur aus dem Fernsehen. Schöne Stadt! Ich unternahm eine kleine Hafenrundfahrt, die mir das Flair der großen weiten Welt injizierte, aß am Fischmarkt ein Fischbrötchen, trank eine Apfelschorle auf St. Pauli, wobei ich einen Mann sah, der wahrscheinlich ein Zuhälter war (er trug eine Art Lederhose) und kaufte mir eine CD des „Hamburger Seemannslieder-Chores, obwohl ich den Bindestrich total uncool finde.

Wir Krimischriftsteller nennen das Inspiration. Das Eintauchen in das Milieu unserer Geschichten, das Einatmen des besonderen lokalen Flairs, das Sammeln von Ideen… übrigens ist mir auf der Rückfahrt im ICE eine Superidee gekommen! Als nächstes schreibe ich einen Krimi, der zur Zeit der Reichsgründung 1871 spielt! In der Illustrierten nämlich, die die Deutsche Bahn immer in ihren Zügen rumliegen lässt, stand ein interessanter Artikel über Bismarck und warum man diesen Hering nach ihm benennt (eine interessante Geschichte, die ich auch in meinen Hamburg Krimi einbauen werde, schließlich ist Hamburg für seine Heringe weltberühmt!). Gleich morgen werde ich mir ein Buch über diese Zeit aus der Stadtbibliothek besorgen, es gibt bestimmt eins, das weniger als 300 Seiten hat, mehr braucht man nicht, denn schließlich wird mein Krimi ja auch höchstens 250 Seiten dick sein.

Doch, ich kann es meinen Kolleginnen und Kollegen nur anraten, sauber zu recherchieren! Google ist gut, aber die Leserschaft, so dumm sie auch sein mag, wird sofort erkennen: Aha, da hat einer bloß gegoogelt! Außerdem will ich meinen Hamburg Krimi natürlich auch jenseits aller Klischees ansiedeln. Lothar Düsterhenn, der Held wird nicht etwa solche typischen Hamburger Berufe wie Seemann, Zuhälter, Medienfuzzi oder Besitzer eines Stundenhotels auf der Reeperbahn ausüben – nein, er wird kaufmännischer Angestellter sein! Ein genialer Schachzug! Kein Mensch erwartet in Hamburg kaufmännische Angestellte! Und schon gar nicht welche, die in schnöden Im- und Exportfirmen arbeiten! Hier sollte man auf jeden Fall anmerken, dass es eminent wichtig ist, den Helden mit ein paar prägnanten Sätzen einzuführen! Schließlich kämpft er um die Sympathien der Leserinnen (Leser sind hier unwichtig, die interessieren sich sowieso nur für die diversen Schönheitsoperaton meiner Co-Heldin Natascha Moppel), da muss ein plastisches Bild entstehen, wenn Sie wissen, was ich meine.

Der Kriminalroman nämlich, ich deutete es schon an, ist im Grunde Fernsehen. Ohne es zu wollen, verpasst die Leserin dem Helden ein Fernsehgesicht, wahrscheinlich das von Til Schweiger, der mit der deutschen Synchronstimme von Robert de Niro sagt: „Ute, könntest du mir mal die Akten der Firma Bliff und Plunder OHG runterbringen?“ Und dann kommt Ute (sie sieht aus wie die minderjährige Version von Christine Neubauer) und sagt mit lasziver Stimme: „Da, ich hab sie dir runtergeholt“, und spätestens jetzt hat der Krimi eine erotische Komponente.

Überhaupt: Erotik! Ein Krimi ohne Erotik geht gar nicht! Das ist wie ein historischer Roman ohne Bismarck. Aber Vorsicht: Sex ist eine Schreibfalle! Beginnen Sie die Einführung ihres Helden niemals mit Sätzen wie „Er sah aus wie ein Schlafzimmer auf zwei Beinen“ oder „Wo Lothar Düsterhenn auftauchte, verbreitete sich sofort sinnliche Schwüle in allen Räumen.“ Das ist lächerlich!

So, aber jetzt in die Stadtbibliothek. Und dann in die Fischbraterei in der Fußgängerzone, einen Bismarckhering probieren! Recherche, sag ich nur!

 

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4 Antworten to “Tagebuch eines angehenden Krimiautors -8-”

  1. Ria said

    Lieber angehender Autor, könntest du vielleicht auch das Rätsel um die Bezeichnung ‚Hamburger‘ für für zwei mit allerlei Scheußlichkeiten gefüllten lappigen Brötchenhälften einbauen? Wenn du das ein bisschen mit Historie verquirlst, wird man dich sicher ‚die deutsche Antwort auf Dan Brown‘ nennen. Ich sehe die Schlagzeile schon vor mir: ‚Ein Buch wie ein Hamburger‘!

  2. Kle said

    wichtiger noch ist das Rätsel, warum Bob Dylan nach 52 Jahren Plattenkarriere zum ersten Mal Hamburg in einen neuen Song (Roll on John) eingebaut hat: „From the Liverpool Docks to the Red light Hamburg Streets…“ Die Gelegenheit ist günstig, denn Dylan spielt im Oktober gleich 2 Mal in Planten und Blomen. Ich bitte, mich über das Ergebnis der Recherche zu informieren, denn ich recherchiere über einen Dylan-Hamburg-Krimi!

    • Dieter Paul Rudolph said

      Als die Beatles im Kaiserkeller spielten und ein bleicher junger Ami schwor, er werde das nächste große Ding? Aber vorher gelte es noch das düstere Geheimnis von Woodstock zu lüften? Toller Plot! Könnte von mir sein!

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