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Tagebuch eines angehenden Krimiautors -7-

Posted by Dieter Paul Rudolph - 18. Juli 2013

Jetzt wird es heikel, liebes Tagebuch! Wir müssen ein Wort über die Dummheit der LeserInnen von Kriminalromanen verlieren, die conditio sine qua non des Genres gewissermaßen. Die meisten angehenden AutorInnen von Spannungsliteratur scheitern an ihrem Irrglauben, es mit intelligenten LeserInnen zu tun zu haben. Wer wie ich aus der Sachbuchbranche kommt und dessen Werke (ich erinnere an „Trieb und Trab. Das Verhältnis junger Mädchen zu Pferden“ oder „Kurze Geschichte der langen Gesichter“) auf das Vorhandensein eines Mindestmaßes an gesundem Menschenverstand setzen, bedarf hier einer Phase radikalen Umdenkens. Krimileser neigen dazu, die Welt für eine logische Abfolge von Ereignissen zu halten, ein Trugschluss, den Krimischaffende schamlos ausnutzen.

Warum das so ist? Das weiß niemand genau. Durchaus mit beiden Beinen in der Wirklichkeit stehende Menschen, wie alle anderen Gefangene im Mahlstrom des Willkürlichen, laborieren plötzlich an der Vision einer Welt, in der 1 + 1 = 2 ist. Also wenn das nicht töricht ist, was dann?

Als zukünftiger Autor eines prima Hamburg Krimis (den Bindestrich lassen wir immer noch weg) mache ich mir diesen Umstand zunutze. Merke: Der Krimiautor muss wenigstens so tun, als sei er so dumm wie seine Leser. Meistens fällt ihm das nicht schwer. Für manche ist es jedoch schon eine intellektuelle Herausforderung, die Restintelligenz ihrer Leser zu erreichen.

Hast du das jetzt verstanden, Tagebuch? Wahrscheinlich nicht. Gut, dann ein Beispiel aus dem Leben selbst. Nehmen wir die Kalbsleberwurst. Sie ist ein Metzgereiprodukt, in ihrem Erscheinungsbild, ihrem Geschmack massennormiert. Die Metzgereifachverkäuferin schneidet ein Stück von der Stange, wiegt es, fragt „Darfs zehn Gramm mehr sein?“ und packt es schön ein. Wenn man Metzgerei durch Buchhandlung (neudeutsch: Amazon) und Metzgereifachverkäuferin durch Buchhändlerin ersetzt (Entschuldigung, freundliche und kompetente Metzgereifachverkäuferin), ist man auch schon beim Krimi. Es gibt keinen Unterschied außer dem, dass Krimis nirgendwo abgeschnitten werden und niemand fragt, ob es auch zehn Seiten mehr sein dürfen.

Der Unterschied beginnt bei dem, was wir „den Konsum“ oder „die Rezeption“ nennen. Kalbsleberwurst wird aus den getöteten Körpern dieser putzigen kleinen Kühe mit den großen Babyaugen hergestellt, die uns sofort ein langgezogenes „süß!“ entlocken. Krimis entstehen durch die Tötung der Wirklichkeit durch den Autor, einer Wirklichkeit, bei deren unbearbeitetem Anblick wir gemeinhin wahlweise kotzen, verzagen oder wütend werden. Doch während man die Wurst verzehrt, ohne an ihre Ursprungsgestalt, das Kälbchen zu denken, hält man Krimis für ein detailgetreues Abbild ihres Ursprungs, der Wirklichkeit selbst. Das ist so, als würde ich meine Scheibe Kalbsleberwurst an die Leine nehmen, mit ihr Gassi gehen und alle Passanten kämen herbei und würden „süßer Hund!“ ausrufen. So lange, bis der Mann mit den Zwangsjacken kommt und uns alle mitnimmt.

Ja, das ist verrückt. Und es wird noch verrückter. Die Leserschaft von Kriminalromanen hält nicht nur das tote Produkt für seinen einmal lebendig gewesenen Lieferanten, es hält diesen Lieferanten Wirklichkeit umgekehrt für ein Kunstprodukt. Das liegt daran, dass Krimis wie Kalbsleberwurst so schön einheitlich aussehen, die Wirklichkeit wie das Kälbchen jedoch so unberechenbar ist, einen beißen kann und notorisch auf die Schuhe kackt.

Für uns Krimiautoren ergeben sich aus diesen empirisch belegbaren Beobachtungen zur Dummheit der Leser ungeahnte Möglichkeiten. Dazu, liebes Tagebuch, am Montag mehr. Jetzt gehen wir erst einmal auf Reisen. Hamburg! Recherche!

 

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