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Tagebuch eines angehenden Krimiautors -6-

Posted by Dieter Paul Rudolph - 17. Juli 2013

Liebes Tagebuch, lass uns mal ein wenig grundsätzlicher werden. Wer einen Krimi schreibt, sollte zwei Dinge wissen (wenn er drei wüsste, wäre er Hochliterat, wüsste er vier, würde er gar nicht erst schreiben): Zum einen, dass er von der Dummheit anderer, der Leser nämlich lebt, was nicht so ungewöhnlich ist, frag mal eine Bank. Zum anderen, dass das Auge mitliest, was auch nicht ungewöhnlich ist, aber von großer Bedeutung. Besonders bei Namen.

Stell dir vor, liebes Tagebuch, du würdest den Protagonisten deines Kriminalromans Igor Knirsch nennen. Durchaus ein schöner und einprägsamer Name, aber er würde deine wichtigste Strategie überhaupt torpedieren, die Erfindung eines Sympathieträgers. Glaub mir: Der Leser ist identifikationsgeil. Der Held muss ihm lieb und teuer werden, ein Mann / eine Frau, dem / der man auch einen Gebrauchtwagen abkaufen würde, moralisch unfehlbar, körperlich nicht unattraktiv, mit gewissen Schwächen, aber dem finalen Durchblick. Kurzum: Der Leser muss beim Lesen beständig am Nicken sein und sich sagen: Der / die da ist genauso wie ich.

Aber Igor Knirsch? Da strahlt schon der Name das Böse aus. Leander Blum hingegen, das hat was! Niemand traut einem Leander Blum etwas Schlechtes zu, das Auge sagt sich (ja, Augen können nicht nur lesen, sie reden auch bisweilen mit sich selbst!): Das ist der Protagonist meines Vertrauens, der Typ ist mir auf Anhieb sympathisch. Damit, Autor, hast du schon gewonnen.

Aber bitte: keine sprechenden Namen! Viktor Grübel – so heißt kein depressiver Hauptkommissar beim Hamburger Morddezernat! Cindy de Gier, so nennen sich vielleicht die Ehefrauen von holländischen Polizeibeamten, für ein gefallenes Mädchen, das seit 30 Jahren ihren Körper auf der Reeperbahn verkauft, ist der Name hingegen völlig abwegig. Gleiches gilt für Natascha Moppel, Kleopatra Nagel oder Thea Dorn.

Natürlich kann man auch den Königsweg wählen und seinen Krimi in Skandinavien spielen lassen. Dort heißen alle Helden Lasse, Nils oder Björn, die Heldinnen notorisch Greta, Bille und Ingrid, die Nachnamen sind völlig egal, der Leser kann sie sich sowieso nicht merken. Hauptsache, sie klingen nach Mittsommernacht, Ikea und Königin Sylvia.

Da du ein aufmerksames Tagebuch bist, ist dir natürlich nicht entgangen, dass ich zu Beginn dieses Eintrags die Leser als dumm bezeichnet habe. Ich habe dir deine Schockiertheit angemerkt, doch glaub mir, es ist gar nicht so schlimm. Die Dummheit des Lesers ist eine partielle, sie tritt immer dann auf, wenn er einen Krimi aufschlägt. Eine historisch bedingte Reaktion, quasi ein Geburtsmerkmal des Genres. Der Leser mag noch so sehr mit beiden Beinen im Leben stehen, klug und clever sein, nüchtern und aufmerksam – sobald er einen Krimi liest, ist er nur noch ein williger Idiot, dem man auch dann ein X für ein U vormachen kann, wenn es eigentlich ein K ist. Aber ich merke schon, das müssen wir ausführlich erklären, wozu ich indes jetzt keine Zeit habe. Namen, liebes Tagebuch! Held Düsterhenn (sollte er nicht Lothar mit Vornamen heißen?) wird Natascha Moppel treffen, die gerade von Falk Finster bedroht wird. Er wird sie erretten und sie wird ihm gestehen, dass sie eigentlich Veronika Müller heißt.

 

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3 Antworten to “Tagebuch eines angehenden Krimiautors -6-”

  1. Kle said

    was für eine verspielte, geradezu kindliche, und humane Weise, viel Geld zu verdienen. Würden alle Krimis schreiben, wäre die Welt besser.

  2. Kle said

    Der letzte vom Stammtischtäter ist mir entgangen. Mädchenschlächterromane gelten aber nicht, nur heimelige Regiokrimis.
    Was wird nicht alles für Geld getan?? Dafür wird sogar Gift in Flüsse gekippt. Bevor die Leute für ihren Lebensunterhalt eine Textilfabrik in Bangladesh öffnen, sollen sie doch lieber etwas wie einen Krimi schreiben. Krimi ist imho auch ein neues Wort und hat nichts mehr mit Robert Edmond Alter, Dickey und Co zu tun.

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