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Tagebuch eines angehenden Krimiautors -5-

Posted by Dieter Paul Rudolph - 16. Juli 2013

Nur gut, dass ich keinen historischen Krimi schreibe! Diese Arbeit! Man muss mindestens drei Stunden googeln, um endlich im 18. oder 19. Jahrhundert „aufzugehen“ (merken Sie sich dieses Wort, liebe AutorInnen historischer Krimis!), in der Zeit „zu versinken“ (merken!) und „auf Augenhöhe“ (auch merken!) mit der Historie zu schreiben. Und dann muss auch noch alles stimmen! Man muss, zum Beispiel in einem „Napoleon Krimi“ (verwenden Sie niemals Bindestriche, das ist total uncool!), nicht nur wissen, dass bei Waterloo nachts die Preußen gekommen sind, nein, ein Satz wie „Blücher schaltete sein Handy ein und wartete auf Wellingtons SMS“ wäre gar tödlich! Er würde nämlich das Standardlob unmöglich machen, das jedem historischen Krimi, und sei er auch noch so miserabel, quasi als Geburtsrecht zukommt: „Der Roman ist akribisch recherchiert.“

Das Wort „akribisch“ ist dabei obligatorisch – und ein Wunder. Selbst Leser, die Waterloo bisher nur für einen Abba-Titel gehalten haben, sind plötzlich Napoleon-Experten und in der Lage zu beurteilen, ob etwas „akribisch“ recherchiert wurde oder nicht. Auch bei einem Regio Krimi (keinen Bindestrich bitte, siehe oben!) steht und fällt alles mit der erfolgreichen Vermittlung jenes akribischen Recherchiertseins. Nehmen wir Labskaus. Sie wissen nicht, was das ist? Ich weiß es! Ein Hamburger Nationalgericht aus ganz ganz vielen Zutaten, das aussieht wie frisch verdaut. Gibt es auch in Liverpool, dort heißt es aber Scouse. Der Hamburger isst praktisch nichts anderes als Labskaus und nicht nur das. Er tut den ganzen Tag praktisch auch nichts anderes als essen. Ob er nun von seinem Tagwerk als Kapitän auf einem Hochseedampfer abends nach Hause kommt, am Wochenende nach erfolgreicher Fortpflanzung am Herd steht oder im Urlaub auf Jamaika im All-Inclusive-Hotel das Mittagsbüffet belagert: Labskaus, Labskaus, Labskaus.

In der Kriminalliteratur ist Labskaus der Philip-Marlowe’sche Bourbon des norddeutschen Küstenbewohners. Genauso wie die aus der Haut gezuzzelte Weißwurst das Kurt-Wallandersche Wurstbrot des Bayern ist. Es sind solche Details, die Ihren Regio Krimi aus der Flut all der ahnungslos geschöpften Exemplare deutschen Heimatkrimitums hervorheben und ihn der Adelung des „akribisch recherchiert“ näherbringen.

Endgültig auf der Gewinnerseite sind Sie als Autor eines Hamburg Regio Krimis (keine Bindestriche, siehe oben!), wenn es Ihnen gelingt, ein bizarres historisches Detail zu ergoogeln und zwanglos Ihrem Krimi einzuverleiben. Wussten Sie zum Beispiel, dass die Ortsbezeichnung „Reeperbahn“ ursprünglich daher kommt, dass das Gelände im 17. Jahrhundert für die Rebhuhnjagd genutzt wurde? Ich werde diesen putzigen Fakt in einer geradezu genialischen Weise gleich am Anfang meines Krimis schlüssig integrieren, etwa so: „Düsterhenn schlich über die Vergnügungsmeile und dachte an all die Rebhühner, die hier früher mit grobem Schrot vom Himmel geholt worden waren. Würde es ihm gelingen, den mysteriösen Killer auf ähnliche Weise zur Strecke zu bringen? Und wie lange brauchte so einer in einer Kasserole, um weichgekocht zu werden?“

Doch damit hat das Recherchieren noch längst kein Ende. Als nächstes: Namen, Namen, Namen! Die Wahl falscher Namen für das auftretende Personal macht Ihrem Krimi sofort den Garaus! Doch dazu morgen, liebes Tagebuch. Jetzt erst mal einen Labskaus.

 

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3 Antworten to “Tagebuch eines angehenden Krimiautors -5-”

  1. Marc-Oliver Bischoff said

    Weiter! Weiter! Ich krieg keine Luft mehr!

  2. Ria said

    Sehr labskausal dargelegt. Danke.

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