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Tagebuch eines angehenden Krimiautors -4-

Posted by Dieter Paul Rudolph - 15. Juli 2013

Mythos Klappentext. Wie ich aus Erfahrung weiß, sitzen in den Verlagen, seien sie nun klein oder groß, sogenannte „Klappentexter“ in luxuriös ausgestatteten Büros mit eigenem Wasserkocher und überlegen sich, welche magischen Zeilen auf dem Rückumschlag des Buches den letzten, den entscheidenden Impuls zum Konsum auslösen sollen. Klappentexter sind gesuchte, hochspezialisierte Beinahegenies, fürstlich entlohnt und seltener als gute Autoren, von Autorinnen ganz zu schweigen. Ihre Aufgabe ist, wie Adorno und Horkheimer es einmal nannten, dialektisch, oder sagen wir genauer: sauschwer.

Denn ein perfekter Klappentext muss dem Leser einmal suggerieren, es mit einem noch nie gekannten, völlig singulären Meisterwerk zu tun zu haben, gleichzeitig jedoch auch nahelegen, der Roman sei genauso geschrieben wie alle anderen Lieblingskrimis des Kaufinteressenten. Entscheidend sind dabei sogenannte Signalwörter, in der Fachsprache auch Schleusenöffner genannt, denn sie öffnen die Erfahrungsbassins der Leser und lassen die Vorfreude auf altbekannte Krimilektüre durch das Kleinhirn fluten. Aber Obacht, diese Signalwörter sind Moden unterworfen! Momentan bedeutet es geradezu das vorzeitige Ende eines Titels, wenn sein Klappentext die Wörter „Serienmörder“, „unheimlicher Killer“ oder „Kaplan“ enthält. En vogue hingegen sind: „politisch“, „gesellschaftsrelevant“, „realitätstrunken“, „innere Abgründe“ und „Dämonen“. Aber wie gesagt: Das kann morgen schon anders sein.

Mein Hamburg-Krimi „Düsterhenn oder der Tod auf der Reeperbahn“ handelt von einem Serienmörder, der sich in der Verkleidung eines Kaplans als unheimlicher Killer durch die norddeutsche Vergnügungsszene schlachtet. Das alles darf, siehe oben, im Klappentext zur Zeit nicht erwähnt werden, deshalb wird der Kernsatz lauten: „Es ist ein Kampf mit seinen politischen Dämonen! Realitätstrunken taumelt der Mörder durch Hamburg, eine Stadt von hoher Gesellschaftsrelevanz und inneren Abgründen.“ Ich gebe zu, dass dieser Satz allein die Leser wohl noch nicht zu packen versteht. Soll er auch nicht, Hauptsache, die Schleusenöffner tun ihren Job. Viel wichtiger ist der zweite Satz, der die Singularität des Krimis schlüssig beweisen muss. Anfänger verfallen hier leicht auf den Fehler, mit Versprechungen wie „War noch nie da!“, „Plot wurde erst vor 3 Wochen frisch entdeckt!“ oder gar „Das haben Sie noch nirgendwo sonst gelesen!“ zu werben. Glauben Sie mir: Ein Roman mit einem solchen Satz wird tatsächlich nirgendwo gelesen.

Der Clou liegt natürlich darin, das Altbekannte des ersten Satzes so hinzubiegen, dass es wie neu wirkt, ohne die Patina des Ewiggleichen, wie es Kriminalliteratur seit jeher schmückt, zu übertünchen. Etwa so: „Der Autor erzählt die spannende und blutige Story aus dem Blickwinkel des dreizehnjährigen Mädchens Emma und enthüllt so neue, ungeahnte Facetten des Schreckens.“

Jetzt sind Sie platt! Das wäre Ihnen nicht eingefallen! Meine Hauptperson ist ein dreizehnjähriges Mädchen – und bitte, nennen Sie mir EINEN Roman, der aus einer solch ungewöhnlichen Perspektive erzählt wird! Seit Tagen schon surfe ich im Internet nach Jugendsprache, ich habe mir sogar einen Fakeaccount bei Facebook („Emma Biene“, 13) angelegt und inzwischen schon 139 Freundinnen und Freunde im entsprechenden Alter! Denn nun, nachdem das Klappentextproblem erfolgreich gelöst ist, geht es ans Recherchieren. Merke: Ein Autor, der nicht recherchiert, hat es entweder nicht nötig oder ist faul oder vertraut darauf, dass es seinen Lesern sowieso wurscht ist, wenn außer den Straßennamen nichts stimmt.

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Eine Antwort to “Tagebuch eines angehenden Krimiautors -4-”

  1. Ria said

    Um Himmels Willen, bei mir stimmen noch nicht mal die Straßennamen. So kann das ja nichts werden. Ich überlege, ob ich Kochbücher schreiben soll, in denen die Fragmente, die Serienkiller hinterlassen, sozialverträglich weiterverarbeitet werden. Ist dann nur nichts Vegetarier, aber auf Einzelschicksale kann ich keine Rücksicht nehmen.

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