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Tagebuch eines angehenden Krimiautors -2-

Posted by Dieter Paul Rudolph - 13. Juli 2013

Ach so ein Mist! Jetzt hab ich endlich den ersten Satz für meinen Hamburg-Krimi und da schreibt der Herr, der immer über Krimis in der Zeit und der Welt plaudert, dass Regiokrimis totaler Quatsch wären, weil da der Holocaust nicht drin vorkommt. Der Holocaust! Das muss man sich mal vorstellen! Das ist doch gleich die ganze Stimmung kaputt, wenn im Klappentext „Dieser Krimi enthält garantiert Holocaust“ steht! Diese Kritiker sind einfach weltfremd.

Also. Mein erster Satz lautet: „Seine Augen leuchteten wie die Suchscheinwerfer einer Barkasse, die durch den Hamburger Hafen fuhr.“ Wunderbar, nicht? Das ist literarisch! Das ist nämlich ein BILD drin! Und ein gewisser Gruseleffekt auch schon, da denkt der Leser: Holla, dem seine Augen leuchten richtig infernalisch, der wird gleich eine Frau abschlachten. Hm, es könnte auch eine Metapher sein oder ein Bild und eine Metapher in einem, ich weiß nicht. Aber der Leser weiß es auch nicht, also muss es literarisch sein.

Zuerst hatte ich ja einen anderen Satz, der war auch gut. „Alle Straßen in St. Pauli waren leer, aber die Straße, durch die der Mann mit den Augen ging, die wie Suchscheinwerfer im Hamburger Hafen leuchteten, war am leersten.“ Auch literarisch, weil ziemlich lang. Aber Krimis müssen vor allem aus kurzen Sätzen bestehen, das nennt man dann hardboiled oder noir – und einen hardboiled Regiokrimi, der auch noch noir ist, das ist ziemlich neu für die Leser.

Überhaupt: Die Leser. Denen kann man nix vormachen, die haben mehr Krimis gelesen als dpr und Simenon zusammen geschrieben haben. Also nicht zusammen, ich meine, wenn man die zusammenzählt, Sie verstehen schon. Der Simenon hat sich ja immer beharrlich geweigert, mit dem dpr zusammen einen Krimi zu schreiben, da ist er lieber ins Puff gegangen, er soll ja 10.000 Frauen gehabt haben, also der Simenon, nicht der dpr, der hat längst mit dem Zählen aufgehört.

Für einen Autor hingegen ist es gar nicht gut, wenn er zu viele Krimis gelesen hat. Es genügt, wenn er jeden Sonntag den Tatort guckt und vielleicht danach im Zweiten noch den „Inspector Barnaby“, das ist wie Agatha Christie, aber mit Handys. Aus diesen Filmen lernt der Autor, wie das mit der Dramaturgie in etwa laufen muss. Es wird jemand umgebracht, dann wird ermittelt, dann wird noch jemand umgebracht, dann huscht eine nackte Frau durchs Bild, dann besäuft sich der Polizist, dann wird noch jemand ermordet, aber der Mörder macht einen Fehler und zack – der Polizist schnappt ihn sich.

Jeder Krimi funktioniert so, jeder. Auch ohne Holocaust. Der muss wie ein Film sein, also im Kopf des Lesers jetzt, weil ein Buch ist so etwas wie Fernsehen für Leute, die sich keinen Fernseher leisten können. Deshalb ist auch der Held in einem Roman so wichtig, weil der Leser sofort versucht, ihm ein bekanntes Gesicht zu geben. Also zum Beispiel: Wenn der Held schon älter ist und sich nicht richtig rasieren kann, dann stellt sich der Leser sofort Götz George vor. Oder wenn mein erster Satz lauten würde: „Sie war blond, sah doof aus und konnte auf ihren Titten eine Maß Bier abstellen“, dann ist sofort Veronica Ferres in der Vorstellung des Lesers verankert. So funktioniert das.

Als Autor sollte man am besten gar keine Krimis LESEN. Weil: Du schreibst dann doch nur ab und das ist nicht gut, weil du schreibst dann auch die Fehler ab, das ist wie beim Spicken in der Schule, das hat der Lehrer auch immer gemerkt. Andererseits kann das aber negativ sein. Du schreibst einfach drauf los, hast keine Ahnung von Krimis und ihren Regeln – und plötzlich hast du den Krimi neu erfunden und weißt es nicht, weil du halt nie welche liest. Aber dafür gibt es die Kritiker, die sagen es dir dann.

So. Mit dem ersten Satz habe ich den Leser schon fast für mich gewonnen. Um ihn endgültig zu packen, brauche ich jetzt zweierlei: einen griffigen Titel und einen knackigen Klappentext. Wie man das macht, sage ich dir morgen, liebes Tagebuch.

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3 Antworten to “Tagebuch eines angehenden Krimiautors -2-”

  1. Ria said

    Ja, bitte, mach weiter, ich möchte endlich wissen, wie das mit dem Krimischreiben funktioniert!

  2. Peter j. Kraus said

    Wer ist Veronica Ferres? Und wo wohnt die?

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