Krimikultur: Archiv

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Tagebuch eines angehenden Krimiautors -1-

Posted by Dieter Paul Rudolph - 12. Juli 2013

Die Welt darf sich freuen! Ich habe mich entschlossen, endlich einen Krimi zu schreiben! Macht einfach mehr Spaß als die ewigen „Handbücher für das Steuerrecht parallel gesplitteter Lebensgemeinschaften inklusive heterosexueller Mussehen“. Und bringt mehr Geld.

Also. Ich plane etwas wirklich Großes! Einen Krimi, der in einer Stadt spielt! Einer Stadt, die jeder kennt! Hamburg! Ich habe mir gerade bei Amazon einen Reiseführer Hamburg bestellt, das müsste reichen. Die Story habe ich auch schon soweit fertig, also im Kopf, muss nur noch in den Laptop. Passen Sie auf: Ein Mann wird ermordet, weil er eine Frau ermordet hat, die er verdächtigt, eine andere Frau ermordet zu haben, weil sie die verdächtigte, ihren Mann ermordet zu haben. Da sind Sie jetzt erst mal baff. Darauf muss einer erst kommen! Also ich wiederhole: Ein Mann wird ermordet, weil er… und so weiter. Am Ende war’s übrigens ein ganz harmloser Zeitgenosse namens Theo Winterlake. Keine Ahnung, was der in diesem Roman für eine Rolle spielen soll, aber als Mördername gefällt mir das schon mal gut: Theo Winterlake. Das können Sie auch englisch aussprechen, vielleicht wird’s ja übersetzt.

Ich sitze gerade am ersten Satz. Der erste Satz ist enorm wichtig, weil die Leser lesen meistens zuerst den ersten Satz, und wenn ihnen der nicht gefällt, lesen sie den zweiten Satz und denken: Mir hat der erste Satz nicht gefallen, warum soll mir der zweite gefallen? Und dann ist man als Literat vollständig verratzt, glauben Sie mir. Das ist anders als in meinem „Leitfaden für den korrekten Gebrauch von Orgelpfeifen zu erotischen Zwecken“. Da lautete der erste Satz: „Orgelpfeifen sind meistens verschieden groß, weil die Töne verschieden groß sind“. Das war eine präzise Info, da konnte ich nichts falsch machen.

Aber nun zu meinem ersten Satz. Er sollte literarisch sein. Also so, wie normalerweise kein Mensch spricht. Ein Beispiel. Wenn Sie im Winter auf einem Eisklumpen ausrutschen und hinfallen, dann sagen Sie vielleicht „Scheiß Eisklumpen!“ oder „Jetzt hab ich diesen hässlichen blauen Fleck am Arsch“. Alles korrekt, aber leider nicht literarisch. Wenn ich das für einen ersten Satz in meinem Krimi nehmen würde, dann müsste ich ungefähr so schreiben: „Als ihm bewusst wurde, dass sein Steiß gleich Bekanntschaft mit der eisigen Oberfläche der Straße machen würde, dachte er an die ihm bevorstehenden Schmerzen und nahm sich vor, sie wie ein Mann zu ertragen.“

Schöner Satz, oder? Er hat nur einen Nachteil. Er ist viel zu lang. Kein Leser liest ihn zu Ende, er macht spätestens bei „Oberfläche“ schlapp und denkt sich: Nee, also diesen Schmerz tu ich mir nicht an, da krieg ich ja den Drehwurm im Hirn.“ Auch ein schöner Satz, aber leider nicht literarisch.

So, ich mach jetzt mal Schluss und widme mich wieder meinem ersten Satz. Kurz und knackig. Irgendwas mit Hamburg oder Mord oder beidem. Vielleicht etwas Erotisches? „Sie roch nach Vanille und schmeckte nach Veilchen.“ Hm, nö. Den Gourmetkrimi schreib ich erst später.

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