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Samstag, 27.04.13, Rückblick

Posted by Dieter Paul Rudolph - 27. April 2013

Wörter, die ich nicht mag, mit denen einen aber Dumm- und Gedankenlosigkeit ständig triezen: Schreiberling, Krimikost, akribisch recherchiert. Noch ärgerlicher der Umstand, dass man bei Facebook dem Namen ein „Autor“ oder „Autorin“ anfügen zu müssen glaubt, als sei das ein akademischer Grad oder sonst wie ein Grund pauschaler Verehrungswürdigkeit.

Schwenk zu Angenehmerem: Jetzt also ist endlich Guido Rohms „Untat“ zu haben, ein kleiner Roman, der viele der ehernen Gewissheiten des Genres – um es mit einem dummen Wort, siehe oben, zu sagen – „auf den Prüfstand stellt“. Gut, ich muss mich jetzt zurückhalten, Objektivität nimmt mir bei einem im Conte Verlag erschienenen Buch von Guido Rohm eh kein Mensch ab. Andererseits: Wenn man nicht für alles trommeln würde, was aus der Flut der Belanglosigkeiten nicht nur herausragt, sondern gar nicht erst den Versuch macht, zu diesem Meer zu gehören, wenn man das also nicht täte, wäre es noch trostloser um „die Szene“ bestellt, bei der ich immer – Arno Schmidts Etymtheorie lässt grüßen – an „Zähne“ denken muss, nein, falsch, an Zahnlosigkeit, an das Klappern der künstlichen Gebisse und das falsche Gold der Brücken, über die man gehen muss, um irgendwo anzukommen, wo man partout niemals hin wollte.

Also „Untat“. Ein kurzer Text, dessen Grundkonstellation allein so genial ist, dass man tage-, wochenlang darüber grübeln könnte. Dass er sprachlich auch noch so wuchtig elegant daherkommt, macht ihn endgültig zu einem Ausrufezeichen dort, wo man die Fragezeichen ächzend geradezubiegen versucht, erfolglos, versteht sich. Das hat Hans I. Glock – Niveau, und wenn Sie jetzt nicht wissen, wer Hans I. Glock ist, dann ab in die Ecke und schämen oder, schlimmer noch, einen Krimi mit „lustigen Morden“ lesen.

Amazon. Wie komme ich jetzt auf Amazon? Ach ja, Hans I. Glock, zum Beispiel. Erinnern wir uns noch alle an den Amazon-Shitstorm? An die sozialmediale Aufregung, die hinausposaunte Entrüstung, die einen wenigstens für ein paar Tage wieder gut schlafen ließ? Jetzt ist in Bangladesh ein Haus eingestürzt, in dem Textilien für westliche Billigheimer gefertigt wurden. Über 200 Tote, Sklaven des Wohlstands – und wo, bitte, bleibt der Shitstorm? Wieder ein Krimi, den niemand schreibt, wieder eine Katastrophe, die – weil medial nicht zuckrig-dekorativ genug – an uns vorbeirauscht wie bayrische Wurstfabrikanten und unangenehme NSU-Morde.

Liebe Leute, hallo? Das war UNSER Mord! Etwas mehr Aufmerksamkeit für die ungeschriebenen Krimis aus unserer unmittelbaren Nähe, bitte! Wenn der Regionalkrimi eine Berechtigung hat, dann HIER! Gehen wir schnell vor den Spiegel und schauen hinein. Was für ein Shirt tragen wir gerade? Wo ist es hergestellt worden? Was hat es gekostet? Fünf Euro? Dann schreiben wir uns alle geschwind auf die Liste der möglichen Tatverdächtigen und lassen Kommissar X ermitteln.

Ach so, der ist in Urlaub. Dumm aber auch…

Privates: Wir Leute vom Schundbüro haben soeben ein neues Subgenre erfunden, das heißt: die Frau Linda Vinci hat es erfunden. Es heißt Dschund. Oder D(Schund)? Egal. Endlich wieder mal ein Wort, das wir mögen können. Und jetzt zurück an die Arbeit.

 

dpr

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3 Antworten to “Samstag, 27.04.13, Rückblick”

  1. Kle said

    Warum eigentlich dauernd die Abgrenzung zu „Dumm- und Gedankenlosigkeit“ und „lustigen Morden“? Ist es unbedingt nötig, immer und immer wieder die hohen, dummen Auflagen dort und die hochintelligenten, aber leider verkannten Werke hier gegenüberzustellen, dass man als Leser unfreiwillig zum Herr-Knecht-Pathologen wird?
    Beim Thema Bangladesh wäre ich vorsichtig. Menschen, die sich gegen die dortige ausbeuterische und menschenverachtende Ökonomie einsetzen, warnen vor einem Kaufboykott, weil er Familien, die keine Alternative zur Arbeit in den Textilfabriken haben, in noch größeres Elend stürzen würde. Die Kompliziertheit müsste auch der angemahnte Regionalkrimi berücksichtigen, bevor er T-Shirt-Träger zu Tätern stilisiert.

    • Dieter Paul Rudolph said

      Richtig, kein Gut-Böse-Denken. Die Welt ist schon komplizierter und ein zünftiger Regiokrimi müsste es auch sein. Wobei man sich aber die Frage stellen muss, ob man tatsächlich „kleinere“ Ungerechtigkeiten tolerieren muss, also etwa wie Sklaven gehaltene Arbeiter, um größeres Elend zu verhindern. Sind nicht die kleinen Ungerechtigkeiten in summa dieses größere Elend? Aber okay, das wird nicht leicht. Zu den Dumm- und Gedankenlosigkeiten: Nein, daran sollte man bisweilen erinnern, obwohl es natürlich nichts hilft.

      • Kle said

        „ob man tatsächlich “kleinere” Ungerechtigkeiten tolerieren muss, also etwa wie Sklaven gehaltene Arbeiter, um größeres Elend zu verhindern. Sind nicht die kleinen Ungerechtigkeiten in summa dieses größere Elend?“

        natürlich nicht tolerieren. Aktivisten wie GMB Akash setzen jedoch auf Veränderung von innen – Bewusstseinswandel der dortigen Gesellschaft – und sehen Westler auf dem Holzweg, die durch Werbeverbote, Boykott etc, die Verhältnisse von außen glauben umstürzen zu können. So oder so alles Theorie und gute Hoffnung,ein Roman könnte in der Tat eine der Möglichkeiten „real“ durchspielen. Der Krimi sozusagen als gesellschaftliche Wirkstoffstudie.

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