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Psychogramm eines Krimiautors -3-

Posted by Dieter Paul Rudolph - 8. April 2013

–> Psychogramm eines Krimiautors -1-

–> Psychogramm eines Krimiautors -2-

Der Autor, der gerade einen Krimi liest, hat eine Theorie. Sie besagt, dass die Welt zugrundegehen wird, weil die Menschen die falschen Bücher lesen. Was wiederum auf einer anderen Theorie fußt, der nämlich, die Menschen verwechselten Komplexität mit Unordnung. Und lesen folgerichtig, um Ordnung zu schaffen. Und, noch folgerichtiger, lesen deshalb vor allem Krimis, denn wo wird mehr Ordnung geschaffen als dort? Conclusio: Der Autor denkt also, die Welt geht zugrunde, weil zuviele Krimis gelesen werden.

Ein Krimiautor ist jemand, der das immergleiche Zimmer mutwillig in Unordnung bringt, damit er es später ausmisten und in gemütliche Langeweile verwandeln kann. Er verschiebt Gegenstände. Er krümelt beim Zigarettendrehen. Er kotzt auf den Teppichboden. Er schmiert Marmelade an die Tapete. Er animiert Spinnen dazu (harmlose Weberknechte), ihre Netze zu knüpfen. Am Ende kickt er seine Pantoffeln unter das Bett, GAU für jede Hausfrau. Und dann beginnt er zu schreiben.

Ein Krimiautor tut, was er für ein Abbild der Komplexität der Welt hält. Er bringt sie ein wenig in Unordnung. Um sie dann wieder in Ordnung zu bringen, versteht sich. Vielleicht nicht ganz, aber doch so, dass der Leser erkennt: Aha, es geht also! Die Welt ist ein potentieller Ort einfacher Wahrheiten wie zum Beispiel der, dass alles in Ordnung ist, wenn die Pantoffeln schön nebeneinander vor dem Bett stehen. Und der Teppich gereinigt ist. Und die Wand frisch tapeziert. Und die Bücher hübsch nach Größe geordnet im Regal stehen.

Das ist im Prinzip nicht falsch. Natürlich ist die Welt unordentlich. Aber das hat nichts mit Komplexität zu tun. Würden wir in einer nur unordentlichen Welt leben, müssten wir uns auch nur zurechtfinden. Da wir aber in einer komplexen Welt leben, müssen wir sie erst einmal kennenlernen. Unordentlich ist die Welt unter anderem deshalb, weil Ideologie und Moral ihre pubertierenden Töchter sind. Sie lassen alles stehen und liegen, man muss ihm entweder ausweichen oder man stolpert drüber oder man stürzt sich drauf und ruft „Endlich! Suche ich seit zwanzig Jahren, habe ich jetzt gefunden!“ Und den ganzen Rest kehrt man angewidert in die Tonne. Das ist Ordnung.

Komplexität ist dieses: Ein System aus Wechselwirkungen und Perspektiven, Relationen und Trugschlüssen, Prozessen im Kleinen und Prozessen im Großen. Die Welt ist also wie ein Gehirn, zumindest genauso komplex – aber intelligenter. Sie denkt nämlich nicht, sie handelt. Sie braucht dazu keine Handlung wie der Kriminalroman, sie ist der Kriminalroman. Sie ermittelt nicht, sie schaut nur zu, wie ihre Bewohner Ordnung schaffen und diese Ordnung für Komplexität halten und, weil sie dies tun, die Komplexität der Welt nicht achten und sich darüber wundern, wenn es der Welt eines Tages zuviel wird und sie umkippt und tot ist. Das ist dann der Clou des Kriminalromans, der die Welt ist. Sie endet mit dem Mord an der Autorin und damit so, wie jeder gute Kriminalroman enden sollte.

Wenn nun die Welt einen Krimi schreibt, dann einen komplexen, versteht sich. Ohne Ordnung. Ohne Aufklärung. Ohne Happyend. Ohne gut und böse. Ohne Staubfeudel, mit der sie die zu Büchern geronnenen menschlichen Weisheiten auf aseptischen Hochglanz bringt. Mit anderen Worten: Die komplexe Welt, wäre sie Kriminalautor und ihr Krimi eine Selberlebensbeschreibung, würde sich der völligen Erfolglosigkeit überlassen. Das beliebteste Hassobjekt der Krimimimis bei Amazon und Krimicouch, das Ein-Stern-Rezensions-und-Daumen-runter-Paradigma.

Ja, wenn die Welt tatsächlich einen Krimi schriebe… wenn sie Literatur wäre… wenn sie Leserinnen und Leser fände… Aber die Welt kann gar nicht schreiben, genau das ist ihr Problem. Nur ihre Bewohner können schreiben, das ist das zweite Problem. Und ihre Bewohner verwechseln Ordnung mit Komplexität, das ist das Hauptproblem. Sie sind so konstruiert, dass ihnen das Komplexe Angst macht, weil es keine Lösungen bereithält. Das Leben sollte ein ordentliches Zimmer sein, das man, wenn einem langweilig ist, in Unordnung bringt, um es hernach aufräumen zu können. Aber so ist das Leben nicht. Dieses falsche Leben ist keine Literatur, es ist bloß ein Krimi. Auch das wirkliche Leben ist bloß ein Krimi, aber ein anderer, ein komplexer. Kein Mensch möchte komplexe Kriminalromane lesen. Komplexe Kriminalromane zeichnen sich dadurch aus, dass sie mit dem Ordentlichen aufräumen und das Unordentliche zurücklassen.

Ich werde einen komplexen Kriminalroman schreiben, sagt sich der Autor und lässt das Buch sinken. Es langweilt ihn. Es ist zu ordentlich, weil seine Unordentlichkeit schon so ordentlich war und die Ordnung, die es herstellt, entsetzlich ist.

dpr

—wird fortgesetzt—

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3 Antworten to “Psychogramm eines Krimiautors -3-”

  1. Ria said

    Die Welt kann zwar nicht selbst schreiben, aber sie lässt schreiben. Das ist das Perfide an ihr. Sie verführt KrimiautorInnen dazu, ein wenig an den Rändern der Komplexität und Unordnung herumzukratzen und periphäre Phenomäne auf Gut und Böse zu reduzieren. Dann kommt der Kommissar Zewa-Wisch-Und-Weg, der reinigt und poliert zugleich. So tarnt sie sich, die Welt und so wird sie auch in Ruhe gelassen. Flucht aus der Realität soll der Krimi bieten, nicht verstörende Einblicke gewähren. Man will ja entspannen …

  2. Die Welt geht zugrunde, weil sie die FALSCHEN Krimis liest. Sie sollte meine lesen.

    • Ria said

      Bei den Falschen ist es fast egal, ob das L vor oder hinter den A kommt. Aber ich sage immer: wenn schon falsch, dann richtig!

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