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Psychogramm eines Krimiautors -2-

Posted by Dieter Paul Rudolph - 4. April 2013

–> Psychogramm eines Krimiautors -1-

Wo wir stehengeblieben waren: bei einem Autor, der kein Krimiautor sein wollte, aber dennoch einer wurde, weil er einen Krimi las. Nun gut, dachte er. Ich habe viel Literatur gelesen, da darf es zur Abwechslung auch mal ein Krimi sein. Man muss noch nicht einmal überlegen, ob ein Krimi gut ist oder nicht, man merkt es nämlich körperlich. Ist der Krimi gut, kann man ihn nicht mehr aus der Hand legen. Ist er schlecht, nimmt man ihn nicht mehr zur Hand, höchstens noch, um auf der letzten Seite nachzulesen, wer die alte Oma mit dem Auto überfahren hat. So oder so: Wenn man fertig ist, hat man vergessen, was man eigentlich gelesen hat, das ist wie mit der „Tagesschau“, von der weiß man nach fünfzehn Minuten auch nur noch, dass Frau Merkel diesmal ihre schwarze Handtasche in Brüssel dabei hatte.

Warum der Autor überhaupt einen Krimi las, obwohl er doch eigentlich sonst nur Literatur las, liegt auf der Hand: die Zeit totschlagen. Von allen Gewaltverbrechen ist dies das häufigste und das am seltensten geahndete. Nirgendwo gibt es Behörden, die in Fällen von Zeittotschlag irgendwelche „Sonderkommissionen“ bilden und ermitteln lassen. Wäre der Autor ein junger Mann gewesen, es hätte ihn empört, aber er war ja kein junger Mann mehr. Er war schon älter und weil er älter war, war er desillusioniert, das heißt: Er war Realist, er war nüchtern geworden und es gab auf der ganzen Welt nicht genügend Alkohol, ihm diese Ernüchterung wieder auszutreiben.

Was ihn an diesem Kriminalroman, den er las, faszinierte, war folgendes: Er hatte so offensichtlich nichts mit Literatur zu tun, dass die Gefahr, er könne von einem „Literaturbetrieb“ vereinnahmt werden, gar nicht erst bestand. Der Autor hatte selbst noch nie etwas mit diesem „Literaturbetrieb“ zu tun gehabt. Er wusste nur, dass es ihn gab, dass ihm merkwürdige Menschen angehörten, die von Büchern lebten, die sie selbst nicht geschrieben hatten. Wäre der Autor ein junger Mann gewesen, er hätte dies sofort „cool“ gefunden. Da er aber schon älter war, fand er es nur merkwürdig.

Nun gut, tout le monde lebte von Dingen, die sie nicht zustande gebracht hatten. An Börsen verdiente man sich mit Reis und Getreide, das andere säten und ernteten, goldene Nasen. Auch bei Krimis war das gewiss nicht anders, auch dort gab es Verlage, Buchhandlungen, Lektoren – und alle lebten von Büchern, die nicht die ihren waren. Aber, großer Unterschied: Es gab keine Kritiker, die Wurmfortsätze jedes „Literaturbetriebs“, die Blinddärme, die Dünndärme, der „Betrieb“ also, der für die Verdauung von Literatur zuständig ist und bei dem, wie bei jeder Verdauung, am Ende nur Scheiße in die Schüssel fällt.

Für Krimis konnte es das nicht geben, schließlich verdaute man sie nicht. Sie waren Genuss ohne Reue, ein Stoff, den der Körper vollständig verwertete oder, besser ausgedrückt: vernichtete. Der Autor schwelgte in Visionen. Krimis. Keine Literatur, aber etwas mit Wörtern. Keine Kritiker. Einfach nur: Zeit totschlagen. Er hatte sich dieses Verbrechen immer als eines der langweiligsten überhaupt vorgestellt, noch langweiliger als irgendwo auf Mallorca herumzuliegen und sein Geld für sich arbeiten zu lassen, ohne ihm dabei zusehen zu können. Aber Überraschung: Der Krimi war nicht langweilig. Er war unterhaltend. Er gewährte der Zeit einen gnädigen, einen schleichenden Tod, vielleicht, weil er von anderen, viel ungnädigeren Toden handelte. Und am Ende würde man das Buch zuklappen und alles vergessen haben. Sofort. Man wäre ein Mörder, der sich vom Tatort entfernt und niemals mehr zurückkommt. Man wäre ein Serienmörder, denn wer einmal die Zeit totgeschlagen hatte, der tat es immer wieder, an einem anderen Ort, in einem anderen Buch, denn niemand las einen Krimi zweimal, das wäre in etwa so, als würde man zweimal die selbe Pizza essen. Und niemand störte ihn dabei. Keine Behörde, keine Sonderkommission, nicht einmal ein Kritiker.

Im Moment dieser Vision fasste der Autor einen folgenschweren Entschluss.

 

dpr

 

—wird fortgesetzt—

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