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Parker oder Wie man einen guten Krimi schreibt

Posted by Dieter Paul Rudolph - 28. März 2013

paradiesIch bin mir ziemlich sicher, dass Investitionen in Schreibratgeber rausgeworfenes Geld sind. Nicht dass alle diese Ratgeber notorisch unbrauchbar wären (die meisten sind es wohl), sondern weil der Griff nach einem solchen Leitfaden nur bedeuten kann, dass dem Benutzer der wichtigste Impuls zum Schreiben abgeht: die Lust, ein Individuum zu sein. Was wiederum nicht bedeutet, dass der Beruf des / der AutorIn eine ausgeprägte Lern- und Beratungsresistenz voraussetzt. Im Gegenteil. Wer schreiben will, muss lesen können. Erforschen, wie andere vor ihm ihre Romanwelten aufgebaut haben. Nur dadurch bekommt man ein Gespür für literarische Strategien, für dramaturgische Kniffe, für die Macht der Details ebenso wie für das Große=Ganze. Robert B. Parkers „Das dunkle Paradies“ ist ein Musterbeispiel für diese Art des Lernens.

Vorweg: Mir ist die Verfilmung des Romans nicht bekannt. Aber eines weiß ich dennoch gewiss: Sie folgt dramaturgisch anderen Gesetzen als die literarische Vorlage. Denn wie Parker die Eröffnung der Geschichte gewissermaßen inszeniert, ist ein Vorrecht der Literatur. Wir lernen den Protagonisten Jesse Stone kennen, wie er eines Abends auf den Pazifik blickt, sich in sein Auto setzt und Richtung Westen fährt, bis er, auf Seite 60, auf den Atlantik blickt. Bis dahin haben wir alles über Jesse erfahren, was wir wissen müssen. Er war bei Mordkommission in Los Angeles, hat gekündigt, ist geschieden und ein ziemlich starker Trinker. Im scheinbar beschaulichen Städtchen Paradise / Massachusetts erwartet ihn sein neuer Job, er soll dort den Polizeichef geben. Wir folgen ihm also nicht nur in sein neues Leben, wir begleiten ihn auch quer durch die Vereinigten Staaten, von Motel zu Motel, Bar zu Bar, wir erhaschen kleinste Genrebilder einer Gesellschaft, während in Paradise selbst die Kulissen für die kommende Tragödie errichtet werden. Das ist, rein handwerklich, einfach großartig, leicht und lakonisch inszeniert, eine Abfolge von Tankaufenthalten, abendlichen Trinks und Nahrungsaufnahmen, knapp mehr als ein halbes Hundert Seiten, die das solide Fundament der kommenden 300 legen.

Die Geschichte selbst ist beinahe prototypisch: Ein Mann kommt in eine Stadt, erkennt ihre Verderbnis und nimmt sich vor, die Stadt zu reinigen. Ein Western-Topos, ja, ein Genre-Topos allgemein. Hier nun setzt Parker seine mit Stones Anreise begonnene Arbeit fort. Einerseits weitet er die kleinen Szenen zu einem allgemeinen Stimmungsbild der amerikanischen Gesellschaft, das doch recht düster ausfällt. Sexuelle Ausschweifungen, Rassismus, Verfolgungswahn, Geldgier und Gewalt – dazwischen ein paar Hoffnungsschimmer. Andererseits zeichnet Parker wie kaum ein anderer Autor von Kriminalromanen genaueste Psychogramme, vor allem von Jesse Stone selbst. Der ist nicht einfach ein „gebrochener Held“. Er ist viel mehr ein komplexer Charakter, mit Prinzipien und Kräften, die genau diesen Prinzipien entgegenarbeiten. Ein Mann, der zum Selbstzweifel neigt, mit seiner geschiedenen Frau telefoniert, die ihm – mehrere tausend Meilen entfernt – plötzlich sehr nahe ist, während eine andere Frau, die er in Paradise kennengelernt hat, ihm letztlich sehr fern zu sein scheint.

Um Stone herum erblüht ein obskurer Strauß von Charakteren, ängstliche Großschnauzen, frustrierte Frauen, von Rassehygiene träumende Kleinstadtchefs… letztlich ein Sammelsurium geplatzter Träume, verletzter Eitelkeiten und aggressiver Hoffnungslosigkeit. Das alles entwickelt sich zwangsläufig, weil Parker von Anfang an die richtigen Weichen gestellt hat. Selbst wenn die Geschichte unter Aspekten der Logik manchmal ein wenig zu ächzen droht, glaubt man sie unbesehen.

Und was lernen wir daraus? Vielleicht nichts Konkretes. Aber eines doch: Dass selbst so etwas wie ein „Krimi“ nur von denkenden, schöpferischen, wagemutigen Menschen geschrieben werden sollte. Dass es sich lohnt, eine Geschichte nicht nur nach ihrem Plot zu entwickeln, sondern nach etwas, das wir vage als „innere Gesetze“ identifizieren und mit dem noch vageren Begriff „literarisch“ belegen wollen. Etwas, das in keinem Lehrbuch steht, weil man es nur lernen kann, indem man die großen Meister selbst liest. Wie Robert B. Parker.

dpr

Robert B. Parker: Das dunkle Paradies. Pendragon 2013 (Night Passage. 1997. Deutsch von Robert Brack. Mit einem Nachwort von Frank Göhre). 347 Seiten. 10,95 €

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