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Psychogramm eines Krimiautors -1-

Posted by Dieter Paul Rudolph - 20. März 2013

Nein, er ist als Kind nicht in einen Topf mit Kreuzworträtseln gefallen. Das ist ein gerne von Buchhändlerinnen kolportiertes Klischee. Er sitzt auch nicht mit nassen Händen jeden Sonntagabend vor dem Fernseher und schaut zuerst „Tatort“ und dann im Zweiten einen blutrünstigen Schwedenkrimi. Hielte man ihm das vor, er würde ein entrüstetes „Geht’s noch?“ in die Welt hinaus blasen und dann „typische Intellektuellenscheiße“ murmeln.


Der Krimiautor ist ein weit komplizierteres Wesen, er funktioniert auf sehr vertrackte Weise und er ist zu dem geworden, was er jetzt ist, weil er nicht das sein durfte, was er eigentlich immer war: ein Mann, der die Literatur liebte. Die Literatur. Sie erinnern sich? Früher verstand man darunter viele zusammenhängende Wörter, die, wenn man sie aufmerksam las, einen Sinn ergaben, der aber einen Hintersinn hatte, über den man nachsinnen konnte. Ein Umstand, der die Hirntätigkeit anregte, so wie der Verzehr von Rhabarber – sagt man – die Darmtätigkeit befördert. Literatur war also – schreiben wir das unanständige Wort – Arbeit. Sie wurde nicht entlohnt, abgesehen von den Deutschaufsätzen, welche man in jungen Jahren schreiben musste. Dort erhielt man dann gute Noten, weil man aufmerksam gelesen und weil es im Kopf fleißig gearbeitet hatte. Darin steckte jedoch – der junge Mensch wusste es bloß noch nicht – auch etwas Ungutes. Die Lust, selbst zu schreiben nämlich, nicht irgendwas zu schreiben, keinen Zeitungsartikel und keine Rechnungen, nein: Literatur.
Mit der Lust nun ist es folgendermaßen: Sie ist nur so lange Lust, wie man sie nicht befriedigt. Hat man sie befriedigt, ist sie wehmütige Erinnerung. Leider gab es niemanden, der dem Jungen riet, es bei der Lust zum Schreiben zu belassen und lieber etwas Vernünftiges zu lernen, Bankkaufmann etwa oder Bankräuber, eines Tages, so hätte man ihm sagen können, werden beide Berufsbilder sowieso miteinander verschmelzen und dann ist man auf der sicheren Seite. Nein, der Junge begann zu schreiben. Literatur.
Und keiner mochte sie lesen. Das war nicht schlimm. Weil der Junge so viel las, wusste er auch, dass die Meister des literarischen Fachs zu Lebzeiten ebenfalls kaum gelesen wurden. Und wurden sie gelesen, dann meistens falsch. Er musste also nur abwarten, Geduld haben, im schlimmsten Fall bis über den Tod hinaus, nach dem – das schwante ihm damals – nichts mehr kommen würde, womit es endgültig egal war, ob man ihn las oder nicht. So schrieb er unverdrossen weiter und las weiter, er begriff das Lesen als Arbeit und war befremdet festzustellen, dass viele andere das Lesen nicht als Arbeit begriffen, sondern als Zeitvertreib, und manchmal verwechselte er das Lesen mit dem Leben und konnte gleich überhaupt nicht mehr verstehen, dass Lebende lebten, um die Zeit zu vertreiben.
Zeitvertreib. Das muss man sich bildlich vorstellen, sonst wird einem gar nicht bewusst, wie abartig es sein muss, die Zeit zu vertreiben, als wäre sie ein toller Hund oder eine Fliege. Das Dumme daran war: Man vertrieb sich die Zeit immer dann, wenn man nicht arbeiten wollte, also eigentlich auch nicht lesen, jedenfalls keine Literatur. Deshalb las man etwas, das nicht Zeitvertreibliteratur genannt wurde, sondern Unterhaltungsliteratur. Schäbige dünne Heftchen mit geschmacklosen Bildern vorne drauf. Oder eselsohrige Taschenbücher mit düster grinsenden Männern vorne drauf. Krimis.
Der Junge, der inzwischen ein Mann geworden war, mochte solche Hefte und Taschenbücher nicht. Weil er keine Verniedlichungen mochte. Krimi! Das klang wie „Mutti“! Er hatte seine Mutti immer Mutter genannt, das war ihm ein Gebot der Höflichkeit. Seine erste Freundin hieß Rosalinde und ihre Freunde sagten Rosi zu ihr und er schließlich auch, aber nach drei Monaten trennten sie sich, vielleicht, weil er Rosi zu ihr gesagt hatte.
Also keine Krimis. Aber Kriminalromane. Daran kam man nicht vorbei, wenn man Literatur las, denn es gab tatsächlich Literaten, die Kriminalromane schrieben. Meistens waren sie Schweizer und hießen Friedrich mit Vornamen. Der Unterschied zwischen Krimi und Kriminalroman, wurde es dem Mann langsam klar, lag darin, dass man Kriminalromane lesen musste wie Literatur. Es wurde eine Geschichte mit Mord erzählt, aber hinter der Geschichte mit Mord steckte immer auch eine Geschichte ohne Mord. Während in Krimis – die er forschungshalber ebenfalls las, aber nicht um die Zeit zu vertreiben – immer nur Morde zu besichtigen waren, um die herum man Geschichten strickte, die niemanden wirklich interessierten, weil man sie aus tausend anderen Romanen bereits kannte. In diesen Krimis wurde, wie es dem Genre gemäß war, die Zeit nicht einfach nur vertrieben, sie wurde totgeschlagen, aber diesen Mord nahm niemand zur Kenntnis und klärte auch niemand auf.
Eines Tages begann der Mann selbst, einen Kriminalroman zu schreiben. In diesem Kriminalroman geschah ein Mord und ein Polizist klärte diesen Mord auf. Das langweilte den Mann, denn was ist daran spannend, wenn ich einen Mord aufkläre und behaupte, Herr X. sei der Täter, nicht aber Frau Y.? Als erfahrener Literat wusste der Mann, dass es genauso andersrum hätte sein können. Man brauchte dazu nur wenige Handgriffe, um aus Herrn X. ein Opfer zu machen und aus Frau Y. eine Täterin. Wen interessierte so etwas? Wer legte Wert darauf, den Namen des Täters erst auf Seite 198 zu erfahren und nicht schon auf Seite 3? Wo lag der Unterschied? Der Mann wusste es nicht. Er schrieb seinen Kriminalroman, fand ihn langweilig, aber wenigstens vertrieb er nicht die Zeit, sondern dehnte sie vielmehr aus.
Dem Kriminalroman erging es wie den anderen Romanen des Mannes: Niemand wollte ihn lesen. Dabei waren doch alle Texte des Mannes irgendwie Kriminalromane, weil man damit arbeiten musste und nicht wusste, was sie am Ende eigentlich enthielten. Arbeiten, das bedeutet doch auch immer, ein Rätsel zu lösen. Wenn ich einen Stuhl tischlere, dann weiß ich auch erst ganz am Schluss, wenn der Stuhl fertig ist, wie er aussieht und ob es wirklich ein Stuhl geworden ist. Dazwischen gähnt das Mysterium der Erwartung und der Hoffnung wie eine nebelumwaberte weite Ebene.
Der Mann, dessen Literatur keiner lesen wollte, war etwas müde geworden. Unter anderem, weil er nicht nur Lesearbeiten verrichten musste. Da man ihn für das Schreiben nicht bezahlte (auch Schreiben war Arbeit!), musste er sich etwas anderes suchen, für das man ihn bezahlte. Der Mann nannte es Brotarbeit. Brotarbeit war im Grunde nichts anderes als Unterhaltungsliteratur, sie vertrieb die Zeit. So erfolgreich, dass der Mann am Ende seiner täglichen Brotarbeit nicht mehr genügend Zeit hatte, Literatur herzustellen. So langsam, dachte er düster, werde ich einer von den Autoren, die irgendwann verstummt sind. Zu einem der vielen nicht nur ungelesenen, sondern auch ungedruckten Dichter, über die kein Buch Auskunft gibt, weil kein Buchautor sie kennen kann. Das, dachte der Mann, wäre schade. Aber wenn dem so sein sollte, will ich wenigstens die Zeit, die mir am Ende des Tages verbleibt, die aber zu kurz ist für die Literatur, so lange quälen, bis sie tot ist. Und er begann, sie totzuschlagen. Er las einen Krimi.

— Fortsetzung folgt —

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2 Antworten to “Psychogramm eines Krimiautors -1-”

  1. Ria said

    Schlagt sie tot, die Zeit, sie hat es verdient! Überhaubt, schlagt sie alle tot, die Zeiten, denn sie sind schlecht. Schon immer waren sie schlecht. Schlecht für diejenigen, die ein Mindestmaß an Verstand von sich selbst und ihren Lesern erwarten. Drum vertreibt sie, die Zeit und wenn sie wiederkommt, macht sie hin, so wie sie uns hinmacht, wenn wir sie gewähren lassen. Sie oder wir, so einfach ist das. Also, keine Gnade. Uns wird auch keine gewährt.

  2. […] Psychogramm eines Krimiautors -1- […]

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