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Le Poulpe – der Romankrake

Posted by Dieter Paul Rudolph - 14. März 2013

pulpFrankreich, du hast es besser! Jedenfalls in puncto Kriminalliteratur. Während sich rechts des Rheins AutorInnen höchstens einmal zusammentun, um einen Band mit Kurzkrimis zu bestücken (zumeist mit Regiobezug und entsprechend harmlos), gibt es auf der anderen Seite des Flusses seit 1998 ein Reihenprojekt von gänzlich anderen Ausmaßen: LE POULPE! 1995 von Jean-Bernard Pouy für die Editions Baleine initiiert, marschiert die Reihe nun auf die 300. Ausgabe zu (allerdings scheint es seit vorigem Jahr zu stocken). Das Besondere: Zwar bleibt das Stammpersonal immer das gleiche – aber die AutorInnen wechseln! Neben illustren Namen wie Pouy, Patrick Reynal, Didier Daeninckx oder Chantal Pelletier sind es auch gänzlich unbekannte, die ihren Beitrag leisten. Manche Titel entstanden zudem im Kollektiv.

Le Poulpe – der Krake oder, natürlich: Pulp. Gabriel Lecouvreur, den man seiner langen Arme wegen „Krake“ nennt, ist Detektiv. Er lebt abwechselnd in Hotels (polizeilich gemeldet ist er nicht) oder in der verkitschten Wohnung seiner Freundin, der Friseuse Cheryl. Wer ihn treffen will, muss in seine Stammkneipe, wo man weiteres festes Personal der Romane antrifft, u.a. Gérard, den Wirt, und Léon, dessen alten Hund. Le Poulpe wird meistens durch Zeitungslektüre auf seine Fälle aufmerksam, ein dezenter Hinweis auf den Urvater des „Krimis“, Poes Auguste Dupin, der ja ebenfalls in Paris aktiv war.

Gegründet wurde das Projekt, um ein Gegengewicht zu all dem reaktionären Schund zu schaffen, der an den französischen Kiosken um die Gunst der Leserschaft buhlte. Le Poulpe war also die Antwort der avancierten Kriminalliteratur, „guter Schund“, der sich dem üblen entgegenstellte – mit Erfolg.

In Deutschland veröffentlichte der Wunderlich Verlag ab 1998 insgesamt dreizehn Folgen der Serie, jede auf etwa 150 Seiten, teilweise mit typografischen Gimmicks. Wie kaum anders erwartet, machte Pulp keinen besonders großen Eindruck auf die deutschen Konsumenten. Man kennt das; auch der zaghafte Versuch des Distel Verlags, die ebenfalls von Pouy initiierte Serie Suite Noire hierzulande populär zu machen, darf als gescheitert angesehen werden. 1998 wurde Le Poulpe schließlich auch verfilmt.

Bereits die illustren Namen, die für Le Poulpe Geschichten schrieben, weisen darauf hin, dass sich hier vor allem die Vertreter des Néo Polar zusammengefunden haben, um eine Art Sittenbild der französischen Gesellschaft der letzten zwanzig Jahre zu entwerfen. Es ist die Mischung aus Realismus und Rotzigkeit, Sozialengagement und Surrealismus, die auf dem Sockel des „Schund“ eine einzigartige Wirkung erzeugt. Neofaschistische Tendenzen, überhaupt die mehr als nur latente Fremdenfeindlichkeit, die Situation der als „Clochards“ romantisierten Obdachlosen, aber etwa auch der Feminismus werden mit Hilfe einer standardisierten Ausgangssituation in unterhaltsamer und nicht selten witziger Form thematisiert und schaffen im Ergebnis tatsächlich jene Gesellschaftschronik, deren aufklärerisches Potential gegen die Dumpfheit des Populismus steht. Gabriel Lecouvreur ist „frei, neugierig und gegenwärtig“, so charakterisiert ihn Pouy, „er ist einer, der sich auf eigene Rechnung im alltäglichen Saustall, den Verwerfungen bewegt.“ Nicht nur er. Als er einmal auf Léons Kackhaufen ausrutscht und sich ein Bein bricht, übernimmt Cheryl die Ermittlungen und beweist damit, dass sie mehr ist als eine Barbiepuppe (Sylvie Granotier: Comme un coq en plâtre (Pulp in Gips)).

Mag auch vieles standardisiert sein (vor allem natürlich das Stammpersonal), hat sich Le Poulpedurch die Vielzahl der Mitwirkenden doch auch zu einer Art Leistungsschau der zeitgenössischen französischen Kriminalliteratur entwickelt und, ganz wichtig, zu einem Experimentierfeld. Besonders deutlich wird dies in Michel Chevrons „J’irai faire Kafka sur vos tombes“ (Preisfrage: An welchen klassischen „Noir“ erinnert der Titel? – Deutscher Titel: „Das Blut der anderen“). Chevron, den die Reihe erst zum Krimischreiben brachte (vorher war er als Arbeiter und Berufsschullehrer tätig), schickt Gabriel in die französische Provinz, wo eine rechte Miliz ein Städtchen tyrannisiert und Jagd auf die „Kafkas“ macht, rumänische Arbeiter, die man nicht mehr braucht und in ein Ghetto pfercht, um bei Gelegenheit Jagd auf sie zu machen und wie Wild zu erlegen. In den wenigen deutschsprachigen Kommentaren zur Serie wird dieser Titel immer wieder als „negativer Ausreißer“ erwähnt. „Nicht mit „Pulp und das Blut der anderen“ anfangen, eine sehr eigenartige Geschichte, die in mystischen Andeutungen die Ausgrenzung von Roma & Sintis schildert, sie aber zu Fabelwesen, die zwischen Menschen und Tierreich schweben, verklärt.“

Ein Missverständnis. Es geht nicht um „Roma & Sintis“, sondern – um Vampire. Das Eigenartige an der Geschichte ist etwas anderes: Jedes Kapitel ist mit dem Titel eines Textes von Franz Kafka überschrieben („Ein Hungerkünstler“, „In der Strafkolonie“, „Amerika“, „Das Schloß“ usw.) und versucht, den großen Kryptischen der Literatur des 20. Jahrhunderts in einer actionreichen Handlung quasi zu erden. Man kann sich darüber streiten, ob es gelungen ist; anregend ist es durchaus, ein Versuch eben.

Le Poulpe – ein Sammelbecken der Talente und Möglichkeiten, ein Zeichen auch dafür, dass es in der französischen Kriminalliteratur etwas zu geben scheint, das hierzulande entweder nicht existiert oder unweigerlich in eitler Vereinsmeierei endet: eine Kooperation von AutorInnen und LeserInnen im Angesicht des „alltäglichen Saustalls“, Schund mit Verve und Sprachfertigkeit, risikoreich, analysierend, engagiert – und anerkannt. Oder kurz: Frankreich, du hast es besser.

dpr

Le Poulpe bei Wikipedia France

die deutschen Ausgaben, ebenfalls bei Wikipedia

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