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Das Ritual der Selbstgeißelung

Posted by Dieter Paul Rudolph - 2. März 2013

Zu den gespenstischsten Szenarien meines noch jungen Lebens gehörte es, wenn an Silvester die Münchner Lach- und Schießgesellschaft im Fernsehen auftrat. Die Kabarettisten standen auf der Bühne und beschimpften die Politiker. Die Politiker saßen vor der Bühne und lachten darüber, wie sie beschimpft wurden. Wie ging das an? Würde ich, wenn man mich – vielleicht sogar aus guten Gründen – beschimpfen würde, lachen? Konnte ich mir nicht vorstellen. Ich hätte mich wahlweise geschämt oder geärgert, hätte geheult oder wäre wütend geworden. Aber lachen? Nun, es handelte sich wohl um ein alljährliches Ritual. Das ganze Jahr über darfst du Mist bauen und die Leute bescheißen – und an Silvester halten dir die Kabarettisten humoristisch den Spiegel vor, es wird kräftig abgelacht – und das war dann deine Buße, jetzt ist alles wieder gut. Komisch.

Die Münchner Lach- und Schießgesellschaft tritt schon lange nicht mehr an Silvester auf. Das Ritual hat sich aber gehalten, auch in München. Es heißt jetzt „Derblecken“ und findet jeweils zur Eröffnung der Starkbierzeit auf dem Nockherberg statt, wo es dann eine „Bußpredigt“ mit anschließendem „Singspiel“ gibt, und beidemale wird kräftig ausgeteilt, man stellt im Singspiel gar die Doppelgänger der Politiker auf die Bühne, die selbst im Publikum sitzen und sich die Bäuche vor Lachen halten. Wer keinen Doppelgänger auf der Bühne hat oder in der Bußpredigt nicht erwähnt wird, der kommt entweder erst gar nicht oder er sitzt den ganzen Abend ziemlich übelgelaunt vor seiner Maß und seiner Brez’n.

Das hat, auf den ersten Blick, wenig bis gar nichts mit Krimi zu tun. Auf den zweiten aber schon. Analysieren wir kurz, was da auf dem Nockherberg geschieht. Jemand begibt sich dorthin, um ausgeschimpft zu werden und sich dabei zu amüsieren. Wenn er sich einmal nicht amüsiert, weil das Gesagte etwas unter die Gürtellinie reicht oder allzu sehr der Wahrheit entspricht, dann lässt er es sich nicht anmerken. Wichtig ist, dass man im Grunde genau weiß, was einem blüht und wie man sich zu verhalten hat und dass alles am Ende gar nicht so schlimm kommen kann, es sei denn, wie gesagt, man wird überhaupt nicht erwähnt. Übertragen wir das auf das Lesen im Allgemeinen und das Lesen von Kriminalliteratur im Besonderen. Ich schlage ein Buch auf, bei dem ich weiß, dass es mir eine Menge Unangenehmes über mich selbst erzählt. Wenn ich etwa einen Krimi über die Machenschaften der Rüstungsindustrie oder der Banken lese, dann erzählt mir der Text ja auch, dass ich die Politiker, die solches zulassen und unterstützen, vielleicht selbst gewählt habe oder dass ich für einen Rüstungskonzern oder eine Bank arbeite oder dass ich wenigstens mein Geld bei einer Bank angelegt habe, die damit an irgendwelchen Nahrungsmittelbörsen spekuliert und dass dadurch der Reispreis steigt und die armen Leute sich den Reis nicht mehr leisten können. Warum lese ich also diesen Krimi überhaupt, wenn er mir unangenehme Wahrheiten über mich selbst erzählt? – Weil er spannend ist und weil das, was ich da lese, ja keine Folgen für mich hat. Während auf dem Nockherberg der Humor zählt, zählt beim Krimi der Nervenkitzel. Und auch das mit dem Nichterwähntwerden ist beim Lesen wie auf dem Nockherberg und früher in der Lach- und Schießgesellschaft. Ich möchte ja solche „realitätshaltigen, kritischen Krimis“ lesen und nicht das belanglose Whodunitzeug, das nur unterhält, aber nichts mit mir zu tun hat, dass mir nicht den Spiegel vorhält, in dem ich mich dann, vor Spannung ganz konzentriert, erkennen kann.

Warum habe ich früher die Auftritte der Lach- und Schießgesellschaft für gespenstisch gehalten, so wie ich jetzt das Treiben auf dem Nockherberg für gespenstisch halte? Wegen der Leute auf der Bühne. Was müssen die eigentlich denken? Sie wollen ja meistens mehr als „nur unterhalten“, sie wollen aufklären, sie wollen im Idealfall, dass Die-da-unten (die im wirklichen Leben natürlich Die-da-oben sind) in sich gehen und ihr Handeln überdenken und in Zukunft alles besser machen. Und sie wollen, dass Wir-da-draußen-an-den-Bildschirmen etwas lernen und uns in Zukunft unsere Politiker etwas sorgfältiger aussuchen. Aber sie schaffen es einfach nicht. Die-da-unten lachen einfach. Sie wollen gedemütigt werden, so wie es uns als Leser gefällt, von Dingen zu erfahren, die kein gutes Licht auf uns werfen. Aber der Schauer, der einem über den Rücken läuft! Man ist nicht nur Zuschauer, man ist gewissermaßen Akteur! Man kommt vor! Man kann sich im Krimi wiedererkennen! Und es bleibt folgenlos, es irritiert einen nicht, weckt weder Scham noch Zorn noch Einsicht.

Manchmal, beim Kabarett wenigstens, läuft es auch anders. Etwa wenn ein Mann wie Georg Schramm einmal den Fernsehoberen dermaßen die Leviten liest, dass die zu buhen anfangen und „aufhören!“ schreien. Dann, so sagt man sich, ist das Ritual, dieses Hochamt der vergnüglichen Selbstgeißelung, plötzlich in sich zusammengestürzt. Das wünscht man sich auch beim Kriminalroman. Dass er uns aus seiner Entertainmentklammer entlässt und plötzlich etwas so Schockierendes und Wahres über uns sagt, dass wir echte Gefühle zeigen. Was uns sehr unangenehm ist. Aber doch eigentlich der Endzweck von Literatur, oder?

dpr

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