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Monströs und konventionell: ein Bremen-Tatort

Posted by Dieter Paul Rudolph - 25. Februar 2013

Dass ich am gestrigen Bremen-Tatort hängengeblieben bin, war Zufall. Nein, nicht ganz. Irgendwo hatte ich eine gute Vorabkritik gelesen, ein Krimi ohne den üblichen Quatsch, ein Krimi, der das Unmögliche denkt, ein Krimi, der die „Puppenspieler“ (so auch konsequenterweise der Titel) hinter der Inszenierung zeigt. Nun gut. Die Realität ist ja mittlerweile das, was man sich nicht vorstellen mag und auch nicht vorstellen kann. „Die da in Berlin“ (hohe Tierchen müssen das sein; sie haben im Film zwar keine Namen, aber unterhalb der Ministerebene läuft das nicht) schicken „mobile Killerkommandos“ durch die Republik, eine geheime Müllabfuhr unter Führung von BKA- und anderen Beamten.

Sie kommen nach Bremen, weil dort ein Richter erpresst wird, der wiederum um das Geheimnis der Puppenspieler weiß. Dieser Richter, von dessen Urteil es letztlich abhängt, ob die Weser ausgebaggert wird, um einem Industriellen buchstäblich den Weg zu mehr Profit zu ebnen, wird erpresst. Zunächst von einer minderjährigen Prostituierten und ihrem Freund, die ein kleines heikles Filmchen für 50.000 Euro verticken wollen. Das Killerkommando kommt, der Freund wird erledigt, das Mädchen kann fliehen und landet in den Armen eines der Kommissare. Den Rest des Films verbringen wir in der bangen Erwartung, was wohl aus dem Mädchen wird und wann die zweite Erpressung stattfindet, denn auch der Industrielle hat ein Filmchen drehen lassen…

Dass ein solches Drehbuch überhaupt entstehen und dann auch noch verfilmt werden kann, verdankt sich der tagtäglichen Wirklichkeit, den sogenannten „Döner-Morden“, vor allem aber der sehr merkwürdigen Geschichte um die Genspuren, die durch verunreinigte Wattestäbchen den Eindruck erweckten, eine monströse Killerin ziehe durchs Land, morde und raube sogar Getränkekioske aus. Hier knüpft „Puppenspieler“ an und postuliert: Nix Zufall, nix Pfusch, sondern schiere Absicht. So gesehen, ist der Plot einfaches Weiterdenken von Wirklichkeit, das Herstellen einer durchaus realitätsgestählten Was-wäre-Wenn-Situation.

Gut gemacht war der Film. Ein interessante Montagetechnik, nicht revolutionär (gesplitteter Bildschim etc.), dem Thema aber angepasst. Schwierigkeiten machten allein Dramaturgie und Personenzeichnung. Die jugendliche Prostituierte etwa. Sie, eigentlich Kind aus reichem Elternhaus, findet zum ersten Mal im Leben einen Menschen, der sie liebt und den sie liebt, der Mensch wird erschossen – und Stunden später vergnügt sich das Mädchen schon beim Musikhören und Internetsurfen. Die Kommissarin geht mal so eben mit ihrem neuen Kollegen ins Bett, der eigentlich „gar nicht ihr Typ ist“, aber sie braucht „es“ halt manchmal. Der andere Kollege rauscht am Ende ab nach Afghanistan zum Polizistenausbilden, obwohl er gerade mitgeholfen hat, einen Fall von geradezu monströsen Ausmaßen aufzuklären und eigentlich in nächster Zeit von Staatsanwaltschaft und diversen Untersuchungsausschüssen belagert sein müsste, statt am Hindusch zu lehren.

Am unbefriedigendsten war genau dieses Ende: Die Polizei kriegt die Bösewichte. Ob sie bestraft werden, bleibt unklar, aber dass sich alles aufklärt, das ist, mit Verlaub, eine Konzession an das handelsübliche Krimipublikum, nicht aber eine konsequente Fortführung der Plotsituation. Der schwärzest vorstellbare Noir – und dann eine Art Happyend? Hm.

Licht und Schatten also. Und war’s spannend? Überraschende Antwort: nö. Eigentlich entwickelte sich der Film so, wie man ihn, nachdem die Exposition durchschaut war, sich vorgestellt hat. Es gibt Gute und Böse und einige arme Schweine, die zwischen die Fronten geraten. Da oben sitzen die Puppenspieler und werden wohl wieder davonkommen. Realistisch? Mag sein. Aber irgendwann ertappt man sich bei dem Gedanken, dass es spannender wäre, den Puppenspielern hinter den Puppenspielern zuzugucken. Bei einem intimen Plausch in der Lobby des Bundestages, beispielsweise.

dpr

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2 Antworten to “Monströs und konventionell: ein Bremen-Tatort”

  1. monologe said

    D´accord. Man konnte aber auch meinen, dass die Amerika-Klassiker, also die Geheimdienst-Verschwörungs-Filme, von denen es ja etliche gute gibt, hier Pate gestanden sind. Wenn das stringent und kernig gemacht ist, gut. Der gestrige Film aber hatte eine bemüht „komische“ Seite, nämlich in Gestalt des „neuen“ Kollegen, mit dem die Postel dann auch noch intim wurde. Sollte wohl „Leben“ sein, achja, bei all der Tragik und dem Tod ringsum. Lustich bis der Arsch im Sarge liegt. Es kam gottlob noch ein anderer Film gestern: „Harry Brown“ mit Michael Caine. Der hatte es in sich.

  2. Ria Klug said

    Fast alle ‚Tatorte‘ leisten sich viel zu viele Konzessionen an ‚die Woge der Trivialität‘, die Mainstream genannt wird. Zum Schluss bleibt da immer so ein merkwürdiges Gefühl, wie wenn man sich ordentlich Fastfood reingezogen hat. Man konnte nicht aufhören zu fressen, hat aber das Gefühl seiner Gesundheit einen Bärendienst geleistet zu haben. Da verbringe ich den Sonntagabend lieber vorm PC bei was Reellem, dem Moorhuhnschießen.

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