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Real Life Plotting: Das Fleisch, das sie Pferd nannten

Posted by Dieter Paul Rudolph - 24. Februar 2013

I. Scholz ist Privatdetektiv. Er genießt das Privileg, sich nicht mit Klienten herumärgern zu müssen, seine Fälle bezieht er direkt aus dem wirklichen Leben. Es geht ihm nicht um „das Böse“ und schon gar nicht um „Gerechtigkeit“. Sein Studienobjekt ist die menschliche Psyche, dort wo eine besonders heikle Spielart des „Bösen“ entsteht, aus dem Zusammenwirken von Dummheit und Ignoranz, Egoismus und Bigotterie, selektiver Wahrnehmung und willkürlicher Zurichtung von sogenannten Tatsachen. Auf diesem Feld also ermittelt I. Scholz, er konstruiert Plots, die als Grundlage von Kriminalromanen taugen könnten, die ja, wir wissen es alle, immer „das Böse“ thematisieren, das Verbrechen und seine Aufklärung – ja, richtig: Aufklärung. Scholz ist ein Aufklärer, ein Mann, dem es nicht um Bestrafung zu tun ist – so naiv kann selbst er nicht sein – wohl aber um das Aufzeigen von Verbrechen, die man mit bloßem Auge nicht erkennen kann.

Doch genug der Theorie. Verfolgen wir, wie I. Scholz einen Fall konstruiert, „plottet“. Er hat ihn aus der Zeitung und aus den sogenannten sozialen Medien, eine Fundgrube für die Absonderlichkeiten der menschlichen Psyche. Er nennt ihn „den Fall von dem Fleisch, das sie Pferd nannten“.

Alles beginnt damit, dass sie Pferdefleisch in Billiglasagne finden. Eklig ist das und der Sturm der Entrüstung tobt durch den Medienwald. Kaum hat man sich über Leiharbeiter und Hungerlöhne entrüstet, schon peitscht das erbarmungslose Schicksal einen neuen Skandal in die Schlagzeilen. Pferdefleisch! Das ist wie Katzen- oder Hundefleisch, das möchte man nicht in der Lasagne haben. In die Lasagne gehören Rind oder Schwein, also genauer: mit Anabolika gedoptes Rind oder zeitlebens auf der Fläche eines halben Quadratmeters zusammengepferchtes Schwein. Aber doch kein Pferd! Auf Pferden reitet John Wayne in den Sonnenuntergang, auf Pferden bekommen junge Mädchen eine erste Ahnung von Orgasmus. So etwas gehört nicht in Lasagne!

Scholz notiert sich das präzise: Unsere Gesellschaft hat einen Ekel vor Pferdefleisch, ob es „einwandfrei“ ist oder nicht. Sie möchte es einfach nicht essen, auch wenn es auf der Verpackung deklariert wäre, nein, kein Pferd bitte. Das akzeptiert Scholz, das versteht er, das sind diese komischen Synapsen im hirninternen Werte- und Moralsystem, so ähnlich wie „Wenn ich nicht direkt zusehen muss, wie in Afrika Kinder an Hunger krepieren, dann stört es mich auch nicht. Und wenn ich es sehe, zum Beispiel in der Tagesschau, dann spende ich eben fünf Euro.“

Dann aber passiert es, dann wird der Kasus zum „Fall“, dann schlägt die menschliche Dummheit gnadenlos zu und gebiert „das Böse“. Zuerst ist es ein unbekannter CDU-Politiker mit dem Allerweltsnamen Fischer, der vorschlägt, man möge das aus dem Handel genommene Pferdefleisch doch an die Armen verfüttern. Der Mann ist Entwicklungspolitiker, was immer das auch sein soll, und er macht Nägel mit Köpfen. Man lädt die Presse ein und Herr Fischer setzt sich an einen Tisch, auf diesem Tisch steht ein Teller mit Pferdelasagne und Herr Fischer beginnt zu essen und die Presse fotografiert. Herr Fischer sieht nicht glücklich aus. Er sieht aus wie ein japanischer Politiker, der in die atomverseuchte Zone reist und einen Fisch aus dem atomverseuchten Meer verspeist. Egal. Er ist in der Zeitung.

Wieder empört sich das ganze Land. Das sei menschenverachtend. Reporter schwärmen aus und befragen die Bevölkerung. Würden Sie diese Lasagne essen, wenn man sie Ihnen schenken würde? Erstaunlich viele erklären sich dazu bereit.

Das ist gut, denkt ein anderer Politiker. Er ist von der FDP und heißt Niebel, er ist auch „Entwicklungspolitiker“, Minister gar. Soll auch er sich an einen Tisch vor einen Teller mit Pferdelasagne setzen? Nein, Herr Niebel ist schlauer. Er greift in die Kiste der Realmoral und sagt ergreifende Sätze wie „Über 800 Millionen Menschen weltweit hungern. Und auch in Deutschland gibt es leider Menschen, bei denen es finanziell eng ist, selbst für Lebensmittel. Ich finde, da können wir hier in Deutschland nicht gute Nahrungsmittel einfach wegwerfen.“

Wow. Das wird jetzt aber erst recht einen Sturm der Empörung auslösen! Oder? Eben nicht. Wenn es um Realmoral geht, will die Kirche nicht zurückstecken. Ein Prälat meldet sich zu Wort: „Wir als Kirche empfinden die Wegwerfmentalität in unserer Gesellschaft als bedenklich. Ob und wie eine Verteilung der fraglichen Produkte möglich ist, ist zu prüfen. Aber Lebensmittel zu vernichten, die ohne Risiko genießbar wären, ist ähnlich schlimm wie Etikettenschwindel und kann keine Lösung sein.“

I. Scholz lehnt sich zurück und denkt nach. Was für ein Verbrechen läuft da gerade ab? Er rekapituliert: Zuerst geht ein Aufschrei des Ekels durch das Volk. Man will kein Pferdefleisch essen, sei es „unbedenklich“ oder nicht. Nein! Dann kommt einer auf die Idee, das Fleisch den Armen zu geben. Wieder Aufschrei. Menschenverachtend! Dann kommt einer daher und holt die moralische Keule heraus und knüppelt auf alles ein, was bei drei nicht auf den Bäumen ist. Hunger in der Welt! Menschen in Deutschland, bei denen es „leider“ finanziell eng ist! Und die Kirche setzt noch eins drauf: Wegwerfmentalität! Kann keine Lösung sein! Überprüfen!

Ein klassischer Fall von Verbrechen, das sich aus Dummheit und Kalkül entwickelt hat. Was dem normalen Bürger schon beim bloßen Gedanken daran das argentinische Rindersteak den Hals hoch drückt, das können die Armen bedenkenlos fressen. Weil ja 800 Millionen froh wären, sie dürften wenigstens Scheiße fressen. Weil es ja eine Wegwerfmentalität gibt (die, nebenbei, Grundlage jenes Wachstums ist, von dem wir zehren, dem wir huldigen wie sonst keinem Götzen weit und breit).

Ja, ein Verbrechen ist das. Es heißt: Wie ich den Skandal der hungernden Menschen dazu missbrauche, „die Armen“ zu dem zu machen, für das ich sie recht eigentlich halte: irgendwie keine Menschen, denen man so etwas wie Würde zubilligt.

Wäre Scholz Kriminalschriftsteller, er würde jetzt einen Mord einbauen. Oder wenigstens einen Todesfall. Der CDU-Mann Fischer, wie er am Tisch sitzt und notgedrungen seine Lasagne gabelt und plötzlich mit seiner aufmunternd grinsenden Fresse nach vorn und mitten in die Pampe fällt und mausetot ist. Unfall oder Mord? Lebensmittelvergiftung oder am Ekel vor sich selbst gestorben? Der Detektiv ermittelt. Ihn ekelt es auch.

(Die Zitate stammen aus: http://www.rp-online.de/panorama/deutschland/pferdefleisch-lasagne-an-arme-verschenken-1.3215000)

dpr

 

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2 Antworten to “Real Life Plotting: Das Fleisch, das sie Pferd nannten”

  1. Pferd schmeckt.

  2. Ria Klug said

    Nun muss der Herr Fischer auch noch ein paar Eier verschlingen, bevor er das Zeitliche segnet. Ich stelle ihn mir vor wie Steve McQueen in diesem legendären Gefängnisfilm …

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