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Der wahre Schund – eine Typologie

Posted by Dieter Paul Rudolph - 21. Februar 2013

Schund ist vielfältig, ein zunächst einmal wertneutraler Begriff wie „Literatur“. Er ist gut oder schlecht, neuer Wein oder alter Schlauch, mit oder ohne Schnittmengen. Im Rahmen meiner Tätigkeit als wissenschaftlicher Berater des Schundbüros habe ich versucht, einige typische Merkmale von „wahrem Schund“ zu beschreiben. Dem also, der weder den verkopften Intellektuellen noch den zum Lesevieh degradierten Konsumenten als Zielgruppe ausmacht, sondern ein zugleich denkendes und seinem Unterhaltungsbedürfnis frönendes Wesen. Mancher der folgenden Punkte ist stichwortartig und bedarf der Vertiefung.

  1. Schund wird schnell geschrieben. Er entsteht aus einer zündenden Idee, die zum Initial eines flüssigen Schaffensprozesses wird. Man „kämpft“ nicht mit dem Stoff, dieser ist da und drängt an die Öffentlichkeit. Autorin oder Autor geben diesem Drängen nach, weil es ihnen selbst Spaß macht, diesen Text zu schreiben, nicht, weil er unter Schmerzen geboren werden soll. Schund versteht sich somit als Gegenentwurf zur Attitüde des Gesalbten, Skrupulösen, zum sein Werk drehenden und wendenden „Ernstdichters“. Der Schundautor redet folglich nicht von „Werk“, er macht einfach „sein Ding“.
  2. Hauptanliegen des Schunds ist die Erzeugung von Oberflächenbildern. Das bedeutet: Die beim Lesen zwangsläufig entstehenden Bilder werden von der Textoberfläche abgefischt, sie verbergen sich weder zwischen irgendwelchen Zeilen noch dahinter. Die erzählten Bilder sind grell, scharf konturiert, kurz: plakativ.
  3. Schund belehrt nicht. Durch seinen Oberflächencharakter spricht er nicht den Intellekt, sondern die Emotionen seiner Leserschaft an. Was er anregt, ist also ein Reaktions-, kein Denkprozess. Schund weckt Aggressionen oder Staunen, Behaglichkeit oder Unwohlsein, Erinnerungen oder Visionen, im Idealfall alles zusammen. Er wärmt und erhitzt, macht frösteln oder schwitzen. Schund entwickelt keinen didaktischen Bilderstrom, initiiert keinen Lernprozess. Seine Bilder sind aufblitzende, starkgebärdige Snapshots. Als Lehr- und Lernmittel sind sie per definitionem unbrauchbar
  4. Schund ist eskapistisch. Rühmt man etwa „gute Krimis“ gemeinhin ob ihrer Realitätsnähe oder schätzt ihren die Wirklichkeit der Leserschaft verstärkenden Charakter, arbeitet Schund mit dem natürlichen Fluchtreflex. Ziel ist es, die Leserschaft aus ihrem gewohnten emotionalen Umfeld zu katapultieren, mit etwas zu konfrontieren, das entweder fremd oder ungewohnt, erwünscht oder unerwünscht ist. Die dem Schund vorgeworfene Trost- und Besänftigungsfunktion (Beispiel: Der Arbeiter, der auf dem Weg zur Arbeit einen Heftroman liest, um sich das Dasein erträglich zu machen und weiterhin zu funktionieren.) ist dabei nur eine, im Charakterbild des wahren Schunds eher untergeordnete eskapistische Spielart. Wichtig ist der umgekehrte Fall, die emotionale Erschütterung der Leserschaft durch provozierende Bilder und Inhalte, das Auslösen einer wohligen Übelkeit, die idealerweise zum genüsslich zelebrierten Ekel wird. Daraus ergibt sich
  5. Schund provoziert. Er ist politisch unkorrekt, ordinär, geradlinig, überzogen, mit Freuden blasphemisch und sexistisch, pornografisch und reaktionär, aber niemals affirmativ. Er bedient die niederen Instinkte – aber nicht unbedingt diejenigen, die Leser / Leserin bedient zu sehen wünschen. Hier ähnelt Schund der sogenannten Hochliteratur, die ebenfalls Erwartungen düpieren möchte.
  6. Wahrer Schund ist gute Literatur, denn sie bezweckt wie diese die Erweiterung des Leserhorizonts. Nur geht es dabei – siehe oben – über die emotionale Oberfläche und nicht durch die geistige Tiefe.
  7. Schund ist Wirklichkeit. Oder Wirklichkeit Schund. Ob wir wollen oder nicht.

 

dpr

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4 Antworten to “Der wahre Schund – eine Typologie”

  1. […] Minijob von Herrn Rudolph macht sich so langsam bezahlt. Nicht dass wir alles verstanden hätten, was er so schreibt. Aber hey, es klingt geil! Also mal lesen, […]

  2. Ria Klug said

    Ich bin ich, weil mein Schund mich kennt?

  3. Ria Klug said

    Schund kennt der, der ihn verloren hat!

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