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Einem Toten beim Sterben zugucken

Posted by Dieter Paul Rudolph - 19. Februar 2013

Doch, es sind gute Nachrichten, mit denen uns das noch ziemlich junge Jahr entzückt. Nachdem die „Amazon-Affäre“ den Vertretern des organisierten kriminalliterarischen Verbrechens Gelegenheit bot, ein prächtiges Hochamt selektiver Wahrnehmung zu feiern, öffnet sich ein weiteres – und weites – Feld kollektiven Wehklagens. Der Regionalkrimi kriselt! Experte Reinhard Jahn beobachtet, „wie große Verlage ihr Programm für Regionalkrimis zusammenstreichen und die Arbeit mit Autoren beenden, wenn sie die Auflagenerwartung nicht erfüllen können.“ Hoppla! Aber ist das wirklich schon ein Anlass, eine schöne Flasche deutschen Sektes zu entkorken?

Wir meinen: nein. Aufgepasst. Bisher war der Regionalkrimi vor allem ein Sammelbecken für all jene, die auch mal einen Krimi schreiben wollten. Womit wir nicht zu suggerieren versuchen, es sei „dort alles schlecht“ gewesen. War es ja gar nicht, aber der Eindruck, hier bündele sich in geradezu paradigmatischer Weise der Misswuchs des Genres, wird auch von den seriösen Vertretern des Regiokrimis nicht weggewischt. Es gibt einfach zu viele Stümper mit notorischer Tinten-Inkontinenz und der Regiokrimi ist gewissermaßen die Pampers-Windel, in die man seine Phantasie pieseln kann.

Und wo wollen die jetzt hin, um ihr Geschäft zu erledigen? Dass sie nämlich endlich einmal Ruhe geben oder ihre öffentlichen Aktivitäten auf Hand- und Laubsägearbeiten umleiten, ist leider nicht zu erwarten. Wer einmal Krimi geschrieben hat, schreibt immer Krimi. Wer in der Dorfgemeinschaftshalle Winsen an der Luhe vor siebzig begeisterten ZuhörerInnen aus seinem Werk hat vorlesen dürfen, der ist süchtig nach Ruhm geworden. Also: Quo vadis, RegiokrimiautorIn?

Wir befürchten: zum Psychothriller. Wer die Aktivitäten der Stümper auf dem Gebiet des E-Book-Krimis beobachtet, wird unsere Einschätzung teilen müssen. Dort knüpft man nicht nur an das Serienkiller-Genre an (das per se zum Psychothrillergenre gehört, weil Serienkiller ebenso per se ganz gehörig einen an der Waffel haben), sondern entdeckt so langsam auch „den subtilen Psychothriller“, sprich: Patricia Highsmith feiert fröhliche Urständ. NachfolgerInnen der großen Amerikanerin gibt es inzwischen fast so viele wie Krimipäpste, man glaubt es nicht, aber es ist so. Was uns also bevorsteht, lässt sich im Bild des Tsunami recht gut beschreiben: Eine Sturmflut menschlicher Abgründe, ein Heer von Dämonen, eine Unendlichkeit miserablen Stils. Fast wünschte man, der gute alte Regiokrimi würde sich noch einmal berappeln und auf die Beine kommen. Man hatte sich schon so daran gewöhnt.

P.S. Die sonst so auf der Höhe der Zeit seiende Krimireihe [Schundheft!] hat versprochen, bald das Requiem auf den „Heimatkrimi“ zu singen und zu blasen. Erste Informationen sind jedenfalls schon einmal vielversprechend.

dpr

 

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3 Antworten to “Einem Toten beim Sterben zugucken”

  1. […] es nun der Abgesang auf das Genre des Heimatkrimis werden wird, wie unser wissenschaftlicher Berater mutmaßt, wissen wir indes noch  […]

  2. Ria Klug said

    Dann heißt es eben: Die Hard, Vol. 2

  3. Der tote Regionalkrimi als Der Neue Heimatfilm?

    „Die Terrine des Todes“, verfilmt als „Des Försters Nickende Fichten“?

    Warum nicht? Bedarf besteht immer.

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