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Ein Wort zu Amazon

Posted by Dieter Paul Rudolph - 14. Februar 2013

Ja, das ist nicht schön. Bei Amazon schuften Leiharbeiter, sie werden schlecht bezahlt und obendrein mit Drohungen in Angst und Schrecken versetzt. Darüber muss man sich aufregen, das muss man schlimm finden. Und jetzt stellen wir uns vor, der digitale Teil der Menschheit würde beschließen, nur noch mit solchen Computern ins Netz zu gehen, die NICHT unter ausbeuterischen, gesundheits- und umweltschädigenden Bedingungen hergestellt wurden. Die Folge: Das Internet wäre eine Ödnis. Und wir stellen uns vor, ab sofort auf solche Kleidung zu verzichten, für die Menschen in Bangladesh und anderswo mit Hungerlöhnen abgespeist und von giftigen Chemiedämpfen langsam getötet werden. Die Folge: Auf unseren Straßen liefen die meisten Menschen nackt herum. Was geschehen würde, legten wir einen ähnlichen Maßstab an unsere Lebensmittel an, will ich gar nicht erst erwähnen.

Nein, das ist keine Entschuldigung für Amazon. Es ist nur eine Beschreibung dessen, was wir „die allgemeine Situation“ nennen können. Oder in Anlehnung an Adorno „das falsche Leben“, in dem es kein richtiges geben kann. Also kein Amazon-Bashing ohne Apple-Bashing oder KIK-Bashing. Aber ich bin kein Moralist. Ich bin ein Betroffener. Schließlich veröffentliche ich auch als „Indie“ Bücher via Amazon, bin folglich ein Teil des Falschen. Sich dessen bewusst zu sein, ist nur wenig tröstlich. Ich hätte auch gerne „das richtige Leben“, aber dazu gehört eben mehr als ein „Jetzt kaufen wir aber nicht mehr bei denen“ im Facebook-Kommentar. Man frage sich, siehe oben, mit welcher wo unter welchen Bedingungen gefertigten Tastatur man diese Empörung gerade eintippt.

Niemand unter uns hat die moralische Oberhoheit, jeder kann sich sein falsches Leben so wenig falsch wie möglich machen, ich bitte sogar darum. Und kann nur wiederholen, was ich seit Jahren sage: Wir leben alle in einem idealen Krimi, in dem „das Gute“ genauso wenig existiert wie „das Böse“, in dem wir Opfer und Täter gleichermaßen sind, Ausnahmen gibt es keine, der Schreiber dieser Zeilen ist am allerwenigsten eine, sondern nur jemand, der sich so durchwurstelt und vornimmt, keine der Parteien zu wählen, die uns diese ganze Billig- und Barmherzigkeitskultur eingebrockt haben. Das heißt: Am Ende haben es uns nicht die Parteien eingebrockt, sondern deren Wähler. Das ist Demokratie. Und man sollte erwähnen dürfen, dass die Schleusen mit jener „Agenda 2010“ geöffnet wurden, die weiland eine Rot/Grüne- Koalition beschlossen hat. Und man darf mutmaßen, dass die meisten der derjenigen, die sich partiell und aktuell empören, genau diese Parteien gewählt haben und auch in Zukunft wählen werden.

Das Amazon-Phänomen ist also nicht mehr als ein weiteres Indiz für die Durchseuchung unserer Gesellschaft, für die alltägliche Kriminalisierung des Lebens, die fortschreitende Verblödung, die Empfindungslosigkeit gegenüber allem, was den Geist tötet, wozu auch, ja, Kriminalliteratur gehört. Was zwar nun wirklich nur marginal ist, aber bitte, ich beschäftige mich zufällig damit, für mich ist sie wichtig und kann auf das Ganze hochgerechnet werden.

Und was tue ich? Ich beruhige mich damit, Amazon zu benutzen, um wenigstens dort, wo ich die Möglichkeit dazu habe, gegen diese Verblödung vorzugehen. Was natürlich auch nur ein hoffnungsloser Versuch ist, mich selbst zu beruhigen und mich in der falschen Welt einzurichten. Schon klar.

dpr

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Eine Antwort to “Ein Wort zu Amazon”

  1. Ria Klug said

    Einfacher ist es natürlich, als Falsche(r) im Richtigen zu leben. Also, die herrschendem Verhältnisse sind die ‚richtigen‘, nur Falsche sind dagegen. Und schwupps, schon ist man wieder moralisch im Robin-Hood-Modus.
    Für King Richard und gegen den Sheriff! Nimm das, Schurke!

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