Krimikultur: Archiv

Materialien zur Krimikultur

  • Im Krimikultur-Archiv

    finden Sie Aufsätze, Diskussionen, Gespräche und andere Arbeiten zum Thema "Krimikultur". Was das ist? Was das werden könnte? Darüber redet die Interessengemeinschaft Krimikultur, der man zwanglos beitreten kann. Weitere Informationen zur IG Krimikultur und die Möglichkeit zur Kontaktaufnahme finden Sie hier.
  • RSS Krimi-Depeschen

  • Kategorien

  • Archive

Schund – ein Interview

Posted by Dieter Paul Rudolph - 7. Februar 2013

Einige wissen es bereits: Seit einigen Tagen bin ich wissenschaftlicher Berater des Schundbüros. Sebastian Siebenlist von „Krimi Online“ hat mich interviewt und freundlicherweise den vollständigen Abdruck des Gesprächs in diesem Blog erlaubt.

Die Ernennung des Literaturwissenschaftlers, Krimikritikers, Autors und Herausgebers Dieter Paul Rudolph zum wissenschaftlichen Berater des Schundbüros hat die Fachwelt aufhorchen lassen. Wozu braucht man so etwas überhaupt? Was hat Schund mit Wissenschaft, was mit Literatur zu tun? Fragen über Fragen und – Gesprächsbedarf. Rudolph, der gemeinhin als egoistischer Eigenbrödler gilt, war überraschenderweise bereit, sich unseren Fragen in einem offenen Interview zu stellen.

Herr Rudolph – Schund. Was ist das eigentlich?

Nun, Herr Siebenlist, zunächst einmal ist Schund nichts weiter als ein Schimpfwort. Man assoziiert es mit minderwertiger Literatur, es ist direkter als das Wort „trivial“, meint aber das gleiche: Achtung, hier entsteht schlechte Unterhaltungsliteratur, Konsumtext ohne geistigen Mehrwert.

Hm, ja. Und das ist – falsch?

Aber hallo! Stellen wir die Sache doch mal vom Kopf auf die Füße. Jemand schreibt einen literarischen Text. Der kann entweder ge- oder misslungen sein. Ein wesentliches Kriterium ist dabei das, was wir in der Wissenschaft vom Schund die Klischeedichte nennen. Oder anders formuliert: Ein Text ist dann schlecht, wenn die Klischeedichte sehr hoch ist, auf der nach oben offenen Skala über 5.0, das heißt: Sobald ein Text mindestens fünf Hauptklischees enthält, geht er als „misslungen“ durch. Auch wenn er als sogenannte „Hochliteratur“ konzipiert wurde.

Er ist dann also Schund?

Nein, eben nicht. Er ist schlicht schlecht! Von Schund reden wir im Moment noch gar nicht. Ein Beispiel: Goethes „Die Leiden des jungen Werther“. Ein Stück Weltliteratur, ein literarischer Blockbuster, kein Zweifel. Aber voller Klischees. Mann liebt Frau, sie kommen irgendwie nicht zusammen, sie schreiben sich blumige Briefe, Mann schießt sich eine Kugel ins Hirn. Das war selbst im 18. Jahrhundert ein gelutschtes Bonbon, aber Goethe hat es sehr clever gemacht. Er hat SCHUND geschrieben. Ein klischeebehaftetes, aber souverän komponiertes, seine Wirkung genau kalkulierendes und erreichendes Werk. So wie Chandler und Hammett in ihrer Black-Mask- oder allgemein Pulp-Periode SCHUND geschrieben haben. Klischees, die letztlich den Sprung ins Originelle, ja, ins Innovative geschafft haben. Das ist Schund, wie ihn die Wissenschaft sieht. Etwas Positives, eine Gegenbewegung zum modischen Mainstream.

Interessant. Und Ihre Mitarbeit im Schundbüro hat, wenn ich das richtig sehe, genau diesen Hintergrund? Sie möchten dafür sorgen, dass die dort entstehenden Werke nicht „schlecht“, sondern SCHUND sind, also letztlich das Genre weiterbringen, indem sie seine degenerativen Elemente überwinden?

Vereinfacht gesagt: Ja. Vergessen Sie bitte nicht, dass die Mitglieder des Schundbüros eigentlich ernsthafte SchriftstellerInnen sind, die sich um den Zustand ihres Genres sorgen. Nehmen Sie etwa Hans I. Glock. Ein massiver Denker! Oder O. M. Gott – mein Gott, was für ein Erzähler! Auch Isa Oblomov! Sie hat an der Sternwarte in Wladiwostok Astrophysik studiert, bevor sie nach Deutschland auswanderte, um hier fortan ihren Lebensunterhalt als Verfasserin von Mittelgebirgs-Regiokrimis zu verdienen. Wir erinnern uns schaudernd an Werke wie „Odyssee im Odenwald“ oder „Hatz im Harz“. Von „Hundesöhne im Hunsrück“ ganz zu schweigen. Aber irgendwann ist es diesen AutorInnen einfach als Rädchen im drögen Krimigetriebe zu bunt geworden. Nichts als Katzen- und Regiokrimis, Psychoschmonzetten und Abgrundprosa.

Aber sie sind doch anerkannt, oder? Man attestiert ihnen literarisches Können und gedankliche Tiefe.

Ach was! Genau das ist es doch! Die Kriminalliteratur ist zur Klippschule verkommen! Immer muss man „etwas sagen“, die LeserInnen belehren, in ihren Ansichten bestätigen, ihnen das wohlige Gefühl des Unwohlseins vermitteln! Hören Sie mir doch auf mit diesem Mist! Wenn ich etwas über „Abgründe“ lesen will, greife ich doch nicht zu hölzernen Prosa eines Friedrich Ani, dann lese ich gleich Dostojewski oder Döblin oder wen auch immer! Schund ist Metaliteratur! Sie ist wertfrei, sie steht über den Dingen, sie kümmert sich einen Dreck um das sogenannte Höhere im Trivialen! Sie IST das Triviale, sie bläst frischen Wind durch die Hirne, sie macht einfach Spaß!

Hm. Befürchten Sie aber nicht, dass die etablierte Krimikritik das anders sieht?

Was heißt befürchten? Ich HOFFE es! Die etablierte Krimikritik, das ist ein Haufen Dummschwätzer und Intriganten, Leute, die es „nicht geschafft“ haben und jetzt eine mittel- bis ganz schwere Neurose, wenn nicht gar Psychose mit sich herumschleppen, permanent bedeutungsscheinschwanger, von jedem nach „Abgründ“ riechenden Sätzchen korrumpierbar, mit einem Wort: ziemliche Arschgeigen.

Oha. Dürfen wir das stehenlassen?

Sie müssen! So. Und jetzt muss ich ins Schundbüro. Es gibt was zu feiern. In wenigen Stunden wird O. M. Gotts gewaltiger Schundkrimi „Plausch mit meinem Killer“ käuflich zu erwerben sein, ein Werk ohne Tiefe, nur Oberfläche, aber was für einer! Haben Sie schon bestellt?

Äh… nein, aber ich werde es sofort tun.

Möchte ich Ihnen auch geraten haben.

Interview: Sebastian Siebenlist für „Krimi online“

Advertisements

2 Antworten to “Schund – ein Interview”

  1. DPR! Kürzlich rief mich der Siebenzahl an und wollte wissen, was Du denn „für einer“ bist. Ich hab ihm gesagt, dass Du nach meiner Erfahrung ein höchst umgänglicher, netter Typ bist, einer, mit dem man gern ein Bierchen trinken geht.

    Der Siebenzahl rief gerade wieder an und hinterließ auf meinem Beantworter nur die Mitteilung, ich sei ein „Schwein“.

    • Dieter Paul Rudolph said

      Ja, unangenehmer Charakter, der. Wollte mir irgendwelche Abos für „Internetkrimis“ andrehen. Ich hab ihn rausgeschmissen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: