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Fall und Aufstieg

Posted by Dieter Paul Rudolph - 5. Februar 2013

Nein, das ist mir schon klar: Kriminalliteratur lebt von Stereotypen, von Versatzstücken, der Verwurstung des Ewiggleichen in immer neuen Zusammenstellungen, bis am Ende das Stilmittel der variierten Wiederholung ausgereizt ist und nur noch die Wiederholung selbst bleibt. Krimis sind dazu verdammt, in unregelmäßigen Abständen zu degenerieren, sich durch Inzucht fortzupflanzen, sich zu klonen, bis aus einer Novität endgültig eine Nervität geworden ist und schon die Zurkenntnisnahme des Klappentextes einen solchen Wiedererkennungseffekt zeitigt, dass man gar nicht weiterzulesen braucht und auch nicht kann, weil man schnellstens aufs Klo muss.

Auf meinen Streifzügen durch die Welt der „Indies“, jener Krimiautoren also, die an den Verlagen vorbei selbst ihre Werke publizieren und vorzugsweise als E-Books veröffentlichen, habe ich diesen Prozess des allmählichen Verfalls der gerade angesagten Plot- und Motivlage des zeitgenössischen Kriminalromans ausreichend studieren können. Selten etwa kommt man ohne „Abgründe“ aus. Die Zahl der Protagonisten, die auf Deutsch gesagt in der Psychoscheiße stecken, ist Legion. Immer noch sehr beliebt: Die Ehefrau, die bei einem Attentat, das dem Ehemann galt, ums Leben gekommen ist. Großes Einerlei auch bei den Bösewichten. Sie zelebrieren weiterhin ihre (zumeist Serien-) Morde, sie sind Künstler des Tötens – und natürlich total plemplem.

Das sind dann die Momente, in denen man sich nach den Versatzstücken der Vergangenheit zurücksehnt. Nach netten alten Damen in englischen Dörfern, die ein Händchen für Verbrechen haben, nach unfehlbaren Superdetektiven, die Superverbrecher jagen, deren Motiviation einfach Macht- und Geldgeilheit ist, also wie im richtigen Leben. Irgendwann, kein Zweifel, ist die Psychologie in den Kriminalroman hineingefahren. Nein, nicht die Psyche, das gab es ja schon immer. Die Psychologie in Form eines handlichen Lexikons, durch das sich der Krimiautor, die Krimiautorin blättert, um möglichst dekorative „Abgründe“ aufzustöbern. Mit dem Ödipuskomplex ist es längst nicht mehr getan, auch der Penisneid hat sich als untauglich erwiesen. Immer noch hoch im Kurs steht die Persönlichkeitsspaltung, kurz und falsch auch Schizophrenie genannt.

Die groben Keile also, das Unverdaute, das Plakative, das Sensationelle, unter dem sich Leserlein etwas vorstellen kann, ohne sich etwas vorstellen zu müssen, zum Beispiel das Fragile und Kleinteilige psychischer Handlungen, wo die Normalität nicht nur ins Pathologische kippt, sondern das Pathologische ist. Der Biedermann als Brandstifter, das Grauen des Alltags, kurzum: Jene von Hannah Arendt diagnostizierte Banalität des Bösen. Kein Thema für die Krimis der Indies, keines auch für die der „Profis“ – oder doch, aber man muss schon suchen, um einen Roman zu finden, von dem am Ende mehr bleibt als die plumpe Illustration eines noch plumperen psychologischen Fachbegriffs.

So zieht sie dahin, die zeitgenössische Kriminalliteratur, in perfekter spätrömischer Dekadenz zu ihrer eigenen Karikatur sich fabulierend. Und etwas Neues wird kommen. Etwas Neues wird kommen? Doch, zum Trost: muss wohl. Ist immer so. Lesen Sie sich nur mal durch 150 Jahre Kriminalliteratur.

 

dpr

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2 Antworten to “Fall und Aufstieg”

  1. Ria Klug said

    Wenn man es anders machen möchte, versperrt die eine oder andere Hürde den Weg. So findet sich beispielsweise kein Verlag oder Agent, der einen solchen Text nehmen möchte. Weil sie wissend argumentieren, ‚das‘ ließe sich wohl kaum gut verkaufen. Aber das weißt du Ungratinierter sicher selbst.

    • Dieter Paul Rudolph said

      Ja, aber man kann ganz gut damit leben. Außerdem ist die Herrschaft der Verlage nicht mehr vollkommen. Bestenfalls erwarte ich mir mittelfristig neue, ungebürstete AutorInnen, die zwischen Schund und Kunst alles umkrempeln…

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