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Schund mit Hund. Wie Friedrich Glauser einmal krachend scheiterte

Posted by Dieter Paul Rudolph - 1. Februar 2013

Schund und Glauser? Klingt wie Krimi und Literatur, kann doch nicht sein. Längst zum Säulenheiligen der deutschsprachigen Kriminalliteratur kanonisiert, zugleich der große Leidende des Genres, immer das autobiografische Rauschen im Hintergrund, die Bilder eines verkorksten Lebens als Morphinist und Insasse diverser Verwahr-, Therapier-, Dahinvegetier- und Zwangsarbeitsanstalten, „unser“ Chester Himes gewissermaßen, nicht ganz so alt geworden wie der, das Ganze eben schweizer-deutsch-dimensioniert, aber Schund? Sofort kommen einem die „Hefti“ in den Sinn, hat man den Friseurgehilfen im „Wachtmeister Studer“ vor Augen, wie er die John-Kling-Hefte liest, oder seine Schwester, in Liebesromane vertieft, von beider Mutter nicht zu reden, die diesen Schund in ihrem Bahnhofskiosk verkauft.

Schund. Die einen lesen ihn, die anderen schreiben ihn, nein, nicht Friedrich Glauser, der Säulenheilige der deutschsprachigen Kriminalliteratur! Oder doch? Ja, doch. Man lese nur „Der Tee der drei alten Damen“.

Klären wir zunächst die Bedeutung des Wortes „Schund“, was nicht einfach, um nicht zu sagen, unmöglich ist. Der passende Wikipedia-Beitrag liefert eine Stichworte: „minderwertige Literatur“, „Druckwerke mit deutlich sinnlichem Inhalt“, „Trivialliteratur“, „Trash“. Ob man „pulp fiction“ mit „Schundliteratur“ übersetzen kann, müsste indes diskutiert werden. Berechtigterweise sieht der Beitrag die Anfänge von „Schund“ in jenen Tagen des späten 18. Jahrhunderts, da Lesen kein Privileg der bessergestellten Schichten mehr blieb, sondern auf deren Bedienstete übergriff. „Schund“ ist so von Anfang an ein Herrschaftswort, eine Abgrenzung, eine soziologische Kategorie. Dass diese „minderwertige Literatur“ nicht allein in den Kammern der Zofen, Wäscherinnen und Diener stand, dass sie sich sehr wohl auch, wenngleich aufwendiger gebunden, in den Bibliotheken der Herrschaft finden ließ, wurde gerne verschwiegen.

Mit der Zeit weitete sich das Einsatzgebiet des Wortes aus. Es enthielt nicht nur Standesdünkel und soziale Abgrenzung, es wurde, vor allem in den Wilhelminischen Ära, auch politisch-repressiv und, natürlich, moralisch-repressiv verwendet. Eine neutrale Definition müsste, so sie überhaupt möglich wäre, diese Chiffren ignorieren und „Schund“ mit „Kitsch“ verbinden. Schund wäre demnach alles Unechte, Versatzstückhafte, Epigonale und handwerklich Misslungene.

Aber kann eine solche Definition überhaupt „neutral“ sein? Wohl nicht. Zumal sie einen zentralen Punkt außer acht lässt, den des Bedürfnisses. Verlassen wir für einen Moment die Literatur und wenden uns der populären Musik zu. Diese lebt geradezu vom Versatzstückhaften, von handwerklicher Beschränktheit, vom Epigonalen und Unechten auch. Verglichen mit eine Opernarie etwa muss ein Schlager Schund sein. Oder eine Punknummer. Aber es gibt Bedürfnisse, die solchen „Schund“ populär machen, sei es der vielbeschworene Eskapismus, die Sehnsucht nach dem Heilen, oder, beim Punk, das genaue Gegenteil. Womit aber neue Gräben aufgeschüttet werden. Betrachtet man etwa den Punk als „Jugendkultur“ und Indikator gesellschaftlicher Zustände, besetzt ihn also und zwar zu Recht positiv, behält der Schlager zumeist seinen schlechten Ruf.

Ähnliches lässt sich im Krimigenre beobachten. Offenbar ist es ein Unterschied, ob ein Heftchenautor oder Friedrich Ani ungelenke Sätze schreibt, ein Schreiber von John-Kling-Abenteuern oder – Friedrich Glauser.

Nun geht es in „Der Tee der drei alten Damen“ weniger um ungelenke Sätze als um das „Ganze“, nennen wir es Setting. Glauser, dem es zu Lebzeiten nicht gelungen war, den Roman einer Zeitung oder einem Verlag schmackhaft zu machen (er erschien erstmals 1940), nannte ihn selbst „einen Schundroman mit Hintergründen“. Auch die Kritik ist sich weitgehend einig: „Glausers erster Roman hält dem Vergleich mit den späteren Studer-Krimis nicht stand.“ (http://www.hr-online.de/website/rubriken/kultur/index.jsp?rubrik=42958&key=standard_rezension_43856593) „Als Glauser Geld brauchte, schrieb er seinen ersten Krimi – und gleichzeitig eine Parodie auf dieses Genre.“ – schreibt selbst der Verlag, bevor er versucht, dem Ganzen doch etwas „Seriöses“ abzugewinnen. (http://www.unionsverlag.com/info/title.asp?title_id=1751) Und die im Ganzen wohlwollende Kritik des Krimicouch-Rezensenten schränkt ein: „dass die Kriminalgeschichte selber leider nicht so spannend gestrickt ist und die Verstrickung dreier alter Damen in die Handlung ein wenig an den Haaren herbeigezogen wirkt. So ist Glausers erster Kriminalroman sicherlich noch nicht als großer Wurf, wohl aber als gefällige Lektüre zu bezeichnen.“ (http://www.krimi-couch.de/krimis/friedrich-glauser-der-tee-der-drei-alten-damen.html)

 

Eine wirre Handlung. In Genf wird der Sekretär eines englischen Diplomaten vergiftet, brisante Akten verschwinden. Zur Klärung des Falls beordert man Simpson Cyrill O’Key, Journalist und Geheimagent in die Schweiz, wo abermals ein Mensch auf mysteriöse Weise an Gift stirbt, diesmal ein dubioser Apotheker. O’Key verliebt sich in die Psychiaterin Madge Lemoyne, die ihrerseits eigentlich mit jenem jungen Arzt befreundet ist, der den ermordeten Sekretär behandelt hat sowie einen Hund namens Ronny, einen „Airdailer“ ihr eigen nennt, was normalerweise in Kriminalromanen, wenn sie nicht gerade „Der dünne Mann“ heißen, nicht von Bedeutung ist, hier aber schon. Eine wichtige Rolle spielt auch ein berühmter Professor, Experte u.a.für Halluzigene und selbst Morphinist. Nach und nach bevölkert weiteres Personal den Roman. Ein russischer Agent namens Baronoff oder „Nummer 72“ samt Helferin, drei einheimische Brüder, einer Arzt, einer Anwalt, der dritte Schüler und in die Helferin des Agenten verliebt, ein Genfer Staatsrat, ein Staatsanwalt – und drei alte Damen, die gerne Tee trinken. Irgendwann taucht ER dann auf, der „Meister“, bei dem natürlich die Fäden zusammenlaufen.

Das klingt nach einem turbulenten Kriminalroman – und nach Schund. O’Key kommt als pfiffiger Superagent daher, es wabern die Geheimnisse, ein Fall von Massenhysterie sorgt für Aufregung, alle haben irgendwie und irgendwo einen „Abgrund“, Drogen und ihre manipulative Kraft sind das zentrale Thema.

Glauser und Drogen, da klingelt es natürlich. Sofort wird „Der Tee der drei alten Damen“ autobiografisch, was ihn am eigenen Erzählschopf aus dem Schundsumpf zu ziehen scheint. Achtung, wir fahren wieder auf der Literaturschiene, es steckt eben „mehr dahinter“, die von Glauser selbst ins Spiel gebrachten „Hintergründe“, der Schund ist nur die Verpackung. Aber was steckt dahinter? Dass ein Drogensüchtiger über Drogen schreibt, kann kaum als literarische Leistung durchgehen, zumal Glauser nicht wirklich über Drogen schreibt, sondern sie als Transportmittel für seine krude Geschichte verwendet. Da gibt es jenen angeblich weltberühmten alten Professor, dem seine Studenten an den Lippen hängen – und kein Mensch weiß warum. Worin bestehen seine akademischen Meriten? Glauser sagt es uns nicht. Was hat er mit dem Fall des toten Sekretärs zu tun? Glauser sagt es uns – und wir wenden uns mit Grausen ab. Eine solche Story dürfte sich kein staatlich anerkannter Schundautor ausdenken. Indes: Der Mann ist ein Junkie, kein besonders arrivierter, aber immerhin. Irgendwie kennt er „die Wahrheit“, so wie einige andere auch die Wahrheit kennen und zu raunen beginnen. Überhaupt: O’Key ist nicht wirklich ein Detektiv. Ihn leiten dieses Raunen und der Zufall.

Aber O’Key ist dennoch eine interessante Figur, weil seine anfängliche Super-Detektiv-Pose nach und nach in sich zusammenfällt. Auch seine Liebste Madge macht eine erstaunliche Wandlung durch. Sie startet als Femme Fatale, als ein Musterbeispiel von früher Emanzipation und endet als, nun ja, reichlich verwirrtes Frauchen. Ein Frauchen, das einmal verschwindet, offensichtlich entführt wird (so ganz klar wird das aber nicht), und jetzt kommt Ronny, der putzige Airdaler ins Spiel. Er läuft O’Key über den Weg und führt ihn schwanzwedelnd zu einem merkwürdigen Haus. Das ist Lassie pur. Ronny kann zwar nicht reden wie Mr. Ed, das sprechende Pferd, aber denken kann er anscheinend – und Glauser sagt uns, wie Ronny denkt. Putzig eben. Spätestens hier müsste man das Buch zuklappen. Mehr Schund geht nicht.

Geht aber doch. Denn es gibt ja noch ihn, den „Meister“, den Oberbösewicht, ohne den Schund nicht funktionieren kann. Etwa fünfzig, sechzig Seiten vor dem dramatischen Finale fällt Glauser ein, dass er diesen Meister peu à peu für seinen großen Auftritt präparieren muss. Bisher nämlich hat er im Roman nur eine Nebenrolle gespielt. Man erfährt lediglich, dass er anonym mit seinen Helfershelfern und Opfern kommuniziert, eine hölzerne Maske trägt und scheinbar Leute vergiften lässt, um sich finanziell zu bereichern. Die Helfershelfer sind jene drei alten Damen, die im Roman ebenfalls nur Nebenrollen spielen. So wie eigentlich, nimmt man es genau, alle auftretenden Personen nur Nebenrollen spielen, psychologisch völlig uninteressant sind, unter Aspekten von Logik völlig abstrus… Nein, aufhören, es geht nicht mehr. Wir müssen uns korrigieren. „Der Tee der drei alten Damen“ ist kein Schund, da würde man dem Schund Unrecht tun, jedenfalls dem, der von routinierten Autoren fabriziert wird, Autoren, die genau wissen, wie sie die groben Versatzstücke zu arrangieren haben und die Subgenres geschickt zu mischen. Als da wären: Agentengeschichte, Verschwörungsgeschichte, Liebesgeschichte, Politthriller (nebenbei geht es um einen indischen Maharadscha, der Opfer seiner englischen Kolonialherren wird, weil er ziemlich viel Öl vor der Hütte hat), Tiergeschichte (Ronny!) und und und.

Es ist Held O’Key selbst, der das ganze Dilemma auf den Punkt bringt: „Aber Herr Staatsrat, ich bitte Sie, erklären Sie mir, wie Sie indische Petroliumquellen, amerikanische Missionare als Delegierte der Standard-Oil, Geheimagenten der Sowjets, basilidianische Gnosis, Giftpflanzen, Hexenrezepte, indische Maharajas, an lebendem Material experimentierende Psychologen, verschwundene Psychiatrinnen, als irrsinnig eingelieferte harmlose Menschen, den Meister der goldenen Himmel mit dem Holzgesicht, gestohlene und wieder auftauchende Mappen, und zum Schluß noch teetrinkende alte Damen unter einen Hut bringen wollen!“

Äpfuuuh“, kann der Gefragte nur antworten – und der Leser schließt sich an. Oder unterschreibt einen späten Ausruf des verwirrten Professors: „Ich weiß nicht mehr. Es geht alles durcheinander in meinem Kopf.“

Mit einem Wort: Der große Friedrich Glauser ist, nach anscheinend mehrjähriger Schreibarbeit, am Schund gescheitert. Wie kann das sein? Besitzt Schund etwa Qualitäten, für die es eine Art Talent braucht? Oh ja. Und Glauser besitzt dieses Talent ganz offensichtlich nicht. Das Ganze taugt nicht einmal als nettes Sittengemälde der Genfer Upper Class oder schrulliges Porträt einiger älterer Damen, die im Drogenrausch zu willfährigen Werkzeugen des Bösen werden. Nicht eine auch nur annäherend interessante Figur bevölkert den Roman, aber auch keine, die den Gesetzen des Schund folgend holzschnittartig genug wäre, um uns wenigstens das unschuldige Vergnügen eines Déjà Lu zu bereiten.

Was lernen wir? Schund ist eine Spielart von „Krimi“, die man genauso beherrschen muss wie das Schreiben der sogenannten „anspruchsvollen“ Kriminalromane. Und nein, „Der Tee der drei alten Damen“ ist keine Parodie auf Schund. Mag sein, dass Glauser irgendwann gemerkt haben muss, wie sehr er sich verzettelt und das vorgeblich so windig-leichte Genre unterschätzt hat. Aber selbst als Parodie taugt der Roman wenig. Vielleicht als Parodie der Parodie, mag sein. Aber lesen Sie das Buch ruhig. Irgendwie macht es nämlich doch Spaß.

dpr

 

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Eine Antwort to “Schund mit Hund. Wie Friedrich Glauser einmal krachend scheiterte”

  1. […] https://krimikulturarchiv.wordpress.com/2013/02/01/schund-mit-hund-wie-friedrich-glauser-einmal-krach… […]

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