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Kitsch, Kunst, Studer

Posted by Dieter Paul Rudolph - 30. Januar 2013

Vor fast genau einem Jahr habe ich mich ausführlich mit Friedrich Glauser und seinem Wachtmeister Studer beschäftigt, wobei der Aspekt „Kitsch“ eine besondere Rolle spielte. Da ich gerade etwas über „Glauser und Schund“ schreibe, hier zur Einstimmung noch mal dieser Artikel.

 

Klassiker Glauser

studer_greteler.jpgDie Wachtmeister-Studer-Romane Friedrich Glausers gehören seit den siebziger Jahren zum Inventar einer im Nachhinein gezimmerten Tradition der deutschsprachigen Kriminalliteratur. Anlass dieser „Wiederentdeckung“ war vor allem eine Reihe von TV-Verfilmungen, in deren Gefolge man diesen in mancherlei Hinsicht merkwürdigen Autor aus dem großen Vergessen zurückholte. Inzwischen ist nicht nur ein Krimipreis nach ihm benannt, er gilt vielen gar als DER Kirchenvater der deutschsprachigen Kriminalliteratur, das Pünktchen, mit dem „Krimi als Schund“ endet und „Krimi als Literatur“ beginnt.

Über die in einer solchen Annahme versammelten Trugschlüsse sei an dieser Stelle nicht weiter ausgeholt. So viel: Es gab ernstzunehmende Kriminalliteratur VOR Glauser und es gab sie danach. Glauser ist auch kein „Glied der Kette“, denn wo keine Kette, da kann es keine Glieder derselben geben. Er ist ein singuläres Phänomen, unbeleckt von „Krimitradition“ und selbst mitnichten jemand, dem man bis zu seiner Renaissance größere Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Dennoch zählt er im Guten wie im Schlechten zu den Klassikern, ein von der Geschichtsschreibung in Stein gehauenes Denkmal mit der potentiellen Kraft, neu zum Leben zu erwachen – und die Gründe dafür liegen auf der Hand.

Studer_glauser.jpgDenn Glauser war in den siebziger / achtziger Jahren genau der Mann, auf den der hiesige Krimi- und allgemein Literaturbetrieb wartete. Krimis über einfache Leute aus der Provinz und eine reaktionäre Obrigkeit, ein Protagonist auf der Seite der Entrechteten, selbst am Establishment („die Bankenaffäre“!) zerbrochen und trotz allem widerborstig, eigensinnig, eine Autorität qua Charakter. Besonders interessant: Glausers eigenes Leben war das eines Entrechteten, eines vielfach missbrauchten, selbstzerstörerisch agierenden Menschen, der die Leidensorte seiner Romane – Besserungsanstalten, Irrenhäuser, Zuchthäuser, Amtszimmer – aus eigener Anschauung kannte, in einer sehr willkommenen Sinne also „authentisch“ war.

Eine Interpretation der Werke Glausers gerät ob des bereits festgefügten Bildes beinahe automatisch in die Gefahr einer eingleisigen Erkundung der Texte. Abfahrtsort ist gewissermaßen immer der selbe Bahnhof, eine Reise durch soziobiografische Landschaften mit Querverweisen Autor/Werk. Gegen ein solches Vorgehen lässt sich nichts einwenden. Es ist naheliegend und lohnend und daher legitim. Aber ist es auch das einzig praktikable?

Ich habe im Folgenden versucht, mich Glausers erstem Studer-Roman („Wachtmeister Studer“, 1936, jetzt als „Schlumpf Erwin Mord“ im Handel) von seiner handwerklich-dramaturgischen Seite zu nähern. Der soziobiografische Ansatz ist bekannt genug. Wer sich über die Verbindung von Autor und Werk informieren will, sei an Frank Göhres „Mo – Der Lebensroman des Friedrich Glauser“ verwiesen, in dem sich Göhre dem Thema kollegial nähert.

 
Einer spielt immer mit

Auftritt Wachtmeister Studer. Bereits die erste Szene des Eröffnungskapitels lässt keinen Zweifel aufkommen, wer in diesem Text die Fäden ziehen wird. Studer schneidet den Mordverdächtigen Erwin Schlumpf vom Strick und bringt ihn damit nicht nur ins Leben zurück, sondern notwendigerweise auch in die Geschichte hinein. „Einer will nicht mehr mitmachen“ ist das alles übertitelt, doch Studer allein bestimmt über das Mitmachen. Schon hier begegnen wir einem zentralen Begriff des Textes: mitmachen, mitspielen.

Es ist ein geradezu paradigmatisches Expositionskapitel, mit dem wir es hier zu tun haben. Neben ersten Informationen zum Sachverhalt selbst formt Glauser seinen Protagonisten und die Rolle, die er zu spielen hat. Nach seiner Rettungsaktion wird der Wachtmeister zum Untersuchungsrichter zitiert, der die Vorladung überbringende Gefängniswärter „grinste unverschämt“, ist doch ein Zusammenstauchen des eigenmächtigen Polizisten zu erwarten. Die obere Charge nimmt sich die untere kräftig zur Brust, doch es kommt anders. Glauser entwirft Studers Charakter gleich in doppelter Ausführung. Einmal präsentiert er ihn uns als einen vom Schicksal und seinen Helfershelfern degradierten Menschen, der es in der „Bankenaffäre“ mit den Großen aufgenommen und verloren hat, dennoch eigensinnig seinen Weg geht, unkorrumpierbar und jenseits des bürokratischen Procederes. Das ist sozusagen die gewinnende Seite Studers, jene gerne genommene und auch wichtige Sympathieträgerschaft, mit deren Hilfe man Leser einfängt.

Zum anderen jedoch ist Studer der Menschenfänger, der, indem er sich selbst inszeniert, andere zu inszenieren versteht und damit auch das Stück, in dem man gemeinsam agiert und das sich „Krimi“ nennt. Der Ermittlungsrichter ist jung und noch unerfahren, ein gefundenes Fressen für Studer, der zudem ganz genau zuhört, jedes Wort praktisch hin und her wendet und bei Bedarf gegen seinen Sprecher richtet. „Nicht einmal, nein, dreimal das Wort Kompetenz… Studer war im Bild. Das trifft sich günstig, dachte er, das sind die Bösesten nicht, die immer mit der Kompetenz aufrücken. Man muss nur freundlich zu ihnen sein und sie recht ernst nehmen, dann fressen sie einem aus der Hand…“ Der so charakterisierte Untersuchungsrichter scheitert seinerseits bei der Einschätzung Studers: „Ein ungemütlicher Mann, dachte der Untersuchungsrichter. Er war nervös wie seinerzeit beim Staatsexamen. Vielleicht war dieser Wachtmeister für Schmeichelei empfänglich…“

Ist Studer natürlich nicht, aber er ist eben auch nicht ungemütlich, er macht es nur anderen ungemütlich. Dem Untersuchungsrichter gelingt es nicht, des Wachtmeisters Spiel zwischen Devotheit und Herrschaftsausübung zu durchschauen. Da ist ein kleiner Beamter, aber er ist gleichzeitig der dominante Lenker, er fordert den Staatsanwalt heraus, indem er zum Beispiel seine stinkenden Brissagos raucht, bläst ihm aber, wenn es opportun erscheint, auch gerne Zucker in den Hintern. Studer kann zudem väterlich sein, was der arme Schlumpf schon erfahren hat, ein zärtlicher, bisweilen auch rauer Vater. Er brilliert schon in diesem ersten Kapitel mit viel Sachverstand, erkennt Schwächen in der Faktenlage, jedoch: Das bräuchte er eigentlich gar nicht, um an Schlumpfs Unschuld zu zweifeln. Er ist von Anfang an überzeugt davon, dass es anders war als das, was in den Akten steht. Nicht diese Fakten bestimmen das Spiel, Studer bestimmt es. Er führt Regie.

Die Nähe Studers zu Simenons Maigret, von Glauser selbst als Einfluss preisgegeben, ist offensichtlich. Doch so wenig das weltstädtische Paris und das eher gemütlich provinzielle Berner Umland miteinander zu vergleichen sind, so gravierend sind die Unterschiede im Gestus der Protagonisten. Beide, das haben sie gemeinsam, lesen das Milieu, in dem das Verbrechen geschehen ist und sich die Beteiligten bewegen. Studer indes scheint aktiver, er liest nur nicht, er schreibt auch selbst. Mag Maigret seine Inspektoren dirigieren, Studer dirigiert die Story, er spielt mit ihr.

Dieses Spielerische wird uns durch das Buch begleiten, ebenso die von Glauser häufig gesetzten drei Punkte …, deren Bedeutung uns später noch beschäftigen soll. Ebenfalls angedeutet wird der wie ein roter Faden durch die Handlung gezogene Konflikt zwischen der intellektuellen Bewertung von Spuren / Indizien und Studers geradezu unheimlichem „Bauchgefühl“. Eines ist jetzt schon klar: Studer ist ein Mann der Zuhörens, ein Mann der Sprache, der diese wie ein sorgfältiger Autor gebraucht und zur Kenntnis nimmt, „falsche Sprache“ sofort erkennt und, wie man so sagt, zwischen der Wahrhaftigkeit des Wortes und seiner romanhaften Verwendung unterscheiden kann. DAS ist der entscheidende Punkt.

 


Gritlis Jodeln

Studer_rose.jpg„’Gerzenstein, das Dorf der Läden und Lautsprecher’, murmelte Studer, und es war ihm, als sei mit diesen Worten ein Teil der Atmosphäre des Dorfes charakterisiert…“ Gerzenstein, der Tatort, an dem Wendelin Witschi, der hausierende Geschäftsmann, zu Tode kam, ist ein Kitsch- und Schunddorf. Schon als Studer im Zug nach Gerzenstein sich über das junge Mädchen mokiert, das einen Roman von Felicitas Rose liest (das junge Mädchen ist Sonja Witschi, Schlumpfs Geliebte und Wendelins Tochter, wie wir bald erfahren), formt sich das Bild des Ortes. Sonjas Mutter, die Kioskbetreiberin, verschlingt ja auch Romane und später begegnen wir einem Friseurgehilfen, der sich einen „John Kling“-Heftroman reinzieht, „Das Geheimnis der roten Fledermaus“. All das mag Studer nicht, „weil seine Frau früher solche Geschichten gelesen hatte – nächtelang – dann war am Morgen der Kaffee dünn und lau gewesen und die Frau schmachtend. Und schmachtende Frauen am Morgen…“

Billige Romanheftchen pflastern Studers Weg, im Hause Witschi líegen sie überall herum, und als der Ermittler in einem blättert, stößt er zufällig auf diese Stelle: „Und wir, Sonja, mein süßes Lieb, mein holdes Weib – wir werden glücklich sein…“. Wen gab es zuerst? Die Romanfigur Sonja Witschi oder die Romanfigur im Kitschroman?

Aber diese Romanhefte haben es in sich. Wer sie abonniert, schließt gleichzeitig eine Versicherung ab, „bei Ganzinvalidität oder Tod zahlen wir aus“, der Witschi stand kurz vor dem Bankrott. Sollte er Selbstmord begangen haben, um seine Familie abzusichern, sollten ihm die Schundhefte dabei geholfen haben, gäbe es ohne sie gar keinen Fall Witschi und, logische Konsequenz, keinen Text „Wachtmeister Studer“?
Erwähnen wir noch, dass auch der Schlumpf seinen „John Kling“ liest, auch obskure Titel wie „Unschuldig schuldig“ konsumiert. Damit nicht genug. Kaum ist Studer in Gerzenstein angelangt, hört er Musik, den Deutschmeistermarsch. Aus allen Lautsprechern dröhnen Nachrichten, jodelt „das Gritli Wenger“. Später, als Studer im Hotel zu Mittag isst (es schmeckt ihm nicht), wird er Zeuge einer weiteren kitschigen Begebenheit, als „die Saaltochter“ ihren Liebsten anschmachtet (auch ein Witschi, Sonjas Bruder) und ihm Geld zusteckt. Die Gritliwengerisierung des Ortes wird vollkommen, als Studer im Gasthaus „Bären“ einkehrt und beim Gerede der Wirtin den Eindruck hat, „das Gritli Wenger jodeln zu hören“.
Und das alles stülpt sich wie eine Glocke über das, was uns von den Witschis und ihrem Ort bereits bekannt ist, hier staut sich die Luft zum Mief, in dem sich eine Familientragödie abspielen wird, so viel ist schon klar.

Vom Anfang bis zum Ende wird uns Glauser darauf hinweisen, mit welchem Phänomen sein Studer zu kämpfen hat, um die eigene Inszenierung zu installieren. Er muss sich gegen die allgegenwärtige Selbstinszenierung des Gerzensteiner Personals durchsetzen, gegen die falsche Sprache. Zugleich hilft ihm – zunächst jedenfalls – die Diagnose dieser falschen Sprache, um allmählich zur Wahrheit jenseits der Schundhefte und des Radiogeplappers vorzudringen. Da wäre etwa der Lehrer Schwomm, der sich als Zeuge anbiedert und in blütenreinem Groschenromandeutsch schildert, was er gesehen hat. Studer weiß sofort: Wer so redet, hat etwas zu verbergen. Dazu spielt die „Convict Band“, sämtlich vorbestrafte Arbeiter des Gärtners Ellenberger, zum Tanz auf. Nichts als Beschallung und falsche Töne in Gerzenstein, jenem Dorf, das nur aus Läden zu bestehen scheint, und Studer fragt sich, wo denn die Bauern geblieben sind? Es gibt sie wohl, aber sie werden nicht sichtbar, nicht der Ursprung, sondern seine Vermarktung stehen im Vordergrund, so wie nicht Gedanken und Gefühle ausgesprochen werden, immer nur ihre Verkitschung.

Studer aber sucht nach den Ursprüngen, bevor sie von minderer Kunst verunstaltet wurden. Sehr deutlich wird dies in einer Szene beim Untersuchungsrichter, in der Studer die Unschuld des Schlumpf endgültig beweist und sich über die Verhörprotokolle mokiert, in denen die Ausführungen Schlumpfs offensichtlich vom Schreiber verfälscht und in merkwürdig verdrehten Formulierungen festgehalten wurden. Der Wachtmeister hat eine Alternative : „’Ja, sehen Sie, Herr Untersuchungsrichter, das scheint mir immer ein großer Fehler. Ich würde die Worte des Angeklagten sowohl, als auch der Zeugen, nicht nur stenographieren, sondern die Worte auf Platten aufnehmen lassen. Man bekäme dann jeden Tonfall heraus…’“

 
Der verachtete Bruder

Auf einer von solchen Feineinstellungen losgelösten Inhaltsebene funktioniert „Wachtmeister Studer“ als herkömmlicher Kriminalroman. Erfahrung und kriminalistische Kompetenz lassen Studer Indizien bewerten, Spuren auswerten, Schlüsse ziehen. Kommt ihm der Verdacht, unprofessionell agiert zu haben, verfolgen ihn diese angenommenen Verfehlungen bis in den (Alp-)Traum. Trotz dieser rationalen Methodik bedeutet ihm aber ein kernig negatives „Chabis!“ des Kollegen Murmann allemal mehr als jeder Tatsachenbeweis. Hält Murmann den Schlumpf für unschuldig, dann ist er es auch, basta.

Studer_kling.jpgImmer schlagen zwei Seelen in Studers Brust. Er ist Inszenator und Teil der Inszenierung, er verachtet Groschenromane und weiß doch, dass sie die Larve vor einem „wahren Gesicht“ sind, das man ohne sie nicht freilegen kann. Er bedient sich Sherlock-Holmes’scher Deduktionskraft und gibt nicht sonderlich viel auf ihre Resultate, er sucht das Echte, das Unverfälschte und findet es nur im Falschen, Manipulierten. Was bezweckt Glauser damit? Warum schreibt er überhaupt Kriminalromane? Lassen wir ihn selbst zu Wort kommen: „Sie rümpfen die Nase wegen meiner Beschäftigung mit dem Kriminalroman. Erlauben Sie, daß ich mich ein wenig verteidige… Mein Ehrgeiz strebt nicht danach, von Literaturbonzen ernst genommen zu werden. Ich möchte die Leute erwischen, die Courths-Mahler lesen oder John Kling.“ So hätte auch Studer selbst seine Methode verteidigen können, nicht die Anerkennung der Mächtigen ist ihm wichtig, sondern die Konfrontation der „kleinen Leute“ mit dem, was unter den Masken des Schunds und der Berieselung, der ständigen „Verwertung“ zu Ungunsten des originär Produzierten liegt. Ein weiteres Glauser-Zitat: „Wenn es uns gelingt, Sympathien und Antipathien im Leser zu wecken für unsere Geschöpfe, für die Häuser, in denen sie wohnen, für die Spiele, die sie spielen, für das Schicksal, das über ihnen schwebt und sie bedroht oder ihnen lächelt? Das alles tat früher der ‚Roman’ schlechthin, das Kunstwerk. Wäre es nicht eine lohnende Aufgabe für uns, ihm wieder Leser zuzuführen durch seinen verachteten Bruder, den Kriminalroman?“

In diesem Sinne wäre also „Wachtmeister Studer“ ein Kunstwerk, aber eben auch „künstlich“, so falsch wie der Schund. Studer inszeniert, Glauser inszeniert, und wenn der Autor sein Geschöpf davon träumen lässt, „die Worte auf Platten aufnehmen zu lassen“, also explizit „Authentizität“ an die Stelle der Bearbeitung zu setzen, dann ist das nichts weiter als die Formulierung eines Dilemmas. Studer braucht das Unechte der Worte, um dahinter das Echte zu finden, Glauser, der Autor, braucht die künstlerische Bearbeitung Schund, der längst „Wahrheit“ geworden ist, um eine andere, außerliterarische Ebene zu eröffnen: das Leben der Leserschaft selbst.

Das ist nun kein Exklusivproblem der Kriminalschriftstellers Friedrich Glauser. Als „Wachtmeister Studer“ Mitte der Dreißiger Jahre entsteht, erfreut sich Kriminalliteratur nicht nur längst größter Popularität, sie ist in einem beinahe folkloristischen Sinne auch bei Vertretern der „E-Literatur“ angekommen. Bloch oder Brecht, Döblin oder Tucholsky, sie alle schätzen den Krimi als Widerpart bürgerlicher Kunst, aber die Haltung kommt arrogant daher, sie kann sich den Krimi nicht als neues Vehikel literarischer Ambitionen vorstellen. Eine Attitüde, die sich bis heute fortgepflanzt hat und etwa in der völligen Ignoranz sichtbar wird, die man den Bemühungen gerade in den 20er und 30er Jahren entgegenbringt, das alte Krimimuster aufzubrechen, es etwa mit neuen medialen Möglichkeiten zu kombinieren.

Ende Exkurs, zurück zu Studer und seinen Bemühungen, hinter der Maske des Unechten das Echte zu erblicken. Im großen Finale des Krimis, der Begegnung mit dem Gemeindepräsidenten Aeschbacher, einem Verwandten des Ermordeten, hat der Wachtmeister sein Ziel erreicht. „War nicht ein ganz leichter Sprung in Aeschbachers Stimme? Sie klang zwar noch immer wie die Stimme des Ansagers von Radio Bern, aber etwas hatte sich an ihr verändert. Oder, dachte Studer, bin ich auf einmal hellhörig geworden? Das Fieber? -“ Aus dem sinistren Großkopfeten wird ein schwacher Mensch, alles Künstliche fällt von ihm ab. „Jetzt eine Platte haben! Dachte Studer, und das Gespräch aufnehmen!“

Doch was wäre damit gewonnen? Jene vollständige Authentizität, die doch gerade Gift sein muss für Studer, weil sie ihn der Möglichkeit enthöbe, hinter dem Falschen das Richtige zu erkennen? Überhaupt: Was heißt „Vollständigkeit“?

 
Punkt, Punkt, Punkt

Wer seine Gedanken mit drei Punkten beendet, wie es in „Wachtmeister Studer“ ständig geschieht, animiert den Leser, das Unvollständige zu vervollständigen. Vielleicht, weil es zu offensichtlich ist, um expliziert zu werden, kann sein, es schickt sich auch nicht. Auf jeden Fall macht Glauser, indem er die Phantasie der Lesenden animiert, diese zu Mitautoren. Denn wer Romane liest, schreibt immer auch daran mit. Und wer einen Roman inszeniert wie Studer, tut dies sowieso. Es gibt eine bezeichnende Szene – nicht die einzige, aber die eindringlichste – in der Studer zum Autor wird. Beim Zusammentreffen mit Witschis Frau überkommt ihn eine Vision, „eine Sturzflut aus Wörtern ergoß sich über ihn“, er imaginiert eine Szene am Küchentisch der Familie, Frau und Sohn reden auf den Alten ein, sich mit einer Schusswunde zum Invaliden zu machen, die Versicherung zu kassieren, nur Sonja sitzt sprachlos und weinend dabei. Wörter, also, Literatur, und sie zeichnen die Atmosphäre genau: „Witschi schweigt, Müdigkeitsfalten liegen um seinen Mund, auf seiner Stirn. Ununterbrochen schwatzt die Frau. Sie klagt. Er sei schuld, nur er allein.“

Solche Einschübe als Aktivierung eigener Vorstellungskraft legt Glauser seinen Lesern permanent nahe. Manchmal markieren sie lediglich die Rhetorik in Studers Denkvorgang, etwa wenn auf ein „Obwohl…“ sogleich die Begründung dafür geliefert wird. Häufiger jedoch verdichten sie ein Bild, weisen den Leser darauf hin, einer eigentlichen Nebensächlichkeit komme größere Bedeutung zu. „Die Frau Witschi, die im Bahnhofskiosk hockte und Romane las…“ Wer dies liest, möchte jedenfalls vollenden, muss selbst nach Wörtern suchen. Der Roman bleibt somit bei aller Abgeschlossenheit ein Fragment, das ohne die Phantasie der Leserschaft nicht rund werden kann, und auch das ist ein deutlicher Hinweis auf jene Heftchenromane, deren Qualität ja gerade darin besteht, dass sie lediglich das Tor in ein Fluchtgebiet öffnen, es aber der Phantasie der Lesenden bedarf, durch die Tor einzutreten.

Tatsächlich tritt das Personal nicht fix und fertig gearbeitet aus dem Text, um sodann jene allseits beliebte Charaktertiefe zu erreichen, die man irrtümlicherweise für ein Gütesiegel von Literatur hält. Einige der Hauptpersonen werden von Studer zunächst völlig falsch eingeschätzt und erst am Ende der Inszenierung zu in ihrer Widersprüchlichkeit dreidimensionalen Objekten. Der Gemeindepräsident Aeschbacher, auch Witschis Witwe, deren Vornamen Anastasia Studer im Voraus errät, weil er zu den von ihr gelesenen Romanen passt, selbst aus Armin Witschi, dem leichtlebig-rotzigen Bruder wird schließlich ein armes Hascherl. Andere wie der Gärtner Ellenberger bleiben bis zum Schluss diffus, er ist überhaupt die neben Studer interessanteste Figur des Textes, ebenfalls Inszenator und Inszenierter. Das Liebespaar Schlumpf / Sonja hingegen entspricht in seiner Langweiligkeit exakt dem Schema von Heftchenromanen. Insgesamt: Viele Pünktchen, viel Stoff für Leser, die, wen wunderts, gar nicht anders können, als zu kleinen Studers zu werden, zu Treibenden und Getriebenen.

 
Schlussfolgerungen

Die Inszenierung als Leitmotiv, ihr beständiges Pendeln zwischen den Polen Kitsch und Wahrhaftigkeit, bei dem jedes Mal ein Stück des Extrems mit sich geführt und dem anderen Extrem angehaftet wird, die dadurch erreichte Transzendenz des Textes, dessen Standort sich auflöst, der nicht mehr einfach „nur Roman“ ist, immer wieder den „Roman im Roman“ als eine höhere Wirklichkeit hervorbringt, der Dauerkonflikt Kopf / Bauch, Logik / vage Eingebung – all das perforiert den soliden Boden, auf dem „Wachtmeister Studer“ als Krimi funktionieren muss und es auch tut. So betrachtet, ist der Text ein Krimi auf der Höhe der allgemeinen literarischen Entwicklung, die sich vom Narrativen beschreibender Chrono-Logik entfernt, eine poröse Story gefangen in der Zwangsjacke des Genres, was ihre Beweglichkeit herausfordert. Sie wird sich nicht befreien können. Aber genau das darf sie auch nicht, sonst wäre sie tatsächlich nichts weiter als – Schund. Und den findet man bekanntlich nicht nur in billigen Heftchen.

dpr

 

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