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Über das Thema hinaus. L.R. Carrinos „Der Verstoß“

Posted by Dieter Paul Rudolph - 23. Januar 2013

t2Wer es sich zur Angewohnheit gemacht hat, den Verkaufspreis eines Buches durch die Anzahl seiner Seiten zu teilen, wird natürlich „Abzocke!“ schreien. 124 Seiten, davon 35 für einen länglichen akademischen Aufsatz zu Text und Thema, das ist starker Tobak. Nun sind solche Zahlenspiele aus mancherlei Gründen, auch ökonomischen, blanker Unsinn, was jeder Leser, der sich durch 500 dröge Seiten für 9,99 gequält hat, bestätigen wird. Das Gewicht der Inhalts ist die einzige literarische Kennziffer von Belang und da entpuppt sich L.R. Carrinos „Der Verstoß“ als Schwergewicht, als „Noir“, der seine ernüchternden Erkenntnisse über den eigentlichen Gegenstand hinaus verbreitet. So wie es sein soll.

Ich gebe zu, dass mir Mafia-Sagas zum Halse heraushängen. Was man über Mafia und verwandte Organisationen wissen muss, das weiß man inzwischen, spannend allein die jeweils aktuelle Rolle im weitaus komplexeren „organisierten Verbrechen“. Schon unter diesem Aspekt entpuppt sich der schmale Text als Wohltat. Er ist ein Ausriss gewissermaßen, keine umständliche Chronik des Ganzen, sondern die Konzentration auf einen bislang ignorierten Umstand, den „schwulen Mafioso“. Giovanni, Sohn eines Camorra-Chefs, verheiratet, ein Sohn, liebt Salvatore, den Buchhalter des Clans. Ihre Treffen erfolgen heimlich, denn sie sind lebensgefährlich. Nicht nur weil Giovanni die Ehre der Familie beschmutzt. Schwul zu sein gefährdet das Selbstbild der Organisation, deren Vorstellungen von Männlichkeit Homophobie geradezu bedingen.

Das Interessante an Giovanni ist nicht sein Schwulsein, vielmehr die Tatsache, dass es neben seinem tradierten Mann-Sein existiert. Giovanni ist ein Gangster, ein Mörder und in diesem Zusammenhang so homophob wie alle seine Kollegen. Und er ist schwul. Diesen Widerspruch belegt Carrino durchgängig, vor allem dann, wenn Giovanni und Salvatore zusammen sind und sich Sexualität und Gewalt, Lust und Abscheu, kurz: Liebe und Hass ineinander verschränken, untrennbar agieren.

Der Text konzentriert sich wie gesagt auf diesen einzigen Aspekt und schildert die letzten Tage bis zur Katastrophe. Denn Giovannis und Salvatores Geheimnis ist keines mehr, Giovanni eliminiert zwar noch alle Mitwisser, dem Schicksal indes vermag er nicht zu entrinnen.

Obwohl wir also in „Der Verstoß“ wenig über Mafiastrukturen und -denkweisen erfahren, sind sie doch in den Taten allgegenwärtig. Die betrogene Ehefrau, selbst ein in sich gespaltenes Wesen, der Vater / Clanchef, dessen Leitbuch Dantes „Göttliche Komödie“ ist, nach der Bibel, versteht sich. Wieder dieses offenkundig Unvereinbare traulich vereint. Überhaupt sind die Zusammenhänge zwischen der Homophobie der Mafia und der Homophobie der katholischen Kirche evident (was auch im ausführlichen Aufsatz von Christian Gabriele Moretti erwähnt wird), zwischen den Zwängen einer Ideologie und den triebhaften Bedürfnissen des Individuums. Das hebt diesen Text über sein konkretes Thema und macht ihn schwergewichtig. „Der Verstoß“ ist kein Mafia-Sittengemälde mit Schwulen (was ziemlich langweilig wäre), es transportiert seinen Konflikt auf eine grundsätzliche Ebene. Überall dort hin, wo restriktives Regelwerk und ideologische Intoleranz die menschliche Natur deformieren.

Sprachlich überzeugend in der Diktion des Ich-Erzählers, dessen Zerrissensein sich in seinen Sätzen ausdrückt (und entsprechend gut übersetzt), schlackenlos, konzentriert, so wie Literatur sein sollte: eine handliche Bombe, die erst im Kopf denkender Leser detoniert.

dpr

L.R. Carrino: Der Verstoß. Pulp Master 2013 (Acqua Storta. 2008. Deutsch von Klaudia Ladurner). 124 Seiten. 11,80 €

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