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Arbeitsprobe: Domestiken III, Anfang

Posted by Dieter Paul Rudolph - 23. Januar 2013

Ab und zu veröffentliche ich hier Arbeitsproben, natürlich nur zu Werbezwecken. Heute etwas aus dem dritten Teil der Domestiken, Anfang März als E-Book, die beiden ersten Teile gibts ja schon und zusammen auch als Papierbuch, aber wem sag ich das. Hier also der Anfang von Domestiken III, mit dem Helden der Folge, einem Würstchenverkäufer, und dem Gesamthelden, dem Chauffeur Mathias Lanhoff, der, wie alle wissen, soeben eins auf die Nase bekommen hat. Es geht seltsam zu im Kopf unseres Würstchenverkäufers, aber in allen Köpfen geht es seltsam zu, in denen des Domestiken-Personals sowieso.

domestiken_ebook_3Wie gut, dass er nur Würste verkauft und kein österreichischer Gefreiter ist. Um es genauer zu sagen: Rostwürste (Bratwürste), Currywürste, Weißwürste (aber nur Samstags), Mettwürste, Brühwürste, Lyonerwürste, gerne mit Pommes rot oder weiß oder nur mit Salz, so nimmt er sie gerne. Moment, er muss jetzt wenden. Nahm die in Reih und Glied auf dem Rost liegenden Würste einen nach dem anderen zwischen die Arme der Holzzange (ist unhygienischer als Metall, aber dafür biologischer) und drehte sie vorsichtig mit den bleicheren Hälften nach oben. Das ging fix – aber der Kunde – er hatte nur einen Kaffee bestellt – sah aus, als habe er es eilig. Außerdem sah er aus, als sei gerade eine Naturgewalt über ihn gekommen. Die Nase lädiert, in den Löchern klebte noch Blut; eine Platzwunde auf der Stirn, nur notdürftig gesäubert, da musste man aufpassen, wie schnell hat man sich eine Blutvergiftung eingefangen.

Rolf Eduardi registrierte das mit der Flüchtigkeit eines Mannes, dem der Beruf jeden Tag die merkwürdigsten Schicksale vor den Imbisswagen trieb. Das war doch – ja, der dicke Benz, genau. Raabes Chauffeur, diesmal ohne seinen Chef, der Teufel soll ihn holen. Jeden Morgen fuhren sie hier vorbei, langsam, wegen der Ampel, die meistens ihre Rotphase hatte.

Raabe im Fond, Akten studierend, für so einen machste dir die Knochen kaputt, ein Jahr lang arbeitest du für den im Versand, immer die schweren Kisten, ein Jahr, meine Damen und Herren, für acht Euro die Stunde, und dann bist du wohl zu teuer oder was, jedenfalls kriegste die Papiere, einfach so. Hier bekam er fünf Euro und das Privileg, sich jeden Abend am übriggebliebenen Grillgut satt essen zu dürfen, na, ich scheiß drauf, was sind denn das für Zeiten!

Wann immer er wahrnahm, dass Raabe und sein Chauffeur – dem er jetzt den Becher Kaffee hinausreichte und die Einsfünfzig kassierte – vorbeifuhren, baute Eduardi den Benz zu einer mobilen Gaskammer um. Trennscheibe zum Chauffeur hoch, gegen den hatte Eduardi nichts, das war auch nur ne arme Sau, alles wunderbar abgedichtet (wenn er Dichtung hörte, dachte er automatisch und nicht an Goethe, obwohl sie im Fernsehen gesagt hatten, von Goethes Gartenhäuschen könne man ein leibhaftiges KZ sehen), und durch einen geheimen Schlauch (die technischen Details sind jetzt unwichtig) wird das Gas in den Fond geleitet, es zischt wie tausend Schlangen, ist aber giftiger als die. Alternativ: Eine lange, sich zum Horizont hin verjüngende Allee, auf beiden Seiten hohe Birken, an denen die Ausbeuter im Wind baumeln, Raabe ganz vorne, ja, Wind, kein Sturm, sie sollen sacht baumeln, ganz langsam.

Das war die Sache mit dem österreichischen Gefreiten. Während der Chauffeur – ohne Jacke, ohne Mütze – seinen Kaffee trank und eine Zigarette rauchte, sah Eduardi Raabe hängen, mit dem obligatorischen Pissfleck auf der Hose, das war so, wenn man gehenkt wurde, man nässte sich ein. Er war schlecht gelaunt, noch von gestern Abend her, von dieser beschissenen Talkshow, prekäre Arbeitsverhältnisse, Mindestlohn, hätte er gar nicht gucken sollen, was erwartet man denn, nur das Politikergewäsch und ein paar „Betroffene“, die stolz darauf sind, sich von ihrer eigenen Hände Arbeit zu ernähren und der Gesellschaft nicht auf der Tasche zu liegen. Und dann meldete sich tatsächlich eine Grundschullehrerin via Facebook und verkündete, diese armen Säue seien Helden und sie werde ihren Kindern morgen Früh davon erzählen.

Eduardi hatte es nicht fassen können. Es waren solche lemurenartigen Wesen, welchen man die Volksbildung überließ, auf dass sie ihre Kopfscheiße in die Köpfe von unschuldigen Kindern abfüllen konnten, solche Dumpftussen, die einfach nicht drauf kamen, dass man nicht Held war, sondern Kriecher, dass man nicht morgens aufstehen sollte um etwas zu arbeiten, von dem man sowieso nicht leben konnte, sondern man sollte aufstehen und die Knarre laden und dann losziehen und alle Schweine— Und für einen Moment kam Eduardi in den Sinn, die Alte sei schlicht untervögelt, seit der Pubertät untervögelt, wer kommt sonst auf so einen Scheiß, in was für einer Welt lebt so eine, wenn nicht in der ständiger vaginaler Trockenheit…

Solche Gedanken wirkten sich heilsam auf Eduardis Blutdruck aus und deshalb dachte er sie. Der Chauffeur reichte ihm den Becher in den Wagen zurück, nickte und ging zu seinem Benz, „seinem“ Benz, haha, jedenfalls stieg er ein und fuhr weg. Eduardi fragte sich, warum Raabe nicht im Fond gesessen hatte.

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2 Antworten to “Arbeitsprobe: Domestiken III, Anfang”

  1. „auf beiden Seiten hohe Birken, an denen die Ausbeuter im Wind baumeln, Raabe ganz vorne, ja, Wind, kein Sturm, sie sollen sacht baumeln, ganz langsam.“ Schön, Genosse.

    • Ria Klug said

      Nicht nur das ist schön und es ist nicht nur schön, es ist auch brisant, und schräg, und schalkhaft, und auf den Rasen gepinkelt …
      Kein Wunder, dass sich dafür nur wenige interessieren.

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