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Wie im Fieber

Posted by Dieter Paul Rudolph - 21. Januar 2013

Es gibt Köpfe, in denen möchte man selbst für viel Geld nicht wohnen. Auch wenn man genug Platz hätte, sich darin auszustrecken.“

Das sind die Anfangssätze, die ich brauche, verstehen Sie? Das sind Sätze, die haben Eier, die haben vor allem einem Schwanz. „George Thousand besaß so einen Kopf. Er bewegte ihn gerade skeptisch hin und her, ein dicker Mann auf meinem Bürostuhl.“

Zack, schon ist man mittendrin! Ohne Prolog, okay? In der Story! Mein Held ist Privatdetektiv oder, wie das in Amerika heißt, Private Eye. Er heißt Mike Shooter, das könnte man da drüben nicht bringen, okay, aber in Deutschland? Da reißen sie mir meine Romane aus der Hand! Alle sechsundzwanzig, die ich im Jahr auf den Markt werfe.

Sie haben richtig gelesen: sechsundzwanzig, alle zwei Wochen einer. Jeder mit ca. 200 Seiten, keine Überarbeitung, kein großartiges Lektorat, wozu gibt es die Rechtschreibfunktion bei Word. Wer beim ersten Mal nicht den SOUND trifft, der haut beim zweiten Mal noch dissonanter daneben, sage ich immer. Ich bin kein Joyce, Gott bewahre! Ich schreibe Krimis, Literatur ist was anderes, das ist das Zeugs, das du für dein Bücherregal kaufst, falls dein alter Deutschlehrer mal unangemeldet zu Besuch kommt oder du eine Germanistikstudentin ins Bett imponieren willst. Nicht mein Ding. Mein Ding ist Detektivliteratur, hardboiled, schwarze Serie, Bogey. Oder für deutsche Verhältnisse: ein besoffener Schnüffler, der ständig pleite ist und Witze über die Bundeskanzlerin macht.

Liest in Amerika kein Mensch mehr, ehrlich. Old school. Und man weiß ja, was in amerikanischen Schulen so los ist. Bei uns zieht die Masche seit dem verlorenen Krieg, das hängt wohl irgendwie zusammen, Loser lesen halt gerne über Loser, die eins über die Rübe kriegen, aber darüber mach ich mir keinen Kopp, sonst wäre ich ja Psychologe. Bin ich aber nicht. Psychologen, das sind die anderen, die Schweden. Ich kenne einen Kollegen, er wohnt in Heidelberg, dessen Protagonist heißt Mats Salamander und überlegt in jedem Roman, ob er sich in den Schären von Stockholm ertränken soll. Wäre nichts für mich. Ich bin eher so der Bourbon-Typ, wissen Sie, zwanzig Seiten schreib ich regelmäßig damit voll, dass Mike Shooter morgens mit einem dicken Kopf aufwacht und sich an nichts mehr erinnern kann, nur an das Parfüm dieser heißen Lady, die gestern seine Klientin geworden ist, aber nicht koscher, die Alte, schon klar. Sagte ich gerade zwanzig Seiten? Vierzig!

Ich glaube, es war Chandler, der einmal gesagt hat, wenn man Sätze schreibt, in denen ein Komma ist, dann hat man schon verloren. Weil – also wenn ich meinen Lesern diesen Satz hier jetzt zu lesen geben würde, (Komma!) sie würden ihn nicht verstehen. Jetzt mal übertrieben. Ein Komma ist noch kein Problem, bei zweien wird’s kritisch, bei dreien schreiben sie in ihren Blogs, sie hätten den Überblick verloren. Doch, Chandler hat das gesagt. Oder der andere halt.

Sie werden sich jetzt fragen, wie kann dieser nette und normale Mann so schnell schreiben? Ich stelle Ihnen die Gegenfrage: Wie kann ein Mensch langsamer schreiben? Was muss da in einem vorgehen? Das ist doch krank! Bei einem Krimi ist es ja folgendermaßen. Du musst nicht groß nachdenken. Deshalb: Genre, klar? Genre ist, wenn du nur diesen ersten knackigen Satz brauchst, den mit den Eiern und dem langen Schwanz aus Sätzen, die dieser eine Satz hinter sich her zieht wie das Auto von Frischverheirateten die Blechbüchsen. Das schreibt sich alles wie im Fieber, gewissermaßen. Also sehr, sehr schnell. Eine Seite, das sind keine zehn Minuten, wenn ich mal richtig Tippen lernen würde, also blind, bräuchte ich nur fünf Minuten. Das heißt, in zwei Stunden habe ich mein tägliches Pensum runter. Passt!

Denn jetzt die Sensation: Ich bin Hobbyautor. Ich arbeite nebenbei noch richtig. Wenn Sie eine Einbauküche brauchen, kommen Sie zu mir in die Abteilung, ich hab immer die günstigsten Ausstellungsstücke, über den Preis können wir reden. Um sieben bin ich daheim, dann wird gegessen, Nachrichten geguckt, dann wird geschrieben, dann ist es halb elf, dann geh ich ins Bett. So ungefähr. Das ist Krimi! Das ist Genre! Alles andere ist Krampf.

Und weiter. „Ich nahm meine Füße vom Tisch und spuckte die Kippe in den Aschenbecher. Was kann ich für Sie tun, fragte ich und wusste sofort, dass die Scheiße gleich dampfen würde.“ Spätestens jetzt hab ich Sie! Da können sie gar nicht mehr aufhören zu lesen! Oder? Sagen Sie jetzt nichts Falsches.

P.S. Wissen Sie, wie lange ich für diesen Artikel gebraucht habe? Schätzen Sie mal. Falsch! Ganze sieben Minuten. Und hab ne Orange dabei geschält.

 

dpr

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4 Antworten to “Wie im Fieber”

  1. Ria Klug said

    Hat Mike Shooter nicht auch eine Sekretärin, immer im hochgeschlossenen Kostüm, aber mit Spitzenfahrgestell? Die seine Blessuren verarztet und sein Leergut zum Glascontainer bringt?
    Vielleicht noch einen Taxifahrer dazu, der früher mal Handtaschenräuber war, bis ihm ein Krokodil, das er mit einer Tasche verwechselte, die Arme weggefressen hat. Deswegen jetzt Taxi, weil lenken kann er mit dem linken Fuß. Heißt Joey, hat immer eine Pizza dabei und Shooter muss ihm die Haare kämmen. Oder beim Pipmachen helfen.
    Quasi auch Sozialkritik und echte Gefühle, trotz rauher Schale. Weil innen weiche Birne.
    Das Ganze sprachlich noch besser als Wolf Haas, derwo ja Lingiu … Leguanist …
    Ich kauf alle Bände, aber nur als hardcover!

    • Dieter Paul Rudolph said

      Du wirst lachen, er hat sogar einen japanischen Dönerladenbesitzer, der ihm immer rohes Schweinefleisch auf die Frostbeulen legt, die er sich bei seinen Ausflügen in die eisigen Abgründe der Seele holt. Haas? Nö, das ist litter-atur. Hardcover? Klar, is doch Pulp…

  2. Ria Klug said

    Ich lache nicht denn ich bin neidisch. Warum komm ich nie auf solche klasse Plots? Bin ich vielleicht auch zu litter-arisch?

    • Dieter Paul Rudolph said

      Kein Problem. Ich hab gerade meine Plot-im-Dutzend-Sonderangebots-Wochen. Gut abgehangene Plots, originalverpackt, nur 19,99. Vorkasse.

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