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Der Ladenhüter

Posted by Dieter Paul Rudolph - 19. Januar 2013

Ich erwarte nicht viel. Meine besten Zeiten als Erfolgsautor sind längst vorbei, sie dauerten ein paar Minuten, da war ich jung, lag irgendwo im Gras und träumte. Jetzt, mitten in der Wirklichkeit, habe ich mich mit der Vorstellung angefreundet, zu den notorischen Huckepackautoren zu gehören, denen also, die von Verlagen nur auf dem profitablen Rücken anderer Autoren zur Veröffentlichung transportiert werden können. Wenn mir einer sagt, Krimi boome, dann erwidere ich erstaunt: Ach? Je nun, meiner nicht. Keine Trauer, kein Neid, keine Depression. In Augenblicken der Schwäche halte ich mich an die Literaturgeschichte und zähle im Stillen auf, wer von den Großen zu Lebzeiten erfolglos geblieben ist. Oh, damit kann man sich köstlich die Stunden, die Tage vertreiben!

Auch die Leserbeschimpfung habe ich mir weitgehend abgewöhnt. Sie ist Kopfschütteln gewichen und der bitteren Erkenntnis, dass man nicht erwarten könne, jemand, der sehenden Auges die Zukunft seiner Nachkommen zerstört, besitze etwas anderes als kulturelle Nullkompetenz. Nein, die Leute tun mir leid, aber bitte, ich bin für Freiheit und Demokratie, sollen sie doch machen was sie wollen, meine paar Hundert Leserlein hab ich ja auch.

Paar Hundert? Eigentlich schon. Doch jetzt ist das passiert, was selbst mir, einem nüchtern seine Möglichkeiten bedenkenden Menschen, den Boden unter den Füßen wegzureißen droht. Ich habe einen Ladenhüter geschrieben. Einen, der diesen Namen wirklich verdient. Sogar die Tatsache, dass dieses Buch gewissermaßen im Eigenverlag erschienen ist, dass keine Rezensionsexemplare verschickt wurden, kein Verlag noch so kleine Werbemaßnahmen realisiert hat, kann nicht kaschieren, was mit „Domestiken I / II“ geschehen ist. Niemand will das Buch. Gedruckt wollte es bisher nur ein einziger (ich kenne ihn, er ist ein lieber Kollege), digital als E-Book nur eine einzige (dafür im Abonnement, denn „Domestiken“ ist ein Krimi in zwölf Fortsetzungen). Gut, Fortsetzungskrimi. Du kaufst dir ein Buch und am Ende stehst du da und hast keinen Mörder, bestenfalls eine vage Vermutung, wie es weitergehen könnte. Das ist Anti-Werbung, wer tut sich das an?

So gut wie niemand. Den ersten Teil von „Domestiken“ habe ich sogar verschenkt, als E-Book. Hunderte haben zugegriffen und selbst wer den Zeitpunkt des Umsonstseins verpasst hat, zahlt lediglich 99 Cent für diese Ouvertüre zu einem am Ende wohl knapp 1000seitigen Werk. Hat nichts geholfen. Den zweiten Teil will niemand. In Worten: niemand. Weil der erste Teil so misslungen ist? Ja, könnte sein. So ehrlich ist man dann schon, diese Möglichkeit wenigstens in Betracht zu ziehen. Zu misslungen. Man selbst zu schlecht. Aber sofort regt sich Widerspruch. Oder zu gut? Das solls ja geben. Zu neu, zu anders, so gegen alle Moden. So tröstet man sich.

Nein, stopp, so etwas darf man nicht preisgeben. Das ist Schwäche. Und da draußen lauern welche, die klopfen sich jetzt auf die Schenkel und sagen: Hab dich! Der Typ ist ein Versager, ein mieser Autor, lasset es uns fröhlich bloggen und twittern und facebooken, auf dass alle Welt wisse: Dpr schreibt Ladenhüter. Wird er jetzt endlich das Handtuch werfen? Aufgeben? Resignieren?

Ach was. Im Gegenteil. Mich beflügeln solche Dinge. Ich werfe dann regelmäßig alles Konziliante, alles Kompromissmäßige ab. „Domestiken“ ist die Fortsetzung von „Menschenfreunde“, aber ein mäandernder Roman, der auf seinem Weg zum Ziel etliche andere Geschichten streift, mit sich zieht, sich durch sie hindurch formuliert, um wieder zurückzukehren zum „Plot“. Das wird so bleiben mit zum bitteren Ende, wahrscheinlich jetzt noch rigoroser. Was habe ich zu verlieren? Liest ja sowieso keiner. Gehört nicht zur „Krimiszene“, selbstverlegt, das liest kein Kritiker, das kommt nicht automatisch ins Haus, dazu müsste man den Autor kontaktieren oder tatsächlich ein paar Cent opfern, das ist eben nicht drin in unserer Krimikultur. Lieber zweihundert Rezensionen zum Krimi X von Autor Y, der hübsch beworben wird.

Also zu früh gefreut. Ich gebe nicht auf. Leckt mich doch. Ich brauche euch nicht. Verrottet doch in eurer Dutzendware. Und, bitteschön: Wer sagt euch eigentlich, dass ich nicht noch ein zweites Leben habe? Eins, in dem ich wirklich ein Erfolgsautor bin? Unter Pseudonym schreibe und das Geld mit der Schubkarre heimfahren muss? Der Gedanke, dass ich nicht bluffe, verdirbt euch jetzt das Wochenende. Gut so.

P.S.: Nein, keine Werbelinks. Ich mache es euch nicht so einfach, nie.

dpr

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6 Antworten to “Der Ladenhüter”

  1. Ria Klug said

    Die Frage nach dem Mörder gehört zu den eher unwichtigen Fragen. Viel spannender ist das das Warum, die gesellschaftliche Gemengelage, aus der Verbrechen entstehen. Eine vage Ahnung reicht völlig, oftmals ist der oder die Exekutiernde selbst ein Opfer. Ist er/sie gefasst, findet sich sofort jemand anders für den Job. Wirklich spannend ist doch, wodurch das entsteht.
    Also, gräme dich nicht. Dann lieber Krimis aus billigen Versatzstücken zusammenferkeln und nicht mit der fast berstenden Blase eine Stelle suchen, die noch niemand angestrullert hat.
    Deine Blogs sind so herzerfrischend, dass ein Buch von dir auf meinem Wunschzettel steht. Welches weiß ich noch nicht, aber ‚was von dpr‘ kommt direkt nach ‚Götterdämmerung‘.
    Es gibt noch Hoffnung …

  2. Ria Klug said

    Ok, ich klaue es …

  3. DPR, als bekannter Ladenhüterproduzent kann ich nur sagen: Fitzgerald! Früh berühmt, durch den Erfolg des Gatsby reich. Alkoholiker der Sonderklasse, verheiratet mit der gemütskranken Zelda, zwischen Romanen durch die Welt zigeunernd (oder ist das jetzt auch umbenannt?) bis zurück zur Armut, Im Todesjahr 1940 verkaufte Fitzgeralds Verlag der Fama nach gerade ein Exemplar seines The Great Gatsby. Die Bekanntheit, die er noch zum Ende seines Lebens hin genoß, fußte auf seinem Ruf als Chronist der Zwanziger, des Jazz Age. Einer seiner bekanntesten Sprüche lautet: You don’t write because you want to say something, you write because you have something to say. Leider nahm das kaum noch jemand zur Kenntnis.

    Also: so gegen halb zehn Uhr morgens murmele ich beim Aufstehen vom Computer meist: Fitzgerald. Dann ist es bei euch halb fünf Uhr nachmittags. Heute hebe ich meine Tasse grünen Tee in deine Richtung und murmele Fitzgerald, dpr und ich. Wenn du mir das Gleiche tust, haben wir der Welt gesagt, dass sie uns trotz aller Liebe am Arsch lecken kann.

    • Dieter Paul Rudolph said

      Boah, wenigstens Zelda bleibt mir erspart… Darf ich dir auch mit einer Tasse schwarzen Kaffee zuprosten?

  4. Kle said

    „Gesegnet seien, deren Dasein ohne Endlichkeit ist. Die unglücklich Liebenden und Schreibenden.“
    Ecririx

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