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Harry Hole schon mal die Versatzstücke

Posted by Dieter Paul Rudolph - 14. Januar 2013

Für den Schwedenkrimi bin ich verloren. Achtundvierzig Jahre nach seiner Geburt, als er unschuldig aus dem Leib eines fruchtbaren Autorenduos namens Sjöwall / Wahlöö kroch, sitzt mir ein agiles, mit allen Wassern gewaschenes Subjekt gegenüber, die Schläfen grau, das Auftreten seriös, das Bankkonto gut gefüllt. Wirklich zu sagen haben wir uns nichts.

Da muss schon der Zufall ins Spiel kommen. Derjenige, dem es gefallen hat, einen Krimi von Jo Nesbø auf meinem neuerworbenen E-Reader zu installieren, „Rotkehlchen“ heißt er (es ist auch ein zweiter fabrikmäßig aufgespielt worden, ich habe bisher nicht gewagt, ihn anzulesen, ich ahne, was mich erwartet, so langweilig können die Lesezeiten doch gar nicht sein, dass ich… jedenfalls nicht mehr im Januar). Der Herr mit dem durchgestrichenen O schreibt Schwedenkrimis, ist aber, welch Überraschung, Norweger. Das ist schon der erste Grund, warum ich im Allgemeinen Schwedenkrimis nicht mag. Sie sind auf eine kalkulierte Art und Weise „global“ geworden, nicht nur Skandinavier schreiben sie, was man zur Not noch verstehen könnte, nein, ALLE WELT schreibt Schwedenkrimis. Nesbø sehr erfolgreich, ein gewisser Herr Jussi Adler-Olsen fällt mir noch ein, Däne, ich mag seinen lustigen Vornamen, ob ich seine Bücher mag, habe ich noch nicht getestet.

Aber nein, dieser kleine Aufsatz, der auch eine Rezension ist, muss anders beginnen. Mit dem furchtbaren Hype um Stieg Larsson vielleicht, der mit seiner autistisch-emmapeelig-shakespeare’risch agierenden Lisbeth Salander DIE eierlegende Wollmilchsau des Schwedenkrimis geschaffen hat. Eine Figur, in der sich alles, aber auch wirklich alles bündelt, was des Krimilesers Herz zu erwärmen scheint und was sich bei Jo Nesbø zwar nicht in einer Person, aber in der knapp 400 Seiten starken Handlung wiederfindet. Rekapitulieren wir rasch.

Nesbøs Held heißt Harry Hole, wobei ich nicht weiß, ob das Hole tatsächlich so ausgesprochen wird, wie wir es mit unserem Schulenglisch annehmen und ob es wirklich als „Loch“ übersetzt werden darf. Hole ist AlkoHOLiker (oh mein Gott, dieses Wortspiel geht auf meine, nicht auf Nesbøs Kappe, hoffe ich zumindestens) und Polizist, eine gerne genommene Kombination. Er hat eine Tochter, die irgendwie behindert ist, wenn man auch nicht genau erfährt wie, jedenfalls geistig, aber sie meistert ihr Leben und das ist doch schön. Hole hat beim Besuch des amerikanischen Präsidenten Mist gebaut und irrtümlich einen Agenten angeschossen, aber eigentlich war das nicht seine Schuld, er hat nur seine Pflicht getan. Jedenfalls befördert man Hole, man lobt ihn weg, bringt ihn aus der Schusslinie.

Apropos Schusslinie. Ein alter Mann will ein Präzisionsgewehr kaufen, mit dem man prima Attentate verüben kann. Der Mann wird bald sterben, er hat noch eine Sache zu erledigen, ihre Wurzeln reichen zurück in die Zeit, da Norwegen von deutschen Truppen besetzt war, also über fünfzig Jahre (der Roman spielt übrigens im Jahr 2000, mit Rückblenden). Zufällig bekommt Hole Wind von der Sache und beginnt zu ermitteln, was er besser nicht getan hätte. Denn er verliert dabei eine Kollegin aus seiner früheren Abteilung, die einem Waffenhändler auf die Schliche kommt, der wiederum eigentlich ein Kollege ist und der Kollegin auf die Schliche kommt und durch einen Neonazi töten lässt, den er dann selbst tötet, als der aufzufliegen droht. Das alles kann man hier ruhig erzählen, Nesbø erzählt es ja auch.

Das Hauptthema von „Rotkehlchen“ sind die Kollaborateure, die während der deutschen Besatzung für den Feind gearbeitet haben, für ihn ins Feld zogen und, falls sie dort nicht gefallen sind, nach dem Krieg als Landesverräter vor Gericht gestellt und weggesperrt wurden. Heute leben sie grummelnd im modernen Norwegen und verstehen die Welt immer noch nicht. All das wird in Rückblenden erzählt, wobei sich die auf eine bittersüße Liebesgeschichte zwischen einem Norweger und einer österreichischen Krankenschwester konzentrieren.

Doch, das ist schön gemacht. Schön verwirrend. Man weiß, dass alles für den Fall eine Rolle spielt, aber man weiß noch nicht wie. Jedenfalls spielt es eine Rolle für den Schwedenkrimi, den Nesbø schreibt, denn ein Schwedenkrimi heißt so, weil er bestimmte Elemente braucht. Als da wären: korrupte Politik, faschistische Tendenzen, korrupte Polizei und vor allem: einen kaputten Ermittler oder, für die anspruchsvolle Klientele: einen Ermittler, der ständig in seine eigenen Abgründe schaut.

Das alles gibt es, wie gesagt, seit etwa 48 Jahren, als Sjöwall / Wahlöö ihre Tote aus dem Götakanal zogen und die erste Schwedenkrimi-Welle auslösten, die gar nichts gegen die zweite war, für die Herr Mankell verantwortlich zeichnet, der seinerseits die erste Welle reaktiviert hat. Nur dass die ersten Schwedenkrimi-Ermittler, Martin Beck und die Seinen, nicht wirklich „kaputt“ waren, sondern von den Verhältnissen zugerichtet und geläutert. Resigniert, zynisch geworden oder, wie Chef Beck selbst, hellsichtig. Überhaupt das Psychopathologische, das ist, nun ja nicht „neu“, aber ein relativ neues Element im Schwedenkrimi. Bei Sjöwall / Wahlöö war selbst der Kindermörder nicht einfach „verrückt“, sondern vor allem isoliert, vom Wohlfahrtsstaat aufs Abstellgleis geschoben und sich selbst überlassen.

Der Täter in „Rotkehlchen“ ist hingegen eine „gespaltene Persönlichkeit“, wie man am Ende erfährt. Es ist Nesbø hoch anzurechnen, dass er gespaltene Persönlichkeiten nicht mit Schizophren gleichsetzt, der Mann hat gut recherchiert. Auch die Geschichte der Nazi-Kollaborateure, versteht sich. Solche Sachen waren ja nach dem Krieg überall dort, wo Deutsche wüteten und Besetzte dabei mithalfen, ein Tabuthema, aber zu behaupten, Nesbø habe in „Rotkehlchen“ ein solches aufgegriffen, wäre lächerlich. Die Sache ist wissenschaftlich durchgekaut, die Beteiligten größtenteils unter der Erde, das Ganze auf endgültige Art historisch.

Und eins muss man auch noch erwähnen: „Rotkehlchen“ entstand, BEVOR ganz Norwegen und die Welt auf spektakuläre Weise erfuhren, welche Nazitypen zwischen den Fjorden ihre bizarren Welten erbauen und mit Gewehren auf Inseln fahren und Jugendliche abschießen. „Rotkehlchen“ ist also keine Trittbrettfahrt.

Doch, der Roman liest sich gut. Er ist spannend, wenngleich am Ende völlig überdreht. Wie da alles zusammenpasst… was für dramatische Wendungen aufgefahren werden… die beiden Liebesgeschichten pilchern gewaltig, nur das Happyend wäre für Sonntagabend ZDF, Primetime ein wenig zu flau. Sonst aber: alle Achtung. Das ist – genau: Mainstream. Dass ich mir vor ein paar Tagen Gedanken über den Mainstream gemacht habe, hat mit „Rotkehlchen“ zu tun, ein Buch, das Meta-Mainstream ist, ein Musterbeispiel dafür, wie man heutzutage größere Lesegemeinden anspricht. Indem man ihnen schlichtweg ALLES bietet, was auf 400 Seiten Platz findet, das Gesellschaftskritische, das Psychologische, das Hormonelle, das Historische – habe ich etwas vergessen? Bestimmt. Er ist eben unendlich, der Schwedenkrimi. Er wird bleiben. Er wird sich nicht groß ändern. Er wird höchstens noch unendlicher werden.

Entschuldigung für den kindischen Titel dieses Beitrags.

P.S.: Lieber Verlag. Danke für den kostenlosen Krimi. Aber: Hättet ihr ihn nicht wenigstens vernünftig formatieren können? Und wer bin ich, mich über jeden Tippfehler zu mokieren, ausgerechnet ich… aber SO VIELE? Hätte nicht sein müssen.

dpr

Jo Nesbø: Rotkehlchen. Ullstein 2003 (OA: 2000). Deutsch von Günther Frauenlob

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5 Antworten to “Harry Hole schon mal die Versatzstücke”

  1. peterjkraus said

    Da ja man wissen muss, was die Vielverdiener alles so schreiben, und weil – ausser Larsson – Schwedenkrimis bei uns nicht so arg verbreitet sind, hab` ich die $5,99 ausgegeben und The Redbreast gekauft. Abgesehen vom seltsamen Namen Harry Hole (den Amis pawlowhaft mit Sexuellem verbinden, gar keine Frage. Weiß man hier doch, wie sich Skandinavier so benehmen, in der Hinsicht. Was sich vielleicht trotzdem als verkaufsfördernd erweist.) wurde The Redbreast von der Washington Post die höchste Ehre zuteil: „Ranks with the best of current American crime fiction“. Könnte also einer von uns sein.

    Ich fand´s auch recht ordentlich. Ich meine, wer wie ich mit diesem unsäglichen Nazischeiss aufgewachsen ist, mit dem Mist, den Hollywood seit sechzig Jahren produziert, der lernt, den Harry nicht so furchtbar ernst zu nehmen. Meine Alkies sind auch so wie Harry: Schluckspechte mit Herz. Und die Liebesgeschichte mit dem Opa und der Wienerin? Na ja.

    Gut ist immer die allgemein trübe Stimmung, dieser ewige Weltuntergang der Schwedenkrimis (ja, ich zahle gelegentlich diese horrenden Portogebühren und lasse mir welche aus Deutschland schicken – alles im Sinne der Forschung). Wenn sie auch lustig agieren merkt man eben doch unterschwellig, dass eigentlich alles Scheisse ist. Vor allem für einen, dem Kalifornisches seit früher Jugend anerzogen wurde, ist das eine erstaunliche Welt. Wie halten die das nur aus? Kein Wunder, dass die alle saufen. Und solch dickbäuchige Autos bauen.

    „… a conspiracy is taking rapid and hideous shape around Hole… and Norway´s darkest hour may be still to come.“ Hofft die Washington Post damit auf eine Fortsetzung?

    • Dieter Paul Rudolph said

      Ja, liest sich nicht schlecht. Obwohl man irgendwann automatisch die Versatzstücke zu zählen beginnt, um sich zu vergewissern, dass der Autor auch bloß keins vergessen hat.
      Das Rotkehlchen ist wohl erster Band einer Trilogie. Makes sense, denn ein Erzählstrang baumelt am Ende noch offen und verspricht Stoff für weitere Abenteuer unseres Helden.

  2. Ria Klug said

    Jaja, die Salander Liesbeth, der feuchte Traum der Spießer im gesetzten Alter. Obwohl, der Hildebrandt Dieter meinte ja, heutzutage würden die Spießer immer jünger …
    Wie ich hörte, hat Larsson sich um die Durchblutung seiner Leserschaft gesorgt und im zweiten oder dritten Band noch ordentlich nachgelegt.
    50 shades of sweden crime novel, oder so.

  3. Mira said

    Ähm… Sos ist nicht Harrys Tochter, sondern seine Schwester… jetzt bin ich mir echt nicht sicher, WIE aufmerksam dieser Krimi überhaupt gelesen wurde, wenn einem sowas entgeht. Vermutlich so aufmerksam, wie ich diesen Artikel gelesen habe, ich habe nämlich nach diesem Fehler mit Sos einfach aufgehört zu lesen.

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