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Immer Ärger mit den Unabhängigen

Posted by Dieter Paul Rudolph - 7. Januar 2013

Ich halte nichts von Verschwörungstheorien. Schon gar nicht von der, „die Verlage“ hätten sich zusammengerottet, um gemeinsam die „Independents“ aus dem immer lukrativer werdenden E-Book-Markt zu boxen. Die einzige Theorie, die mir in diesem Zusammenhang plausibel scheint, ist die einer unheilvollen Allianz von Denkfaulheit und Strunzdummheit, von Nachplappern und Vorurteil (hübscher Jane-Austen-Titel übrigens). Heute war wieder so ein Tag, an dem einem bestätigt wurde, dass man mit dieser Hypothese gar nicht so falsch liegen kann. Eine liebe Kollegin hat bei Facebook vorgeschlagen, den 7. Januar doch fürderhin als „Selfpublisher Dissing Day“ zu feiern, eine gute Idee, besser als jeder „Weltnichtrauchertag“.

Was ist nun passiert? Amazon hat eine Statistik der erfolgreichsten E-Book-Titel des vergangenen Jahres veröffentlicht – und irgendwie haben die sogenannten „Independents“ nicht mehr so gut abgeschnitten wie in den Vorjahren. Okay, kann passieren.

Für das „Literaturcafé“ indes ein gefundenes Fressen, wie schon die Zwischenüberschriften des Artikels veranschaulichen: „Schlechter Ruf der Selbstverleger schadet Amazon“ – „Amazon ist kein Wohlfahrtsverein für Selbstverleger“ – „Gatekeeper kehren zurück – Amazon setzt auf Verlagskompetenz“.

Soso. Irgendwelche Fakten? Ja klar, aber die sind entweder rein spekulativ (etwa über Amazons Bewertungskriterien) oder schlichtweg Unsinn (würde jeder, der seine Werke für begrenzte Zeit kostenlos anbietet, „kurzfristig in die Top 10 der meistverkauften Titel“ kommen und „gutes Geld“ verdienen, müsste diese Top 10 mindestens 400 Titel umfassen, was mathematisch sehr gewagt wäre, wie man selbst in Literaturcafés zwischen zwei Stücken Besserwissertorte ahnen sollte.

Als nächstes meldete sich eine freiberufliche Lektorin zu Wort, um dramatisch zu verkünden, fürderhin keine Manuskripte von Selbstverlegern annehmen zu wollen. Wie sie die tägliche Konfrontation mit diesen beschreibt, klingt auch wirklich schlimm. Sie sind wahre Fehlermaschinen, ungeduldig und undankbar, verlangen den fehlerfreien Text und reagieren, tatsächlich, sogar emotional!

Doch stopp – DIE Selbstverleger? Kann schlecht sein, denn dass die Dame alle geschätzt hunderttausend Wannabies betreut, ist schon zeitlich nicht drin. Waren es vielleicht zwanzig, dreißig, hundert?

Na gut, Schwamm drüber. Wir neigen alle zum Verallgemeinern und irgendwann muss man Luft ablassen, auch wenn’s niemanden interessiert. Luft ablassen musste wohl auch Andrea. Andrea hat ein „Lesejournal“, das folgerichtig „Andrea’s Lesejournal“ heißt. Würde Andrea nicht nur lesen, sondern das Gelesene auch verarbeiten, hätte sie sich den Apostroph sparen können, aber das nur nebenbei. Auch Andrea hat ein Problem: Die E-Books der Selbstverleger sind ihr zu billig. „Wo 2,99 drauf steht, ist auch nur 2,99 drin“ behauptet sie. Andrea hat gelernt, dass gute Bücher Geld kosten, immerhin liest sie seit dreißig Jahren. Nicht gelernt hat sie, wie sich der Buchpreis zusammensetzt. Die Hälfte des Verkaufspreises kassieren, übern Daumen, Vertrieb und Handel, meistens noch mehr. Der Verlag hat Kosten, die ebenfalls bezahlt werden wollen usw. Der Autor erhält im Schnitt seine acht Prozent und hüpft fröhlich von dannen.

Wer selbst E-Books verlegt, etwa bei Amazon, erhält entweder 35 oder gar 70 Prozent des Verkaufspreises. Größere Ausgaben stehen nicht an (leider auch keine fürs Lektorat, was man schleunigst ändern sollte). Es müssen auch keine 1000 gedruckten Exemplare vorgehalten und bezahlt werden, ob man sie nun verkauft oder nicht. Und was tun nun diese bösen AutorInnen? Sie geben diesen Vorteil an die Leser weiter. Prima, sagen die sich. Jahrelange wurde gemosert, Bücher seien generell zu teuer. Jetzt werden sie billiger – und das ist auch nicht recht. Wer immer noch nicht wusste, dass Deutschland ein komisches Land sein kann, der weiß es spätestens jetzt.

Das alles sagt nichts über die Qualität der von den „Independents“ angebotenen Bücher aus, die „Werke“ zu nennen mir einfach nicht gelingen will. Das meiste ist – Schrott. So wie vieles, was uns via Groß- oder Mittel- oder Kleinverlag offeriert wird, irgendwie Schrott ist oder ein bisschen besser oder ganz nett, jedenfalls: entbehrlich. Die alleinige Tatsache, dass sich diese Entbehrlichkeiten innerhalb eines „etablierten Marktes“ bewegen, ist kein Qualitäts- sondern schlicht ein ökonomisches Merkmal. Das festzustellen, ist banal. Leider nicht banal genug, um common sense zu werden.

Ich könnte jetzt ganz böse werden und behaupten, seit alle Welt gratis und via Blog ihre Ansichten in die Welt hinausposaune, sei die auch nur noch die Hälfte wert. Ein Argument, das mir übrigens sehr bekannt vorkommt, kursierte es doch noch bis vor kurzem generell in bloggerfeindlichen Kreisen. Inzwischen weniger, seit nämlich die Bloggerfeinde selbst bloggen. Bleibt uns also eine schlichte Erkenntnis: Wo „Andrea’s“ draufsteht, ist auch „Andrea’s“ drin. Das immerhin haben wir heute gelernt.

dpr

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2 Antworten to “Immer Ärger mit den Unabhängigen”

  1. Sehr gut!!!

  2. peterjkraus said

    Nun ja, wenigstens kann man sich über einen derartigen Schwachsinn hübsch aufregen. Damit ist der Tagesfrust weg, und man hat sich die Pille für später aufgehoben.
    Ist wirklich ein dämlicher Artike. Hätte ich dem Literturcafe eigentlich nicht zugetraut, aber man kann ja nicht immer obenauf sein.
    Guter Artikel, dpr. Man kann sowas nicht unwidersprochen stehen lassen.

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