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Ein Gespräch mit Guido Rohm

Posted by Dieter Paul Rudolph - 3. Januar 2013

rohm     Guido Rohm ist kein Krimiautor; mithin hat er die besten Voraussetzungen, einer zu sein. In unseren modernen Zeiten, die immer noch zwischen „Krimi“ und „Literatur“ unterscheiden, steht der 1970 in Fulda geborene und dort lebende Rohm mit beiden Beinen im Alles und Nichts. Schon die Titel seiner Texte  – „Blut ist ein Fluss“ (2010), „Blutschneise“ (2011), „Die Sorgen der Killer“ (2012) – versprechen alles und halten nichts, so wie es gute Literatur nun einmal tut. Sie enttäuscht die Erwartungen und, wenn sie wirklich gut ist, räumt Altes aus dem Gehirn und schafft Platz für Neues.

Ist Rohm also ein Experimentator, wie es sein Kollege Thor Kunkel behauptet hat? Ja und nein. Rohm schreibt über Verbrechen, was ihn in eine Reihe mit den großen „Verbrechensliteraten“ von Homer über Shakespeare bis Schiller stellt, und zugleich an den Anfang dessen, was Kriminalliteratur im 19. Jahrhundert war. Er steht damit außerhalb des Genres, eine beobachtende Instanz. Die Verbrechensliteratur beschäftigt sich mit Verbrechen unter moralischen Gesichtspunkten. Genau das tut Rohm. Seine Moral ist jedoch analytisch, nicht oktroyierend. Natürlich sind seine Texte Überspitzungen, Blut- und Mordorgien, monströs inszenierte Schlachtfeste. Dahinter lauert das Alltägliche. Etwa in seiner Erzählung „Untat“ (die 2013 bei Conte erscheinen wird), eine hinterhältige Variation von Max Frischs „Biedermann und die Brandstifter“, hinterhältig deshalb, weil sie die Verhältnisse umkehrt und vom Kopf auf die Füße stellt.

Guido Rohm schreibt Literatur, zu der man „Krimi“ sagen kann. Nicht weil sie „Krimi“ wäre, aber weil man sich wünschte, es gäbe mehr von dieser Sorte Text, sie würde das Genre perforieren, Luftlöcher hineinschießen, damit der Mief aus ihm weiche.

Zu Person und Werk: http://de.wikipedia.org/wiki/Guido_Rohm#Leben_und_Werk

Dieter Paul Rudolph: Guido, wer hat dir den Floh ins Ohr gesetzt, du seist ein Krimiautor?

rohm_blutflussGuido Rohm: Es gibt diesen Floh, auch wenn er nicht in meinem Ohr sitzt.  Er ist unterwegs, irgendwo, und er ärgert ein paar Leute. Er sorgt dafür, dass man mich nicht ganz vergisst.

Ich denke nicht, dass ich ein Krimiautor bin, auch wenn ich hauptsächlich über Gewalt schreibe.

Es gibt eine Menge Bücher dort draußen, die man als „Krimi“ bezeichnen könnte, aber niemand tut es. Es sind Romane, die sich ohne dieses Etikett durchsetzen konnten. Für mich ist das Schubladendenken des Marktes wichtig, weil es mich – zumindest momentan – unterbringt. Es verschafft mir ein Zuhause, ein Dach über dem Kopf, um nicht gleich beim nächsten Sturm von der Literaturkarte gefegt zu werden. Es lässt mich leben, überleben.

Ich würde mich selbst als einen recht unordentlichen Schubladenbewohner bezeichnen. Und das stört bereits einige Mitbewohner – Leser wie Kritiker -, weil sie merken, dass ich ihre geliebte Schublade umräume und mit Sprüchen überziehe, die ihnen ganz und gar nicht in den Kram passen. Ich übersäe  ihre geliebte Schublade mit Müll. Man könnte sagen, dass ich ein Schubladenbesetzter bin, einer, der sich im „Krimi“ eingenistet hat, von dem aber viele das Gefühl haben, dass er nicht dorthin gehört. Sie würden mich gerne zum Teufel jagen. Noch bin ich da, und ich hoffe, es noch eine ganze Weile dort aushalten zu können.

Ich und mein reisender Floh kommen nicht gut miteinander aus, wir liegen ständig im Streit, dabei mag ich ihn. Als Floh hat er es bereits schwer genug.

Du musst wissen, ich lese selbst nur wenige Krimis, ich weiß  nicht mal genau, was einen Krimiautoren wirklich auszeichnet. Kannst du mir denn sagen, was das ist, ein Krimiautor?

DPR: Natürlich kann ich das. In deiner Antwort kommt das Wort „Schubladenbesetzter“ vor und ich vermute mal, das ist ein Tippfehler. Aber genau so ein Schubladenbesetzter ist ein Krimiautor. Im Gegensatz zum „Schubladenbesetzer“. Das ist der Unterschied Passiv / Aktiv. Gute Krimiautoren sind nie gute Krimiautoren, sonst wären sie nämlich Krimiautoren. Sie sind aber Schriftsteller, Leute, die mit Sprache arbeiten.

Bei dir assoziiere ich stets den Begriff „Verbrechensliteratur“, mit dem man Leute wie Homer, Shakespeare oder Schiller vom „Genre“ abgrenzt. Historisch sicher korrekt, literarisch jedoch fatal. Um auf den Floh zurückzukommen: Im Gegensatz zu dir lese ich sehr viele Krimis, aber die wenigsten bringen mich dazu, dass ich mich an den unmöglichsten Stellen meines literarischen Körpers kratzen muss. Bei deinen Nichtkrimikrimis ist das anders. Sie sind mir unangenehm. Ein größeres Kompliment weiß ich nicht zu machen. Aber wenn du keine Krimis liest – was liest du dann?

rohm_blutschneiseGR: Oh, da hatte ich tatsächlich „Schubladenbesetzter“ geschrieben. Das ist schön, weil es ja passt. Ich stelle sie mir gerade vor, diese Schublade, die mit Büchern und Autoren, mit Lesern und Meinungen, mit Vorurteilen, mit Krimskrams, mit so vielen Dingen, die mir jetzt gar nicht einfallen, bestückt ist. Sie hockt auf mir drauf, auf meinem Rücken, meinem Nacken, teils auf meinem Kopf, und ich ächze und versuche mit dem Gewicht, das sich da aufgeladen hat, zu schreiben. Das ist nicht einfach, es kann aber auch helfen, weil es einen Druck aufbaut, von dem man sich befreien möchte. So gesehen würde ich meine Aussage dahingehend korrigieren, dass ich Schubladenbesetzer und Schubladenbesetzter bin; ich bin zugleich Täter und Opfer des Ärgernisses, und um diese Konstellation – Täter, Opfer – geht es ja in den meisten meiner Bücher. Großartig. Ein Hoch auf die Freudschen Verschreiber.

Um nun auf deine Frage zurückzukommen, was ich lese, müsste ich seitenlang ausholen, das wollen wir uns ersparen, es würde dich und mich und die Leser ermüden. Es gibt da keine festen Größen, weil meine Liebe für bestimme Bücher oder Autoren keine Treue kennt. Ich befeuere meine Literaturliebe durch dauerhaftes Fremdgehen. Früher las ich eine Menge Science Fiction, damit fing es an, mit Schreibern wie Asimov und Dick, Alfred Bester, Vonnegut. Ich muss mich jetzt schon bremsen, sonst finde ich kein Ende.

Später kamen die Schriftsteller dazu, von denen man meinte, man müsse sie auch gelesen haben. Es gibt einige, die man, schreibt man selbst, unberührt lassen sollte, weil ihre Sogwirkung zu mächtig ist, wie z.B. Arno Schmidt.

Wenn mein Leseverhalten bis heute von einem Grundtrieb gesteuert ist, dann von dem der Sprunghaftigkeit. Überhaupt scheint es mir, dass ich ein Feind von Systemen bin. Wenn mir die Hochliteratur erklären will, wie Sprache und Bücher zu funktionieren haben, wird man mich sofort an der Seite der Trivialliteratur sehen. Umgekehrt wäre es genauso. Ich wohne, nicht nur als Leser, an einer langen Grenze, die ich beständig in die eine wie die andere Richtung überschreite.

Ich bin ein Grenzbewohner. Das kennzeichnet mich wohl am genauesten.

DPR: Genau diese Grenze interessiert mich an deinen Texten besonders. Du hast richtig geschrieben, dass dieses Sich-zu-etwas-zugehörig-fühlen, sei es nun Hoch- oder Trivialliteratur, genau dann aufhören sollte, wenn sie einem Vorschriften machen wollen. Nun bist du aber, ob du es willst oder nicht, stigmatisiert. In deinen Romanen duften die Lockstoffe des „Genres“: Blut, Massenmord, Gemetzel, Psychopathen. Auf der anderen Seite assoziiert man als einigermaßen erfahrener Hochliteraturleser deine Texte immer sofort mit entsprechenden Bildern. Dein neues Buch „Untat“ etwa erinnert mich frappant an Frischs „Biedermann und die Brandstifter“, eine überraschende Neuinterpretation gewissermaßen. Eine Kurzgeschichte von dir besteht aus einem einzigen langen Satz, was natürlich gleich „James Joyce, Ulysses“ assoziiert. In einigen Texten kommst du selbst vor, man ruft sofort „Metaliteratur!“

Ich denke, das ist so eine Art Grundhaltung von dir. Wie stellst du dir den idealen Leser deiner Texte vor? Ist das, was du ihm bietest, eine Auswahlmöglichkeit? Nimm du, Krimileser, das Blut, und du, Hochliteraturleser, die Assoziation? Oder schreibst du, der Grenzbewohner, bevorzugt für andere Grenzbewohner?

rohm_killerGR: Ich schreibe nicht für einen idealen Leser, von dem ich auch gar nicht wüsste, wie er beschaffen sein sollte. Es gibt diese idealen Leser nicht, die man ja erst herstellen müsste. Und wenn es sie doch gibt, dann würde mir das Angst machen. Es wären Roboterleser, die man programmiert hätte. (Seltsam, denn während ich dies hier schreibe, denke ich, dass es die idealen Leser vielleicht doch gibt. Die Werbung steuert sie, die Kritiker führen sie an ihren Rezensionsketten durch die Gegend. Es ist eine schreckliche Vorstellung, und wenn es so sein sollte, dann will ich für all diese idealen Leser hoffen, dass sie sich schon bald befreien können. Viele Leute ängstigen sich vor einem selbstbestimmten Leben (ich auf meine Art ja auch). Also bleiben sie lieber in ihren Lesekäfigen und lassen sich füttern, statt in der freien Wildnis die Beute selbst zu erlegen.

Ich schreibe für keine Art von Literaturbewohner. Ich schreibe für mich, auch weil mich die meisten Bücher, die ich in die Hände bekomme, inzwischen so unsäglich langweilen. Wenn ich die ersten Sätze eines Buches lese, kommt es mir vor, als wäre es einem großen Buch entnommen worden, das wieder und wieder veröffentlicht wird.

Ich hüpfe von Buchinsel zu Buchinsel, aber was ich wirklich suche, ist die Einfachheit meiner Kindheit, vielleicht lese ich deshalb momentan hauptsächlich Kinderbücher. In drei Wochen kann das schon ganz anders sein. Dann werde ich sie vielleicht verfluchen. Ich weiß es nicht. Mein Denken ändert ständig die Position, aber so bleibt die Sache wenigstens spannend.

Es gibt einige verspielte Autoren, in denen man mich finden kann, wenn man das möchte. Italo Calvino wäre ein solcher Schriftsteller. Oder auch Boris Vian.

Die Bücher, die ich schreibe, kommen ganz aus dem Augenblick, in dem sie entstehen. Ein Roman wie „Blut ist ein Fluss“ hat mit dem heutigen Guido nichts mehr zu tun. Das Buch blickt mich mit fremden Augen an. (Ich schreibe übrigens in einem sehr schnellen Tempo, und ich schreibe stets kurze Bücher, weil diese Methode meiner Sprunghaftigkeit gerecht wird. Es ist nicht so, dass mir der Atem fehlen würde. Ich will mich nur nicht selbst langweilen, also springe ich von Buch zu Buch.)

Es gibt nur ein Motto, dem ich mich unterordnen würde. Es stammt nicht von mir, sondern von Lars von Trier: „Meine Familie hatte sehr genaue Vorstellungen von Gut und Böse, von Kitsch und guter Kunst. Mit meiner Arbeit stelle ich all das in Frage. Ich provoziere nicht nur die anderen, ich erkläre mir, meiner Erziehung, meinen Werten, auch ständig selbst den Krieg. Und ich attackiere die Gutmenschen-Philosophie, die in meiner Familie herrschte.“ Ja, das würde ich unterschreiben, und wenn ich es nur unterschreiben würde, um es in einigen Tagen zu widerrufen.

Jetzt sind wir bei Lars von Trier angekommen. Das ist gut so, weil wir uns über Filme unterhalten sollten. Warum? Weil Filme ein wichtiger Bestandteil meines Lebens sind. Vielleicht sogar der Wichtigste. Aus Filmen habe ich viel für meine Art des Schreibens gelernt. (An dieser Stelle sei mir ein kleiner Aufruf an die Leser, von denen ich nicht weiß, wie sie aussehen, gestattet: Vergesst die Bücher. Schaut euch Filme an!)

DPR: Über Filme? Ich fürchte, dazu kann ich wenig beitragen. Meine Lieblingsfilme sind nach wie vor „Some like it hot“ und „Jonas, der im Jahr 2000 fünfundzwanzig Jahre alt sein wird“ oder so ähnlich. Zum letzten Mal im Kino war ich Anfang der Neunziger, ein Woody-Allen-Film (ich weiß im Moment nicht mal genau, ob man „Allen“ so schreibt). Kurz: Ich bin wohl kaum dein idealer Leser. Ich behaupte: Die besten Filme entstehen beim Lesen im Kopf. Die abstrusesten Filme. Hast du einmal in deinem Kopf Jean Paul verfilmt? Oder Nabokovs „Lolita“ (also nicht die Kleine-nackte-Mädchen-Lesart)? Andererseits lese ich eine Menge Krimis, in denen der Autor das Kopfkino des Lesers diktatorisch okkupiert. Zuerst passiert das, dann das, im Kühlschrank, der gerade geöffnet wird, befindet sich ein halbleerer Becher Margarine, zwei Zitronen und sonst nichts, die Heldin hat ein hängendes Lid und trägt ein zartrosa Kleid.

Wie würden sich deine Bücher verändern, wenn du sie verfilmen würdest? Siehst du sie selbst beim Schreiben als bewegte Bilder?

rohm_fleischnullGR: Ja, es gibt diese Bücher, die das Kopfkino, wie du richtig schreibst, diktatorisch okkupieren. Es kommt in solchen Romanen zu regelrechten Beschreibungsexzessen, zu Massakern, weil den Autoren die poetische Sicht fehlt, die nötig ist, um die Gegenstände vom gewöhnlichen Blick zu befreien. Autoren, die für derlei Massenmorde verantwortlich zeichnen, sind für mich keine Schriftsteller, sondern Romanschlächter. Sie marschieren in ihre Textlandschaft ein und lassen augenblicklich jedes Bild verhaften, dass sich ihnen entgegenstellt; sie verhören es, horchen es aus, bis von dem Bild nichts mehr übrig ist, außer all den Worten, die das Bild in den Verhörraum erbrechen musste: „Bin gelb, bin groß, dick, dünn, sitze auf der Anrichte, waren sieben Teller links, drei Tassen rechts, tragen einen Hut, keinen Hut.“

Thomas Bernhard hat ja sehr richtig erklärt, und ich zitiere ihn jetzt frei aus dem Kopf, dass das, was er sehen kann, das braucht er in einem Text nicht, das wäre ja dämlich, es aufzuschreiben, sondern nur das würde einen Sinn machen, dass man es niederschreibt, was man nicht sieht. Ein Schriftsteller muss das Unsichtbare beschreiben. (Bernhard ist einer der Autoren, die ich wieder und wieder lesen kann, weil er musikalische Texte schrieb, diese wundervollen Partituren, mit all ihren Wiederholungen, mit diesen langen Sätzen, die ein Thema anschlagen, variieren, verlieren, wieder aufnehmen. Er ist ein durch und durch singender Schriftsteller gewesen – nein! -, kein singender Schriftsteller, sondern einer, der die Worte wie ein Orchester leitete, der mit einer kleinen Wortmelodie anhob, um dann die Streicher ein Erdbeben aus dem Konzertsaalboden stampfen zu lassen. Es sind ungemein lebendige Texte, die er geschrieben hat. Elfriede Jelinek werte ich ähnlich, auch Goetz, der kein Romanschreiber ist, der aber in der Lage ist, mit seinem Schreibhammer auf die Worte einzuschlagen, dass es eine Freude ist, den Funkenflug, der dabei entsteht, zu beobachten. – Der Umgang vieler Medien nach der Nobelpreisverleihung an Elfriede Jelinek war beschämend. Sie ist eine große Schriftstellerin, da muss man sich nur ihren Roman LUST vornehmen, da schlägt sie mit einem Satz ganze Romane aus den Bücherregalen. – Sie ist – nur nebenbei – eine große Krimifreundin, eine durch und durch das Genre liebende Freundin. In ihren frühen Jahren hat sie unzählige Krimis besprochen.

Ich bin abgeglitten, habe ich mich irgendwie treiben lassen, denn ich wollte doch vom Film erzählen, der die Königskunst ist, der all die anderen Künste aufgenommen hat, der sie in sich vereinigt. Filme sind in ihren besten Momenten Träume, die auf eine Leinwand getropft sind. Ich liebe Fellini, Godard, Pasolini. Diese Liebe, die man einzelnen Künstlern entgegenbringt, ihren Schöpfungen, die ist wichtig, weil sie die eigene Leidenschaft entfacht, weil sie uns zum Klingen bringen kann.

Nur im Film entdecke ich neue Erzähltechniken, es ist, als wäre die Postmoderne noch nicht im Film angekommen, sondern als würde er noch voll und ganz in der Moderne stecken, im Entdecken, und nicht nur im Zitat.

Wenn ich schreibe, dann sehe ich teils Bilder wie in einem Film, teils sprudeln die Worte, ohne, dass ich sie wirklich beeinflussen könnte. Es kommt beim Schreiben zu wahnhaften Zuständen, zu einem Sprung in einen reißenden Fluss, der einen mit sich zieht, der einen unter Wasser drückt; alles geht so schnell, man hat kaum Zeit, über das Geschehen nachzudenken. Es klingt alles sehr esoterisch, aber es ist so, und ich kann es nicht anders wiedergeben.

Ich habe nie einen Plan für ein Buch, einen ausgearbeiteten Schaltplan. Alles beginnt mit einem ersten Bild, dem ich folge. Ich lasse mich von dem Bild ziehen, und bin meist selbst überrascht, was geschieht.

Oft steckt ein Satz hinter einem Roman, der Versuch, mich über ein Thema auszulassen. BLUTSCHNEISE hat das versucht. Ich wollte den Kapitalismus an seinen bestehenden Rand treiben. Ein solcher Text darf nicht unterhalten, sonst hat er sich und die Leser verraten. Er muss schmerzen, muss wehtun, muss Wunden hinterlassen. Viele Leser sträuben sich gegen solche Texte, die sie verwunden, die ihnen nicht mit einem Handschlag entgegen kommen.

Vielleicht bin ich mehr eine Art Konzeptkünstler als ein Schriftsteller. Ich weiß es nicht. (Ich finde auch keinen intellektuellen Zugang zu meinen Büchern, und nicht nur nicht zu ihnen, sondern auch nicht zur Welt, einfach deshalb, weil ich kein Intellektueller bin. Wenn ich all die hehren großen Worte lese, die andere Schriftsteller zu ihren Werken finden, kann ich nur staunen. Es gibt ja Dichter, die bieten mir ganze Weltbilder an. Mit denen möchte ich nichts zu tun haben. Sie wirken auf mich so endgültig, so tot. Ich bin und bleibe ein Grenzbewohner, ein Flüchtling. Ja, ich befinde mich auf der Flucht.

Die Flucht bestimmt das Tempo meines Lebens. Ich bin und bleibe ein Nomade.

DPR: Hm, also ich unterhalte mich bei der Lektüre deiner Bücher durchaus. Blutschneise, zum Beispiel. Als dort der Sohn von Guido Rohm getötet wurde, das fand ich… mutig? Jedenfalls gegen die herrschende Moral geschrieben. Andererseits bist du ein Leserverführer, wenn nicht gar ein Leserverderber. Du lockst sie in deine Bücher, indem du 1A-Wellness-Blutbäder offerierst, und dann kriegen sie etwas ganz anderes und fühlen sich – um im Bild zu bleiben – im falschen Film. Andererseits, du hast es angedeutet, sind deine Bücher sehr „realitätshaltig“, um ein aktuelles Lieblingswort der Kritik zu gebrauchen. Die Kapitalismuskritik in Blutschneise, die fürchterliche Biedermann-Mentalität in Untat – du schwebst tatsächlich zwischen den Versatzstücken des Trivialen und den Ambitionen der „besseren Literatur“. Dass du damit keine Bestseller produzierst – geschenkt. Warum aber tut ein großer Teil der sogenannten Krimikritik immer noch so, als wärst du nicht existent? Schubladenproblem?

rohm_untatGR: Man kann sich über große Teile der Krimikritiker nicht beschweren. Sie mühen sich, und zumindest Thomas Klingenmaier hat mich wahrgenommen, indem er FLEISCHWÖLFE/0 in der STUTTGARTER ZEITUNG besprochen hat. Die kleinen Verlage, in denen ich veröffentliche, werden nicht übersehen.

Wie alle Firmen, ist die Krimikritik ein Betrieb, in dem es „menschelt“. Von den Dingen, die da oftmals im Hintergrund ablaufen, bekommen die Leser nicht viel bzw. gar nichts mit. Eitelkeiten und merkwürdige Fehden beherrschen das Geschehen. Wer sich wehrt, wird vom Firmengelände gekehrt. Auch für mich kam ein Punkt, an dem ich entscheiden musste, ob ich weiterhin kusche, oder ob ich einem Kritiker in den Arsch trete. (Ich habe mich für den Arschtritt entschieden.) Jetzt liege ich als verschmutztes Papier am Bordstein vor den Werkstoren und warte darauf, dass man mich aufliest.

Zum „Realismus“: Es gibt keine realistische Literatur, sie ist eine Schimäre. Jeder Art von Literatur ist bereits ideologisch vom Autor aufgeladen. Er ist der Gott, der über eine Welt entscheidet. Schicksal und Zufall sind Produkte seines Willens. Genau darum geht es ja in Romanen wie BLUT IST EIN FLUSS und BLUTSCHNEISE. Die Kunstwerke werden ganz im Sinne Brechts als artifizielle Produkte vorgeführt. Die Frage, die sich anschließt, ist, wie wir mit den medialen Angriffen umgehen, die tagtäglich abgefeuert werden. Wie viel Realität dringt noch in uns ein? Was sehen wir, wenn wir die brennenden Türme vom 11. September 2001 in einer Dauerschleife betrachten? Was empfinden wir dabei? Was ist mit einer Realität, die zu einem Event verkommen ist? (Nicht umsonst hat Washington Drehbuchautoren eingeladen, um sich Gedanken über künftige Katastrophenszenarien zu machen. – Nicht wir sind Herr über unsere Sichtweisen, sondern sie werden gemacht und  gesteuert. Sie unterliegen den Bilderschöpfern, den Wahrheitserfindern.)

Ich versuche, Leser in eine moralische Zwickmühle zu bringen. Der Kapitalismus fand/findet sein Endziel (nicht nur in einem allegorischen Sinn) in den Lagern der Nazis, dort, wo der Mensch seiner Menschlichkeit beraubt, zum reinen Endprodukt einer Todesindustrie wurde. Deshalb bleibt dieses Verbrechen auch für alle Zeiten so einmalig. Es kam zu einer industriell betriebenen Vernichtung. – Die Sprache der Nazis und des modernen Managements gleichen sich augenfällig. Hier wie dort wird der Mensch entpersonalisiert, wird er zu Menschenmaterial, zu Humankapital.

Zurück zur Kritik: Man kann meine Bücher oberflächlich anlesen, dann bleibt ein schlechter Geschmack zurück, weil man meint, auf einen miserablen amerikanischen Krimi reingefallen zu sein, den man, auch das gab es, „angewidert“ zur Seite legt. Man muss schon tiefer lesen, muss sich auf den doppelten Boden, der vorhanden ist, einlassen wollen. Das ist mit Arbeit verbunden.

Kritiker werden mit Büchern überschwemmt, sie ersaufen nahezu in ihnen. Da bleibt ihnen oft nicht viel Zeit, und wenn man sie findet, dann schustert man sie auch gerne Autoren zu, mit denen man auf die eine oder andere Weise verbandelt ist. (Wer Augen hat, der beobachte, dann wird er viel Seltsames entdecken.)

Ich habe das Thema für mich abgehakt.

Trotzdem würde ich lügen, wenn ich behaupte, dass ich  die Kritiker nicht brauche. Sie sind aber auch nicht so wichtig, wie gelegentlich behauptet wird.

Allerdings gibt es Strukturen, die ich gerne zerschlagen sehen würde.

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3 Antworten to “Ein Gespräch mit Guido Rohm”

  1. […] ihm überwiesen hatte, damit er sich mit mir unterhält – gerne genommen hat, kann ich heute >>>>dies Gespräch hier […]

  2. […] >>>>Ein Gespräch mit Dieter Paul Rudolph! […]

  3. peterjkraus said

    Spitzengespräch. „Ich habe nie einen Plan für ein Buch, einen ausgearbeiteten Schaltplan. Alles beginnt mit einem ersten Bild, dem ich folge. Ich lasse mich von dem Bild ziehen, und bin meist selbst überrascht, was geschieht.“ Geht mir genauso. Gottseidank. Sonst wäre das Schreiben eine Arbeit für Buchhalter.

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