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Nachklapp 2012: Rezensionen

Posted by Dieter Paul Rudolph - 2. Januar 2013

Wenn ein Buch mit dem Locksatz „ein Muss für Fans von Tom Rob Smith!“ eingerieben wird, ist das meistens ein schlechtes Zeichen, zumal dann, wenn der Autor nicht Tom Rob Smith heißt, sondern Sam Eastland. Wenn Sam Eastland eigentlich Paul Watkins heißt und „sich auch mit literarischen Werken einen Namen gemacht“ hat, möchte man das so offiziell als unliterarisch deklarierte Werklein gleich diskret zur Seite legen. Und vielleicht noch „Lieber Verlag, so bitte nicht“ murmeln.

Ich hab’s schließlich doch gelesen. „Roter Zar“ widmet sich der dankbaren Geschichte der Zarenermordung 1918 in Jekaterinburg. Pekkala, Finno-Russe und ehemals „Ermittler des Zaren“, wird von Stalin persönlich (er tritt im Buch auch auf) aus seiner Verbannung erlöst und damit beauftragt, die Umstände des Massakers an der Romanow-Familie aufzuklären. In Wahrheit geht es natürlich um den „Schatz des Zaren“, hinter dem auch Pekkalas Bruder her ist. Zusammen mit dem Sowjetkommissar Kirow bilden sie ein Team, das sich nach Jekaterinburg ins Mordhaus verfügt, ein bisschen recherchiert und ansonsten abwartet, was geschieht.

Die Geschichte wird in einem regelmäßigen Wechsel aus Kernstory und biografischen Rückblenden erzählt, die Pekkalas Weg an den Zarenhof und in die Verbannung rekapitulieren. Hier liegt die erste Schwäche des Buches. Warum der Zar einen Narren an dem jungen Pekkala gefressen hat, wird so recht nicht deutlich. Noch weniger, was diesen zum Ermittler des Zaren qualifiziert. Einen einzigen konkreten Fall schildert uns Eastland und auch das wohl nur, weil er für den weiteren Verlauf der Geschichte wichtig ist. Hier liegt die zweite Schwäche: Dieser Zusammenhang, der sich im dramatischen Finale offenlegt, ist höchst aufgesetzt.

Ansonsten ist das Buch lesbar, nicht mehr und nicht weniger. Man bekommt keine Pusteln, keine Allergien, keinen Brechreiz, man lernt etwas dabei, das man auch aus anderen Quellen hätte lernen können. Pekkala ist als Serienfigur angelegt, warten wir also ab, was da noch kommt.

Historisch geht es auch in Christoph Ernsts „Dunkle Schatten“ zu. Käthe Hirsch, als junge Frau vor den Nazis in die USA geflohen, kehrt 1993 nach Berlin zurück, unter anderem, um Immobilienansprüche geltend zu machen. Dann ist sie tot, alles sieht nach Selbstmord aus. Ihre Großnichte Maja reist nach Berlin und beginnt sehr schnell an diesem Motiv zu zweifeln. Sie trifft Weggefährten ihrer Großtante, auch einen jungen Mann, in den sie sich verliebt, der Nutznießer der Enteignung tritt auf.

Ernst erzählt die Geschichte solide und auf leicht verschlungenen Pfaden, was ihr guttut. Nicht nur die sonst übliche Ansammlung von Fakten, sondern dazu durchaus auch so etwas wie ein Sittenbild der Jahre nach der Wiedervereinigung. Dass man das Ende relativ schnell antizipiert, tut der Sache keinen Abbruch. Empfehlenswert.

Empfehlenswert, wenn auch mit Einschränkungen ist „Teilchenbeschleunigung“, der abschließende dritte Band der Nikola-Rührmann-Trilogie von Bohnet-Pleitgen. Die Heldin, getreulich gealtert, ist im Jahr 2009 angekommen und wird zu einem heiklen Job an das Hamburger Forschungszentrum DESY gerufen. Dort glaubt man einer physikalischen Sensation auf der Spur zu sein, die ganz nebenbei auch fette Forschungsmittel bringen kann. Einzig der renommierte Professor Schäfer hat so seine Zweifel und möchte diese in einem Gutachten manifestieren. Rührmanns Aufgabe: Möglichst vor der offiziellen Verlautbarung dieses Gutachten besorgen. Hört sich einfach an, ist aber schwierig, denn Schäfer ist nicht zu fassen.

Ein lohnenswerter Einblick in den Wissenschaftsbetrieb, gewohnt umstandslos erzählt – aber irgendwann habe ich den Überblick verloren. Die eine oder andere Volte hätte man sich sparen können, der eine oder andere Zufall ist vielleicht doch etwas zu dick aufgetragen. Wer die beiden ersten Bände kennt und mag – ich kenne und mag sie – wird durch das Auftauchen bekannter Figuren entschädigt, aber mag sein, dass genau das des Guten etwas zuviel ist.

dpr

Sam Eastland: Roter Zar. Knaur 2012 (Eye of the Red Tsar. 2010. Deutsch von Karl-Heinz Ebnet). 380 Seiten. 9,99 €

Christoph Ernst: Dunkle Schatten. Pendragon 2012. 367 Seiten. 12,95 €

Bohnet Pleitgen: Teilchenbeschleunigung. Ariadne 2012. 252 Seiten. 11€

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