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Ross Thomas: Die Artie Wu / Quincy Durant – Trilogie

Posted by Dieter Paul Rudolph - 13. November 2009

In drei Romanen hat Ross Thomas seine Helden Artie Wu und Quincy Durant die Welt erkunden lassen. Große Politik und wie sie im Kleinen entsteht und wirkt, Korruption, das gute Böse und das böse Gute und warum hinter den Dingen immer noch andere Dinge lauern. Sternstunden des Genres, hier in Einzelbesprechungen von Dieter Paul Rudolph vorgestellt.

Ross Thomas: Umweg zur Hölle

Ross Thomas kann’s. Nun, das ist keine sensationelle Neuigkeit. Aber was kann Ross Thomas? Amerikas Wirklichkeit hinter dem schönen Schein (die längst auch unsere ist) sezieren, das alles mit einer stilistischen Leichtigkeit, die auf das Schwerdenken verzichtet, einem souverän zusammengestellten Figurentableau und Dialogen, die wie Maßanzüge sitzen. All das – und noch ein wenig mehr.

Der rührige Alexander Verlag nimmt sich seit geraumer Zeit des Thomas’schen OEuvres in wohlfeilen Taschenbuchausgaben an und treibt sein lobenswertes Unterfangen mit dem 1978 erschienenen ersten Fall für Artie Wu und Quincy Durant voran. In „Umweg zur Hölle“ („Chinaman’s Chance“) schauen wir den beiden Freunden, die sich schon seit Waisenhauszeiten kennen, bei einer besonders komplexen Intrigenspinnerei zu, die damit beginnt, dass Wu über einen toten Pelikan stolpert, sich den Knöchel verstaucht und vom „zufällig“ seines Weges kommenden Multimillionär Randall Piers zu Durants Strandhaus gebracht wird. Das Ganze ist natürlich arrangiert – von beiden Seiten. Piers braucht zwei ausgeschlafene Burschen, um seine Schwägerin zu finden, die in eine böse Sache verstrickt und untergetaucht ist. Sie, Silk, gehörte einstmals zu einem erfolgreichen Schwesterngesangstrio, verliebte sich dann in einen aufstrebenden Politiker der Stadt Pelican Bay und wurde Zeuge von dessen Ermordung. Natürlich nehmen Wu und Durant den Fall an – denn was Piers nicht weiß: Auch sie wollen Silk finden.

Es ist eine verzwickte Geschichte um Korruption und Politik, organisiertes Verbrechen und kleine Ganoven, jedes Kapitel knüpft die Handlung engmaschiger. Im ausführlichen, der deutschen Erstübersetzung von 1984 entnommenen Nachwort von Jörg Fauser heißt es daher richtig: „Die Fülle des Stoffs verleitet den Leser indes keinen Augenblick, am Kern des Romans vorbeizuträumen, und dieser Kern ist die Quintessenz der politischen Erfahrungen des Autors – und nicht nur seiner. Es wird deutlich, daß die amerikanischen Thriller-Autoren sich inzwischen auf ein Material stützen können, das seit der Ermordung der Kennedys, den Nixon-Jahren, Watergate bis hin zu den jüngsten Enthüllungen (etwa über Kissingers Amtszeit) in immer neuen Szenarios den amerikanischen Alptraum gnadenlos dokumentiert: die Allianz des wirtschaftlichen, militärischen, politischen und geheimdienstlichen Establishments mit dem organisierten Verbrechen.“

Tatsächlich taucht all das sukzessive in „Umweg zur Hölle“ auf und ist doch mehr als die von minderbegabten Autoren gewohnte Kost aus Anklage und Moral. Am Ende nämlich werden die Guten und die Bösen quasi „ausgelost“, treibt Thomas das Krimispiel gar bis zur Parodie auf all jene Krimis, die mit immer neuen „Enthüllungen“ dem nimmersatten Leser Futter geben. Bei Thomas ist das Stoff für eine lakonische Bestandsaufnahme. Die nun wahrlich zwielichtigen Wu und Durant als die erkennbar „Guten“ inszenieren Gerechtigkeit, weil es sonst niemand tut. Wer bestraft wird, entscheidet seine Position in diesem Spiel.

Ja, sehr schön. Viel schöner aber noch: Das ist bestes Ross-Thomas-Handwerk. Geschickte Dramaturgie, kein Wort zuviel, wunderbare Humoreinlagen und jene bereits angesprochene Leichtigkeit, die nicht vor der Komplexität der Materie kapituliert, sondern sie mustergültig in Handlung umsetzt. Und dass Artie Wu legitimer Anwärter auf den chinesischen Kaiserthron ist, glauben wir sofort.

dpr

Ross Thomas: Umweg zur Hölle. Alexander Verlag 2007 (Original: „Chinaman’s Chance“, 1978, deutsch von Edith Massmann), mit einem Nachwort von Jörg Fauser und einer editorischen Notiz von Martin Compart. 423 Seiten. 12,90 €

Ross Thomas: Am Rand der Welt

Wer einen Diktator stürzt, ist nicht immer ein guter Mensch. Als sich 1986 „das Volk“ der Philippinen gegen den Potentaten Ferdinand Marcos erhob und ihn mitsamt seiner nicht minder fürchterlichen Ehefrau Imelda aus dem Land jagte, schlagzeilten die Häppchen-News gewohnt griffig-optimistisch und prognostizierten nicht weniger als Demokratie. Die Realität gab sich nüchterner: Ein anderer der herrschenden Familienclans war an die Macht gelangt und finster entschlossen, diese sofort mit Zähnen und Klauen zu verteidigen. So tun als ob, das Banner von Gerechtigkeit und Wohlfahrt aufziehen, gehörte zum Plan. Aber kann man so etwas wirklich planen? Davon erzählt Ross Thomas auf seine unübertroffene Art in Am Rand der Welt.

Booth Stallings, „Terrorismusexperte“, erhält ein so delikates wie lohnendes Angebot. Alejandro Espiritu, legendärer Führer des kommunistischen Untergrunds der Philippinen, soll mit fünf Millionen Dollar aus den Bergen gelockt und zum sorglosen Lebensabend nach Hongkong ausgeflogen werden. Er stört die Kreise gewisser Industrieller, denen die Stabilität in der Nach-Marcos-Ära das gemessen am erwarteten Profit überschaubare Sümmchen wert ist. Espiritu und Stallings kennen sich aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, als sie ihre Neigungen zum Terrorismus gegen die japanischen Besatzer auf den Philippinen praktisch umsetzten. Stallings nimmt das Angebot an, spekuliert indes nicht auf die in Aussicht gestellte halbe Million Honorar, sondern den Gesamtbetrag.
Um seinen Plan in die Tat umzusetzen, heuert Stallings das Pärchen Artie Wu und Quincy Durant sowie deren aus dem Thomas’schen Œuvre gut bekannten sideman „Otherguy“ Overby an. Die von den Auftraggebern ins Team lancierte Georgia Blue, Geheimdienstlerin und Bodyguard, komplettiert das Quintett. In Manila angekommen, entwickelt Artie Wu (legitimer Anwärter auf den chinesischen Kaiserthron übrigens, sagt er) eine natürlich geniale Strategie, wie man sich der fünf Millionen bemächtigen kann. Und auf geht’s nach Cebu, wo Espiritu und die Seinen sowie eine Menge Komplikationen schon warten.

Spätestens jetzt wird vom Leser erhöhte Aufmerksamkeit verlangt. Dass ihm Ross Thomas Artie Wus Plan nicht die Bohne expliziert, mag man ja noch als notwendigen dramaturgischen Kniff verdauen. Das nun folgende muntere Seiten- und Gesinnungswechseln aber bleibt mysteriös. Gehört das alles wirklich noch zum Plan oder ist dieser, bevor seine Umsetzung überhaupt begonnen hat, längst aus dem Ruder gelaufen? Wer wird hier wen betrügen? Anarchie oder perfekte Inszenierung?

Die Story gibt sich auf allen Ebenen verwirrend. Nicht nur das Personal verändert beständig seine moralischen Positionen, alles andere gerät ebenso gehörig ins Wanken. Stecken tatsächlich Geschäftsleute hinter dem Coup? Oder doch der amerikanische Geheimdienst? Gar der exilierte Marcos selbst? Man tröstet sich damit, dass am Ende schon alles ans Tageslicht kommen wird. Kommt es ja auch – bis auf den entscheidenden Punkt: Plan oder nicht Plan? Selbst Wu und Durant, die in Am Rand der Welt merkwürdig passiv bleiben, werden nach erfolgter Transaktion rätseln, wie denn alles abgelaufen sei. Die Ereignisse leben bis zum Schluss von der Dynamik der Improvisation, einer fast bis zum Fatalismus kulminierenden Ratlosigkeit, die von Wu und Durant scheinsouverän verkauft wird.

Nun, der Plan des Autors ist jedenfalls aufgegangen. Er hat die Komplexität der historischen Ereignisse auf das Niveau einer spannenden, wie gehabt meisterlich verästelt erzählten Geschichte heruntergeholt und dabei das Kunststück geschafft, diese Komplexität nicht zugunsten der beliebten „verständlichen Darstellung“ aufzugeben. Vielmehr werden durch Verdichtung Strukturen offengelegt. Die verwirrenden Winkelzüge bei den Akteuren, die Intrigen und Ränkeschmiedereien innerhalb der nicht ohne Grund als Familienclan porträtierten Widerstandsgruppe, ein moralisch geschecktes Personal – all das ist ein Abbild des Großen-Historischen. Und das wiederum atmet so gar nicht den Geist des Überlegten und Planvollen, im Gegenteil. Die Geschichte, lehrt Thomas, gründet sich auf eine Architektur aus Willkür und Eigennutz, Ideologien und sonstige Überzeugungen entstehen so rasch wie sie wieder zerfallen. Ermutigend ist das nicht. Erhellend schon.

dpr

Ross Thomas: Am Rand der Welt. Ein Artie-Wu-und-Quincy-Durant Fall. (Out o­n the Rim, 1986). Mit einem Nachwort von Thomas Wörtche. Thriller. Aus dem Amerikanischen von Jürgen Behrens. bearbeitet von Gisbert Haefs und Anja Franzen. Berlin (Alexander Verlag) 2008. 406 Seiten. 14,90 Euro.

Ross Thomas: Voodoo, LTD.

Der Stein, der alles ins Rollen bringt, ist ein Kieselchen, wenn überhaupt. Das erfahren wir natürlich erst zum Ende des Romans, aber gedacht haben wir uns das schon früher. Denn irgend etwas an „Voodoo, LTD.“, dem abschließenden Teil von Ross Thomas‘ Wu/Durant-Trilogie, ist von Anfang an merkwürdig, nein, die ganze Story ist es. Völlig unglaubwürdig, überkandidelt – man kann es nennen wie man will. Also: ein Fehlgriff?

Und welche Dinge wurden doch in den beiden Vorgängerabenteuern unseres wackeren Duos Artie Wu und Quincy Durant verhandelt! In „Umweg zur Hölle“ nichts weniger als Sittenbilder der Korruption, „Am Rand der Welt“ führte uns gar ins Zentrum des Ewig-Politischen. Und „Voodoo, LTD.“? Ein reicher Filmproduzent in L.A. wird erschossen, seine Freundin und Fast-Ehefrau, eine berühmte Schauspielerin, unter Mordverdacht festgenommen. Ihr Anwalt engagiert über einen Mittelsmann (einen exzentrischen Deutschen namens Enno Glimm) zwei dubiose Hypnotiseure aus England. Und die sind plötzlich verschwunden. Es droht Ungemach, und weil der Mittelsmann um seinen guten Ruf fürchtet, will er diese Sache bereinigen und heuert dafür „Wudu, LTD“ an, also unsere Freunde WU und DUrant. Die ihrerseits rekrutieren wohlbekanntes Personal: den hochstaplerischen Otherguy Overby, den Ex-Geheimdienstler Booth Stallings sowie die ebenso heimtückische wie betörende Georgia Blue, die gerade fünf Jahre Knast auf den Philippinen hinter sich hat. Gemeinsam reisen sie nach L.A., um die Hypnotiseure aufzuspüren und von ihren vermuteten Erpressungsversuchen abzuhalten.

Letztlich geht es um ein Honorar jenseits der Eine-Million-Dollar-Grenze, was mehr ist als die Summe, die ein Erpresser für das belastende Video verlangt, auf dem die Schauspielerin in Hypnose den Mord gesteht. Auch dieses Geständnis bleibt merkwürdig, ist offensichtlich manipuliert und hätte vor Gericht keine Beweiskraft. Aber darum scheint es nicht zu gehen. Wu, Durant und ihr Helfershelfer entwickeln ein Szenario der ganz gewaltigen Art, und nichts ist ihnen dabei zu teuer. Sie zahlen 700 Dollar, um einen Mietcontainer zu besichtigen, von dem sie genau wissen, dass er leer sein wird. Peanuts. Sie mieten teure Häuser, protzige Autos – und man fragt sich: Warum zum Teufel das alles? Am Ende tätigt Booth Stallings eine simple Recherche, die den Mordfall aufklärt. Und man fragt sich: Hätte das die Polizei nicht auch vielleicht tun können, zumal es eine naheliegende Recherche war?

Dass man das Buch also nicht nach spätestens den ersten hundert Seiten, auf denen sich die Story mühsam entwickelt, abbricht, hat einen einzigen Grund: Ross Thomas. Der kann schreiben, was eine Wohltat an und für sich ist, selbst wenn nichts dabei herauskäme. Vor allem jedoch: Der Rezensent hat noch nie ein Buch von Ross Thomas gelesen, bei dem nicht irgendein Kniff die Geschichte wenden würde.

Und so ist es auch bei „Voodoo, LTD.“. Ganz am Rande registrieren wir, dass die Handlung 1991 spielt, just zur Zeit des sogenannten ersten Irakkriegs. Gegen Ende werden die Hinweise ein wenig häufiger, der Krieg ist aus, das Buch ist aus, und so langsam dämmert es uns, dass wir über 350 Seiten Ross Thomas‘ Kommentar zum Irakkrieg gelesen haben. Irgend welche Leute haben eine verrückte Idee, aus der sich ein gigantisches Szenario entwickelt, bei dem Geld und Menschenleben keine Rolle spielen. Statt „Wodo, LTD“ werden ganze Armeen losgeschickt, um die Welt wieder heil zu machen. Sie schaffen es – und wozu der ganze Aufwand? Artie Wu und der Rechtsanwalt Mott erklären es in einem kurzen Dialog:

„Ich nehme an, Sie haben das über den Krieg gehört?“
„Daß er vorbei ist? (….) es hat mich merkwürdig kalt gelassen. Wir leben wohl in einer komischen Zeit.“
„Der Krieg wird denen bei den Wahlen nützlich sein.“
„Meinen Sie? Wann sind die – in zweiundzwanzig Monaten? Wenn’s mit der Wirtschaft weiter zurückgeht, wird sich kein Mensch mehr daran erinnern. Aber wirklich kein einziger.
Gehen Sie noch wählen?“ fragte Mott.
„Pflichtbewußt.“
„Dafür oder dagegen?“
„Dagegen“, antwortete Wu. „Ich glaube kaum, daß heutzutage noch jemand für etwas stimmt.“

Hier werden hohe (Kriegs-)Politik und das aus einer Banalität entwachsene Riesenszenario eines Kriminalfalles perfekt zusammengeführt. Eine Rezension des ersten Irakkriegs (schweigen wir ganz vom zweiten) käme zu verblüffend ähnlichen Ergebnissen wie eine Rezension des Romans von Ross Thomas. Eine Kleinigkeit, eine diabolische Laune steht am Anfang, sie entwickelt sich zum Katastrophenszenario, eine Söldnertruppe wird engagiert, um mit immensem Aufwand für Ordnung zu sorgen, Geld spielt keine Rolle, und das alles nur, um am Ende ein paar Wählerstimmen zu gewinnen, die einem wahrscheinlich doch versagt bleiben. Einen Sinn, gar Logik sucht man darin vergebens. Alles ist routiniert, beeindruckend, auf eine gewisse Weise unterhaltsam und spannend.

So hat Ross Thomas einen Kriminalroman geschrieben, der uns den Krieg erklärt und beweist, dass Kriege im Grunde ziemlich sinnlose Kriminalromane sind. Und Kriminalromane, die genau das erklären, sind wichtig und sinnvoll und verblüffend und, da man sich ihre Bedeutung nicht nur erlesen, sondern selbst im Nachhinein auch noch erdenken muss, Musterstücke exzellenter Literatur.

dpr

Ross Thomas: Voodoo, LTD. Alexander Verlag 2009 (Voodoo, Ltd, 1992. Deutsch von Walter Ahlers). 357 Seiten. 14,90 €

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