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Ein Kritiker, ein Buch – zwei Rezensionen (2005)

Posted by Dieter Paul Rudolph - 27. August 2009

Eigentlich wollte ich nur eine Rezension zu David Peace, 1974 schreiben. Dann, etwas später, habe ich die dort beigebrachten Argumente FÜR das Buch so gewichtet, dass sie sich plötzlich GEGEN das Buch kehrten. Aus dem Lob wurde ein Verriss. Ich musste das meiste nicht einmal neu schreiben. Und was lernen wir daraus? Literaturkritik ist eine  höchst sensible Angelegenheit…

Dieter Paul Rudolph (2009)

David Peace: 1974

David Peaces „1974“ gehört in mancherlei Hinsicht zu den erfreulichsten Erscheinungen des bisherigen Krimijahres. Schon dass damit ein kleiner, gar nicht auf Krimis spezialisierter Verlag mehr als einen Achtungserfolg erringen konnte, stimmt optimistisch. Das Buch wurde hinreichend rezensiert, dominierte die „KrimiWelt-Bestenliste“, was wiederum die Notwendigkeit und den Nutzen eines solchen Instrumentes beweist.

Die Geschichte von Edward Dunford, Gerichtsreporter für das nördliche England, nimmt keine Rücksicht auf die sensiblen und durch jahrelanges Lesen höherer Literatur domestizierten Geschmacksnerven seiner Leser. Kleine Mädchen werden brutal ermordet, ein Bau- und Korruptionsskandal scheint damit verknüpft, Leeds und Umgebung sind trostlos, seine Einwohner verzweifelt oder zynisch, brutal oder hilflos, wahrscheinlich alles zusammen. Gewalt regiert, die Säfte fließen, unser Held ist so weit entfernt von einem Helden, wie es weiter nicht sein kann, am Ende überschlagen sich die Ereignisse, alles wird gut, das heißt: Alles wird noch schlechter.

Noir? Hard boiled? Ekelerregend? Natürlich. Meinetwegen. Vor allem aber: Exzellent geschrieben. Ein Text gewordenes Belegstück für die These, Literatur werde nicht zu Literatur, indem man tief in die Reflexionskiste greift und sich in stilistische Höhen zwirbelt, wo Thomas Mann Ernest Hemingway auf die Stirn küsst und Franz Kafka am Horizont stumm dazu nickt. L’art pour l’art, Kunsthandwerk, lächerlich. Peaces Sprache ist angemessen, die Diktion schnell, nervös, sie zerschneidet die Kontinuität des Erzählten wie die Kontinuität seiner Wahrnehmung. Angemessen: Das ist das Wort.

Angemessen. Man schneidet einem Schwan bei lebendigem Leib die Flügel ab und näht sie auf den Rücken eines ebenfalls noch lebenden kleinen Mädchens, dessen Vagina zuvor mit dem Stiel einer Rose malträtiert wurde. Ein Zigeunerlager brennt, die Polizei steht grinsend daneben. Die Mutter eines der verschwundenen Mädchen springt auf, schreit „Ich liebe dich! Ich liebe dich! Ich liebe dich!“, bloß weil Eddie Interesse daran bekundete, das Schicksal ihres Kindes aufzuklären. Dann gehen sie miteinander ins Bett, die Mutter spricht von ihrem Kind, Eddie vollzieht den Akt wie eine nüchterne Buchhalterarbeit (eine der großartigsten Szenen des Romans). Später nötigt er die Frau zum Analverkehr, bis das Blut fließt. Und so weiter.

Angemessen. Aber was wird hier dargestellt? Gewalt als Stilmittel? Der Exzess bis zum Exzess abgebildet? Abgebildet. Was wird hier abgebildet? Die Wirklichkeit Nordenglands, Wirklichkeit gar?

Man muss in einer seltsamen Welt leben, wenn man glaubt, Peace habe uns ein „authentisches Bild“ jener Zeit und jenes Ortes überliefert. Das ist so, als rühmte man James Ellroy als „den Fotografen der unser aller amerikanischen Wirklichkeit“, was er nicht ist, weil er viel mehr ist. Oder schriebe einen Essay über das schwedische Wohlfahrtsmodell an Hand der Romane von Sjöwall / Wahlöö oder, viel schlimmer, Henning Mankell. Nein, Peace hat das Szenario, in dem die bestialischen Morde stattfinden, diesen angepasst. Er hat die Wirklichkeit überdehnt, bis sie so bestialisch wurde wie das, was sie gemeinhin zerstört: das Verbrechen. Das ist nicht die feine Art des Krimis, in dem das Böse wie ein Krater im Normalen klafft. Alles in „1974“ spielt sich auf der gleichen moralischen Ebene ab: der Geschlechtsverkehr, die Mädchenmorde, der Redaktionsalltag, das Billardspiel in einer versifften Kneipe.

Was Peace damit erreicht, ist grandios. Weil alles nivelliert wird, weil Gut und Böse nicht mehr getrennt sind, funktioniert sein Roman wie eine nüchterne Versuchsanordnung. Man ersetze die Mädchenmorde durch etwas weniger Bestialisches, sagen wir: die Lieblosigkeit, mit der man die Jugend sich selbst überlässt – und schon senkt sich das Ambiente drumherum. Die Polizisten etwas weniger brutal, die Geschlechtsakte weniger drastisch, weniger Blut, weniger Kotze, weniger Scheiße. So kann man sich, wie man will, die Wirklichkeit einpendeln lassen, auf ihrem normalen Niveau, das aber alles andere ist als ein zivilisiertes. Grausamkeit, Dummheit, Rassismus: Aggregatzustände des Alltäglichen. Literatur, der solches gelingt, ist große Literatur.

dpr

David Peace: 1974. Liebeskind 2005, 384 Seiten, 22 €


David Peace: 1974 (die Alternativrezension)

(Achtung! Die nachfolgende Rezension gibt nicht die Meinung des Rezensenten wieder!)

David Peaces „1974“ gehört in mancherlei Hinsicht zu den ärgerlichsten Erscheinungen des bisherigen Krimijahres. Belobhudelt, mehr oder weniger verklausuliert gepriesen, von den „Experten“ der „Krimi-Bestenliste“ als Hype der Saison auf Rang 1 gehievt.

Die Geschichte von Edward Dunford, Gerichtsreporter für das nördliche England, nimmt keine Rücksicht auf die sensiblen und durch jahrelanges Lesen höherer Literatur domestizierten Geschmacksnerven seiner Leser. Kleine Mädchen werden brutal ermordet, ein Bau- und Korruptionsskandal scheint damit verknüpft, Leeds und Umgebung sind trostlos, seine Einwohner verzweifelt oder zynisch, brutal oder hilflos, wahrscheinlich alles zusammen. Gewalt regiert, die Säfte fließen, unser Held ist so weit entfernt von einem Helden, wie es weiter nicht sein kann, am Ende überschlagen sich die Ereignisse, alles wird gut, das heißt: Alles wird noch schlechter.

Noir? Hard boiled? Ekelerregend? Natürlich. Meinetwegen. Vor allem aber: ein Werk, das verharmlost, aus dem es moralinsauer tröpfelt, das von seiner krimidramaturgischen Konstruktion hanebüchen daherkommt, aufgesetzt und auf den vordergründigen Effekt hin in Szene gesetzt.

Beginnen wir mit dem Hier und Jetzt der Handlung. Yorkshire, 1974, das sind klare Ansagen. Doch was bietet Peace? Zeichnet er ein Gemälde dieses Ortes, dieser Zeit? Nichts weniger. Wie auch immer die Lebensumstände in Yorkshire im Jahre 1974 gewesen sein mögen – wir erfahren es nicht. Stattdessen erhalten wir ein aus Variationen der Unfarbe Schwarz zusammengeschmiertes Stück erzählerischer Leinwand, alles ist böse, alles hoffnungslos, alles schlecht.

Logischerweise sind auf diesem Bild die handelnden Personen als Charaktere nicht zu erkennen. Wir können, mit etwas Mühe, die ganz Bösen von den weniger Bösen unterscheiden, zu letzteren gehört auch der Protagonist Dunford, der, wann immer ihm ein schrecklicher Gedanke kommt, sogleich loskotzt. Dieses Kotzen ist quasi die moralische Soße, die sich über den Text ergießt. Es ist eine fürchterliche, weil eindimensionale, nicht reflektierte und nicht reflektierende Moral. Wir werden mit der Unmoral konfrontiert und haben die gefälligst zum Kotzen zu finden. Das war’s.

Verharmlosend. Man schneidet einem Schwan bei lebendigem Leib die Flügel ab und näht sie auf den Rücken eines ebenfalls noch lebenden kleinen Mädchens, dessen Vagina zuvor mit dem Stiel einer Rose malträtiert wurde. Ein Zigeunerlager brennt, die Polizei steht grinsend daneben. Die Mutter eines der verschwundenen Mädchen springt auf, schreit „Ich liebe dich! Ich liebe dich! Ich liebe dich!“, bloß weil Eddie Interesse daran bekundete, das Schicksal ihres Kindes aufzuklären. Dann gehen sie miteinander ins Bett, die Mutter spricht von ihrem Kind, Eddie vollzieht den Akt wie eine nüchterne Buchhalterarbeit (eine der großartigsten Szenen des Romans). Später nötigt er die Frau zum Analverkehr, bis das Blut fließt. Und so weiter, keine Differenzierungen, keine Tiefe.

Alles ist eins. So wie das Personal allenfalls amöbiale Funktionen hat, so ist auch das Grauen vom Alltäglichen nicht zu trennen. Das wäre immerhin eine interessante These, wenn sie nicht mit der großen Schaufel auf die Seiten geschippt worden wäre, so plakativ, so erschlagend, so undurchdringlich. Man nimmt es hin – oder nicht. Kein anderer Weg ist möglich.

Und der Krimi selbst? Ich gestehe, dass ich es auf den letzten Seiten aufgegeben habe, die Schuldigen auseinander zu halten. Irgendetwas mit Bauspekulationen hatte es wohl zu tun, die mit Gewalt in die Handlungsführung gezwängt worden sind, weil es heutzutage zu einem „kritischen Krimi“ dazugehört, auch die Großkopfeten zu geißeln. Wer hat wen ermordet und warum? Keine Ahnung. Es hat mich auch nicht mehr interessiert.

„1974“ ist das Paradebeispiel eines völlig überbewerteten Krimis, dessen Sprache vorgibt, „literarisch“ zu sein (dabei werden stets nur die gleichen Muster wiedergekäut; am Anfang interessant, sehr schnell jedoch ermüdend. Schnelligkeit als Mäntelchen für erzählerische Kurzatmigkeit). Diese Sprache wohl auch ist es, neben der schieren Brutalität, die unsere Kritiker hat zu Kreuze kriechen lassen. Über einen solchen Roman schreibt man nichts Schlechtes, zumal wenn der Vorgänger-Rezensent es auch nicht getan hat. So baut sich Hype auf. Schade, Schande.

(Diese Rezension dient ausschließlich dem Ausbau der Meinungsvielfalt. Sie ist negativ, weil alle anderen positiv sind. Sie wäre positiv, wären alle anderen negativ.)

dpr

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